Kommunen als Wegbereiter für eine nachhaltigere Zukunft

Oktober 2020 | Handelsblatt | Zukunft Deutschland

Kommunen als Wegbereiter für eine nachhaltigere Zukunft

Frau Dr. Angelika Kordfelder, Botschafterin für kommunale Entwicklungspolitik, und Herr Dr. Stefan Wilhelmy, Bereichsleiter der Servicestelle für Kommunen in der Einen Welt (SKEW) von Engagement Global...

Dr. Angelika Kordfelder, Botschafterin für kommunale Entwicklungspolitik (Bild: Hermann Willers) | Dr. Stefan Wilhelmy, Leiter Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (Bild: Martin Magunia)
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...sprechen über die Bedeutung von entwicklungspolitischem Engagement für eine global-gerechtere Welt von morgen.

 

Frau Dr. Kordfelder, Sie sind ehemalige Bürgermeisterin der Stadt Rheine und wurden vom Bundesentwicklungsmi-nister Dr. Gerd Müller zur Botschafterin für kommunale Entwicklungspolitik ernannt. Nun sind Sie in deutschen Städten und Kommunen unterwegs und setzen sich für die 17 Nachhaltigkeitsziele ein. Wie sieht vor diesem Hintergrund für Sie die Stadt von morgen aus?
Es soll in der Stadt von morgen darum gehen, die 17 Nachhaltigkeitsziele umzusetzen, die im Jahr 2015 mit der Agenda 2030 von den Vereinten Nationen beschlossen wurden. Das reicht von gesellschaftlicher Teilhabe und Genderaspekten über den Komplex Arbeit, Wirtschaft, natürliche Ressourcen und Umwelt, bis hin zu Klima, Energie und Mobilität – all die Themen, mit denen wir uns heute schon beschäftigen. Die Menschen sollen eine lebens- und liebenswerte Möglichkeit haben, dort zu leben, wo sie sich wohlfühlen. Ziel ist, dass wir die Nachhaltigkeitsziele verinnerlichen und es zu einer Selbstverständlichkeit wird, nachhaltig zu denken und zu agieren.


Herr Dr. Wilhelmy, Sie sind Bereichsleiter der Servicestelle für Kommunen in der Einen Welt (SKEW) von Engagement Global. Was macht für Sie die Stadt von morgen aus?
Die Stadt von morgen wird sich darin auszeichnen, dass sie sich globalen Problemen stellt und widerstandsfähig ist für zukünftige Herausforderungen. Die aktuelle Corona-Pandemie ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch deutsche Städte zunehmend mit globalen Veränderungen konfrontiert sein werden. Daher wird es aus meiner Sicht für die Stadt der Zukunft ganz zentral sein, die Strukturen vor Ort so aufzustellen, dass man solche „Schocks“ besser verarbeiten kann.
 

Welche Rolle spielen kommunale Handelsbeziehungen in der Entwicklungspolitik?
Dr. Angelika Kordfelder: Spätestens seit Covid-19 ist klar, dass in dieser Welt alles mit allem zusammenhängt. Die politischen Vertreterinnen und Vertreter vor Ort wissen das. Bei der Bevölkerung sollte es spätestens angekommen sein, als es Verzögerungen in
der Beschaffung von Schutzmasken aus China gab. Auf der einen Seite muss man sehen, wie man als Kommune selbst handlungsfähig bleibt. Auf der anderen Seite hat die Pandemie auch gezeigt, wie zentral internationale Beziehungen sind – sowohl auf der europäischen Ebene als auch darüber hinaus.

Dr. Stefan Wilhelmy: Der Aspekt der Verflechtung wird ja auch noch anders diskutiert. Es gibt einen leistungsfähigen Weltmarkt, der uns mit Dienstleistungen und Produkten zu oft extrem günstigen Preisen versorgt. Das hat Konsequenzen. Zum Beispiel bei der Digitalisierung, einem Thema, das momentan sehr positiv diskutiert wird. Die flächendeckende Versorgung mit Laptops und Smartphones erfordert aber auch viele Ressourcen, die unter teilweise katastrophalen Bedingungen in der Demokratischen Republik Kongo und an anderen Stellen abgebaut werden. Und es handelt sich dabei um endliche Ressourcen. Das trifft sicherlich auch auf den Bereich der Elektromobilität zu, der mit großen Umweltbelastungen einhergehen kann, wenn wichtige Komponenten wie die Akkus nicht nachhaltig produziert werden.
 

Wie können deutsche Kommunen bei der Bewältigung der aktuellen und zukünftigen Herausforderungen von einem Austausch mit Kommunen im Globalen Süden profitieren?
Dr. Angelika Kordfelder: Hier kommt den Städtepartnerschaften eine besondere Bedeutung zu. Da geht es um eine Sensibilisierung für unterschiedliche Lebensverhältnisse und darum, deutlich zu machen, was eigentlich wichtig ist, um leben zu können und gut leben zu können. Wie wichtig ist Bildung oder das Gesundheitswesen? Und was bedeuten Frieden und  Gerechtigkeit? Das wird hier immer als selbstverständlich angesehen und ist in anderen Staaten eben nicht so.

Dr. Stefan Wilhelmy: Wir erleben, dass es in Partnerschaften auf Augenhöhe um gegenseitiges Lernen geht, zum Beispiel beim Thema Klimaschutz. Gerade die Kommunen in den Partnerländern im Globalen Süden sind oft schon viel stärker vom Klimawandel betroffen. Das heißt, sie sammeln auch schon früher Lernerfahrung und Know-how, von denen deutsche Kommunen profitieren können, zum Beispiel im Bereich Hochwasserschutz. Es geht immer darum, die eigenen Erfahrungen in internationale Diskurse einzubringen und zu schauen: Was kann auch in der eigenen Kommune gut funktionieren?
 

Wo liegen die besonderen Hebel von Kommunen als entwicklungspolitische Akteure?
Dr. Angelika Kordfelder: Kommunen sind der unmittelbare Lebensort von Menschen und die kommunale Vertretung vor Ort ist sozusagen die große Servicestelle, die zur Information und zur Bewusstseinsbildung für Nachhaltigkeit und die großen Ziele der Agenda 2030 beitragen kann. Wichtig ist dabei auch die Vorbildfunktion der Person, die das Bürgermeister- oder Oberbürgermeisteramt bekleidet und das Thema Nachhaltigkeit vorantreibt. Außerdem haben fast alle Städte oder Kommunen bestehende Städtepartnerschaften oder Kontakte in den Netzwerken von Kirchen und Schulen. Das sind gute Anknüpfungspunkte, um ins Gespräch zu kommen. Ich würde bei diesen Stärken beginnen und daran weiterarbeiten.

Dr. Stefan Wilhelmy: Das Thema Vorbildfunktion gilt auch für die Diversität in Kommunen. Wenn ich mich als Verwaltung öffne und die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen und -schichten widerspiegle, ist das eine wichtige Vorbildfunktion auch für andere Akteure vor Ort. Außerdem sind Kommunen „Real-Labore“. Man kann hier viel mehr und schneller ausprobieren als auf anderen politischen Ebenen, wenn es eine mutige Verwaltung und Stadtspitze gibt, die offen für neue Lösungsansätze sind.
 

Frau Dr. Kordfelder, haben Sie eine abschließende Botschaft für die Kommunen?
Ich rate den Kommunen, über den Tellerrand zu schauen und Entwicklungs- und Städtepartnerschaften zu fördern. Es ist so bereichernd, mit unterschiedlichen Kulturen zusammenzukommen, unterschiedli-che Lebensgewohnheiten kennenzulernen – und zu merken, dass wir Menschen am Ende alle gleich ticken. Die Unterstützung der SKEW und von Engagement Global insgesamt, und die Fördermöglichkeiten von Land und Bund sind groß und man kann ordentlich was machen. Man muss es nur tun.


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