Wer einen Hügel besteigt und auf deutsche Landschaften blickt, dem fällt auf, wie perfekt sie durchorganisiert sind. Dort unten hebt sich vom gelben Weizenfeld ein quadratischer Forst mit trennscharfer Waldkante ab. Auf der anderen Seite schließt sich ein Maisfeld an. Die Rinderwiese durchfließt ein begradigter Bach. Jeder Quadratmeter Deutschlands, so scheint es, ist Nutzfläche. In der Tat ist es beinahe genau so: Nur etwa 6,6 Prozent der Fläche Deutschlands sind Naturschutzgebiete.
Natur in Deutschland dient dem Menschen. Aber eine intakte Natur ist viel wichtiger, als gemeinhin bekannt. Erstmals bezifferte den Wert der Naturleistung eine Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. „Naturkapital Deutschland“ erschien 2018 und hat ausgewählte Leistungen der Natur für Wirtschaft und Gesellschaft erfasst und ökonomisch bewertet. Etwa die Leistungen von Bienen. Ein Apfel im Supermarkt kostet vielleicht vierzig Cent. Aber damit er dort liegt, mussten Wildbienen und Honigbienen im Frühjahr von Blüte zu Blüte fliegen, mussten Hecken und Brachflächen ihnen Unterschlupf bieten, musste ein ganzes, unsichtbares System aus Bestäubung, Bodenleben und Wasserkreislauf funktionieren. Erst wenn dieses System ausfällt, wird sichtbar, was es geleistet hat. Das war die Ausgangsfrage der Studie: Was passiert, wenn wir aufhören, die Leistungen der Natur für selbstverständlich zu halten – und stattdessen anfangen, sie zu zählen?
Die Antwort, die das Forscherteam um den Umweltökonomen Professor Dr. Bernd Hansjürgens vorlegte, ist recht konkret ausgefallen. Der wirtschaftliche Wert der Produkte, die von Bestäubungsleistungen durch Insekten abhängen, wird in Deutschland auf 1,1 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Detailzahlen aus den Fallstudien des Projekts zeigen, wie fragil das System ist. Bei einzelnen Kulturarten würde ein vollständiger Ausfall der Bestäubung durch Honigbienen die Erträge um mehr als 90 Prozent einbrechen lassen. Besonders drastisch träfe es den Obstanbau: Hier gehen im Schnitt 65 Prozent des Produktionswertes auf das Konto fliegender Bestäuber – nicht nur der Honigbienen, sondern zu erheblichen Teilen auch der oft übersehenen Wildbienen, die für manche Pflanzen sogar die effizienteren Bestäuber sind. Die Botschaft dahinter: Ein Insektensterben ist kein romantisches Naturschutzthema am Rande der Wirtschaft. Es ist eine Frage der Versorgungssicherheit.
Die Forscher rechneten außerdem nach, was es kostet, wenn Flüsse ihre natürlichen Überflutungsflächen verlieren. Das Hochwasser des Jahres 2013 verursachte in Deutschland Schäden von knapp sieben Milliarden Euro – eine Zahl, die sich jedes Mal wiederholen kann, solange Auen zu Ackerland oder Bauland werden, statt Wasser aufzunehmen. Eine Kosten-Nutzen-Analyse zu Deichrückverlegungen an der Elbe kam zu einem klaren Ergebnis: Der Nutzen durch Hochwasserschutz, Erholung, Naturschutz und Gewässerreinhaltung war rund dreimal so hoch wie die Investitionskosten. Natur wird hier zur Infrastruktur – nur dass sie, anders als ein Deich aus Beton, sich selbst repariert, wenn man sie lässt. Auch Wiesen und Weiden gerieten ins Visier der Ökonomen. Sie schützen nicht nur seltene Arten, sondern binden CO2, filtern Wasser und verhindern Bodenerosion. Die größte Zahl der gesamten Studienreihe kommt jedoch nicht aus Deutschland allein, sondern betrifft ganz Europa. Das Bundesumweltministerium bezifferte den jährlichen Wert des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 auf 200 bis 300 Milliarden Euro – eine Summe, die den gesamten EU-Haushalt für Naturschutz um ein Vielfaches übersteigt und deutlich macht, in welchem Maßstab hier eigentlich gedacht werden müsste. Als der Abschlussbericht 2018 der damaligen Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Rita Schwarzelühr-Sutter, übergeben wurde, war das kein Termin, der die Nachrichten dominierte. Dabei steckte in dem Bericht politischer Sprengstoff: zehn ausführlich durchgerechnete Beispiele dafür, dass ökologische und ökonomische Interessen sich keineswegs ausschließen, sondern in den meisten Fällen exakt dieselbe Richtung weisen. Die Studie lieferte damit das ökonomische Rückgrat für politische Vorhaben wie das Aktionsprogramm Insektenschutz, den Masterplan Stadtnatur und Forderungen nach einer ökologischeren EU-Agrarpolitik. Und sie rührte an ein tieferliegendes Problem: Ein Großteil der landwirtschaftlichen Subventionspolitik belohnt bis heute in erster Linie Fläche und Produktion – nicht die stillen Leistungen, die intakte Ökosysteme nebenbei erbringen. Die Helmholtz-Forscher plädierten für eine gezieltere Ausrichtung der Agrarzahlungen an genau diesen gesellschaftlichen Leistungen. Eine konsequente Umschichtung der Subventionen, so ihr Fazit, könnte erhebliches Potenzial mobilisieren, um das Naturkapital des Landes zu erhalten – statt es Jahr für Jahr weiter aufzuzehren.
Seit 2018 ist einiges passiert. Der Studienleiter von einst, Dr. Bernd Hansjürgens hat gemeinsam mit Sarah Furtak 2025 vorgerechnet, dass sich die Wiedervernässung trockengelegter Moorböden gesellschaftlich lohnt – ein Fallbeispiel, das die Debatte um den Moorschutz mit denselben ökonomischen Argumenten unterfüttert, die einst die Bienen so überzeugend gemacht hatten. Auch Straßenbäume gerieten in den Blick, wenn auch mit einem nüchternen Befund: Ihr wirtschaftlicher Wert schwankt stark je nach Standort, eine pauschale Zahl wie beim Bestäuberwert lässt sich hier nicht seriös bilden.
Die grundsätzliche Nachricht: Naturschutz ist keine Wohltätigkeit, die sich eine wohlhabende Gesellschaft leistet, wenn Geld übrig ist. Er ist eine Investition in die eigene Infrastruktur, in die eigene Ernährungssicherheit, in den eigenen Hochwasserschutz. Wer Ökosysteme zerstört, zahlt später drauf – nur eben nicht an der Kasse im Supermarkt, sondern in Form von Ernteausfällen, Flutschäden und Sanierungskosten, die sich über Jahrzehnte erstrecken.