Agile Logistik

März 2020 | Wirtschaftswoche | Unternehmertum

Agile Logistik

In der smarten Stadt der Zukunft kann Künstliche Intelligenz helfen, Mobilität besser zu organisieren.

Illustration: Alin Bosnoyan
Klaus Lüber / Redaktion

Bald wohnen vier von fünf Deutschen in Städten. Der Siegeszug des E-Commerce führt zu mehr Lieferverkehr. Die Kunden werden immer anspruchsvoller – und auch der Einzelhandel will flexible Lieferzeiten sowie sinkende Warenbestände. Für die Unternehmensberater von Roland Berger, die zusammen mit der Bundesvereinigung Logistik die urbane Logistik 2030 untersucht haben, drohen in Deutschlands Städten Verhältnisse wie im Wilden Westen.


Doch was hilft gegen die Gesetzlosigkeit? KI – Künstliche Intelligenz – gilt als vielversprechendes Instrument, um künftig Mobilität klug, effizient und nach festen Regeln zu gewährleisten. Gerade Logistikern bietet KI viel Potenzial, weil die Branche tagtäglich mit vielen Informationen von vielen Partnern an vielen Standorten zu tun hat. KI bietet auf der Grundlage von historischen Daten, Erfahrungen und aktuellen Informationen Prognosen für künftige Entwicklungen. Dadurch planen Logistiker ihre Fahrzeuge und Touren besser, sorgen für mehr Auslastung und mehr Transparenz, sprich Kundenfreundlichkeit.


Amazon macht das seit Jahren. Mit „Anticipatory Shipping“ arbeitet die Plattform seit Jahren an der Idee, Sendungen noch vor der Bestellung in der räumlichen Nähe des Kunden zu lagern. Dabei sagt die Software einen künftigen Bedarf vorher und verteilt die Ware im Netzwerk so, dass sie bei der Bestellung schnell und ökonomisch zum Kunden gebracht werden kann. Das System berücksichtigt auch Faktoren wie jahreszeitliches Bestellaufkommen, Wochentage, mögliche Lieferzeiten und Wetterlagen.


Auch der Modehändler Zalando setzt auf KI, um die internen Logistikprozesse zu verbessern. Dafür hat Zalando sogar kürzlich Ralf Herbrich zum neuen Senior Vice President Data Science und Machine Learning ernannt – der zuvor bei Amazon war.


Doch noch gibt es nur sehr wenige KI-Anwendungen. Wer befürchtet, dass die Technik Deutschlands Städte in blitzblanke Reinräume mit hocheffizienten Verkehrssystemen verwandelt, der kann noch entspannt aufatmen. Denn der Technik stehen einige Hindernisse im Weg.
Da sind zum einen die Daten. Weil Teilnehmer einer Supply­chain meist ihre Datensouveränität wahren wollen, bleibt der Austausch vieler Informationen auf das Notwendigste beschränkt. KI-Lösungen aber benötigen Unmengen an zuverlässigen Daten.  Zweitens fehlen oft Anreize, Informationen zur Verfügung zu stellen. Die Transporteure und Spediteure profitieren selten direkt von KI – warum also sollten sie ihre Daten herausrücken? Auch sind hohe Investitionen notwendig, um mit den agileren Lösungen digitaler Spediteure zu konkurrieren. Und schließlich die Standards: In einem stark fragmentierten Markt ist es schwer, das nötige Gewicht mitzubringen, um Branchenlösungen durchzusetzen.


Doch statt der Rechtlosigkeit könnte es in den kommenden Jahren tatsächlich zum Wilden Westen kommen: Das Recht der Stärkeren gilt. Die großen Player in der Branche setzen ihre Standards durch. Margenstarke Geschäfte schöpfen neue Player mit Plattformmodellen ab. Den vielen kleineren Unternehmen bleibt nur die Hoffnung, in den Weiten der Digitalisierung auf eine bislang unentdeckte Goldmine zu stoßen.