»Kunden wünschen sich das Beste aus verschiedenen Welten.«

April 2018 | Die Welt | Geld
Finanzbranche im Wandel
Die Redaktion befragt Akteure zu den Auswirkungen von Niedrigzinsumfeld und Digitalisierung auf die Geldanlage.
April 2018 | Die Welt | Geld

»Aktien sind kein Allheilmittel einer Niedrigzinsphase.«

Dr. Peter Schwark / Mitglied der Geschäftsführung; Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV)

Seit einigen Jahren wird wieder getrommelt: Rette sich wer kann in die Aktie, vor allem um den niedrigen Zinsen zu entgehen.  Es liegt mir fern, die Aktie als Geldanlage generell in Frage zu stellen. Allerdings wehre ich mich dagegen, Aktien als Allheilmittel aller Anlageprobleme einer Niedrigzinsphase anzusehen. Eine Niedrigzinsphase dämpft bei allen Anlageklassen die Ertragserwartungen. Denn dass die Preise von Aktien und Immobilien parallel zu den fallenden Zinsen stark gestiegen sind, widerlegt mitnichten diesen Zusammenhang. Er ist im Gegenteil der Beweis dafür: Mit stark gestiegenen Kursen nehmen zwangsweise die erwartbaren künftigen Wertsteigerungen ab, die Rückschlagsrisiken zu. Genau das sehen wir nun am Beginn der Zinswende am Aktienmarkt.
Interessant ist ein Blick auf die Marktgegenseite, auf die Anbieter von Aktien, die Aktiengesellschaften. Denn wenn Aktien im großen Stil gekauft werden sollen, braucht es Verkäufer frischer Aktien. Aktiengesellschaften selber wiederum emittieren angesichts günstiger Kreditfinanzierung kaum noch Aktien, kauften 2017 sogar per Saldo mehr zurück als sie emittierten. In den USA sieht es da nicht besser aus.  Was passiert, wenn man die Menschen nun als Reaktion auf das niedrige Zinsniveau veranlasst, im großen Stil Aktien zu kaufen, obwohl kaum Aktien neu auf den Markt kommen? Da entsteht eine Blase. Zur Jahrtausendwende waren wir schon einmal an dem Punkt, als die Begeisterung für Aktien keine Grenzen kannte, ein New-Normal verkündet wurde, nur um kurz darauf einen beispiellosen Absturz zu erleben. In der Altersvorsorge ist die richtige Mischung entscheidend. Sie kombiniert verschiedene Anlageklassen zu Produkten mit Sicherheiten und Chancen. Die zunehmende Vielfalt des Angebots an Altersvorsorgeprodukten kommt dabei den Kunden zugute. Die wichtigste Gemeinsamkeit bleibt eine Garantie für das Leben, dass eine private Vorsorge im Alter den nötigen Konsum lebenslang finanziert.

www.gdv.de

April 2018 | Die Welt | Geld

»Kunden wünschen sich das Beste aus verschiedenen Welten.«

Lars Brandau / Geschäftsführer Deutscher Derivate Verband (DDV)

Disruption gehört zu den schrecklichen Modebegriffen der digitalen Wirtschaft. Eine disruptive Technologie ist laut Wikipedia “eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt.“ Die Digitalisierung verändert unseren Alltag. Mittlerweile gibt es kaum noch Lebensbereiche, die sich der digitalen Transformation verschließen können. Natürlich immer im Interesse des Verbrauchers. Alle Geräte sind miteinander verbunden und lassen sich per Handy oder Tablet überwachen und steuern. Keine Fiktion, sondern Realität. Auch in der Finanzindustrie hält dieser Trend massiv Einzug und stellt die Banken vor große Herausforderungen. Bewährte Geschäftsmodelle werden zum Teil in Frage gestellt. FinTechs sind ein bemerkenswertes Beispiel, wie langjährige, feste Strukturen innerhalb kürzester Zeit einem fundamentalen Wandel unterworfen werden. Zentrale Bereiche der Finanzindustrie wie Zahlungsverkehr, Anlagenverwaltung, Kreditgeschäft, Wertpapierhandel und dessen Abwicklung werden hiervon erfasst. In den kommenden Jahren scheinen Expertenmeinungen zufolge durch die Technologisierung rund ein Drittel aller bisherigen Bankerträge in Deutschland gefährdet.
Abgesehen davon, stellt sich die Frage, was die Kunden tatsächlich gewinnen und ob sie wirklich von den Angeboten Gebrauch machen. Zunächst einmal verändern sich mit den neuen technologischen Möglichkeiten auch die Bedürfnisse der Kunden. Viele Leistungen werden quasi in „Echtzeit“ und auf Knopfdruck ausgeführt. Mittlerweile erledigen mehr als 60 Prozent der Deutschen ihre Bankgeschäfte online. Demzufolge wird digitales Banking bereits von der Mehrheit genutzt. Allerdings möchten viele Kunden dennoch nicht gänzlich auf die Filiale als Hauptanlaufstelle für ausführliche Beratungsgespräche verzichten. Wie so häufig wünschen sich Kunden also einfach das Beste aus verschiedenen Welten.

www.derivateverband.de

April 2018 | Die Welt | Geld

»Der Einsatz von Technologie führt zum Abbau von Hürden.«

Kurosch D. Habibi / Vorsitzender; FinTech-Plattform des Bundesverband Deutsche Startups (VDS)

Die Digitalisierung wird nahezu alle Geschäftsmodelle der Finanzwelt grundlegend verändern. Der Einsatz von Technologie führt dabei zum Abbau von Hürden und vereinfacht bestehende Prozesse, gestaltet sie effizienter oder erschafft sie ganz neu. Im Zentrum steht dabei stets der Kundennutzen. Für viele etablierte Finanzdienstleister ist dies eine ganz neue Erfahrung.

Die digitale Revolution führt dazu, dass Privatpersonen wie auch Unternehmen ihre Finanzen und Vorsorge insgesamt einfacher und besser organisieren können. FinTechs, technologiegetriebene Unternehmen, die die Finanzwelt aufmischen, erstrecken sich derweil über eine große Bandbreite an Themen. Angefangen bei digitaler Kontoführung, Kreditvergabe, privater Krankenversicherung bis hin zur Geldanlage sind Technologieunternehmen aktiv. Auch im gewerblichen Bereich findet zunehmend tiefgreifende Innovation statt. Neben Finanzierungslösungen wie klassischen Krediten sind auch immer mehr komplexe Angebote wie Factoring oder auch Nachfolgelösung und Unternehmensverkäufe im Mittelstand im Markt zu finden. Zudem eröffnen sich aktuell durch Kryptowährungen und die Blockchain weitere umfassende Potenziale.

Die Möglichkeiten sind vielfältig und führen schlussendlich dazu, dass Finanzen und Vorsorge weniger Last denn Bereicherung sind. Für Privat- wie auch Unternehmenskunden sind das sehr gute Nachrichten, denn die neuen Angebote werden frischen Wind in den Markt tragen und dafür sorgen, dass sich die Dienstleistungen zunehmend an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientieren. Dies wird gerade für Privatkunden und den Mittelstand einen enormen Zugewinn an Qualität, Komfort und Professionalität ermöglichen. Spannende Zeiten.

www.deutschestartups.org