Allzeitfinanzierungshoch

März 2020 | Wirtschaftswoche | Unternehmertum

Allzeitfinanzierungshoch

Einerseits war der Zugang zu Finanzierungen für Unternehmen wohl noch nie so einfach. Andererseits steigt der Investitionsbedarf kontinuierlich. Alternativen im Finanzierungsmix sind daher nach wie vor gefragt, besonders für mittelständische Unternehmen.

Illustration: Alin Bosnoyan
Julia Thiem / Redaktion

Drum prüfe, wer sich ewig bindet – diese Weisheit scheinen immer mehr Unternehmen bei der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten zu berücksichtigen. Denn die engen Bande zur Hausbank lösen sich offenbar langsam. Das legt zumindest der Finanzierungsmonitor 2020 nahe, den die TU Darmstadt zusammen mit dem digitalen Finanzierer Creditshelf herausgebracht hat. Demnach will nur noch jeder zehnte Mittelständler bei seinem Bankenpartner bleiben. Wohingegen 56 Prozent sich einen Wechsel durchaus vorstellen können oder ihn sogar schon geplant haben. Für Prof. Dr. Dirk Schiereck, Leiter des Fachgebiets Unternehmensfinanzierung der TU Darmstadt, ist das eine insgesamt positive Entwicklung: „Hausbanken waren und sind in ihren Möglichkeiten meistens eher eingeschränkt.“ Wohl auch deshalb steigt laut Studie die Nachfrage nach Alternativen: Mehr als die Hälfte der Unternehmen nutze beispielsweise Leasing, aber auch Lagerfinanzierungen seien mit 36 Prozent sehr beliebt. 70 Prozent der Befragten wollen mit diesen Alternativen die Unabhängigkeit von der Hausbank erhöhen.


Und dass, obwohl es um die Finanzierungsmöglichkeiten deutscher Unternehmen aktuell gut steht, wie eine Unternehmensbefragung der KfW unterstreicht. Demnach halte das Allzeithoch bei der Finanzierungssituation der Unternehmen an. Lediglich 8,9 Prozent der Befragten bezeichnen den Kreditzugang als schwierig. 60,6 Prozent sagen hingen, Finanzierungen seien aktuell leicht zu bekommen. Doch auch hier bestätigt sich: Der Anteil an Bankkrediten hat sich gegenüber vergangenen Befragungen verringert – auch wenn sie mit 53,9 Prozent nach wie vor die wichtigste Finanzierungsquelle bleiben.


Das kann vor allem daran liegen, dass Innovations- und Digitalisierungsdruck im Mittelstand hoch sind und damit der Investitionsbedarf ebenso deutlich steigt. Zahlen der KfW belegen auch hier: Im Stadium des aktuellen Strukturwandels rechnen 28 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen, dass sich die Kosten für Digitalisierung und Co. erhöhen. Zwar bietet die KfW Förderungen für Innovation und Digitalisierung an – etwa den ERP Digitalisierungs- und Innovationskredit ab 1 Prozent effektivem Jahreszins für Investitionen zwischen 25.000 und 25 Millionen Euro. Der Mittelstand tut dennoch gut daran, den wachsenden Investitionsbedarf auf eine breitere Finanzierungsbasis zu stellen.


Als echte Alternative könnten sich hier digitale Wertpapiere herausstellen. Denn die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat bereits im letzten Jahr für Rechtssicherheit bei der sogenannten Tokenisierung von Finanzinstrumenten wie Aktien und Anleihen gesorgt. Damit unterscheiden sich digitale, über die Blockchain emittierte Anleihen beispielsweise regulatorisch nicht mehr von klassischen Mittelstandsanleihen, schalten dabei aber sämtliche Intermediäre wie Banken oder Notare aus. Das macht die Emission von digitalen Wertpapieren auch bei kleineren Volumina, wie sie im Mittelstand benötigt werden, wieder effizient und könnte auf eine Win-Win-Situation für Unternehmen und Anleger hinauslaufen. Erstere könnten ihren Finanzierungsmix auf eine breitere Basis stellen. Letztere finden womöglich unter den neu emittierten digitalen Assets attraktive Beteiligungsmöglichkeiten, die im Niedrigzinsumfeld stark nachgefragt sind. ■