Energiewende: Chance für den Industriestandort

Juni 2021 | Handelsblatt | Zukunft Energie

Energiewende: Chance für den Industriestandort

BayWa r.e. AG ist ein global tätiges Unternehmen für Erneuerbare Energien. Ein Gespräch über die Zukunft der Energie und die drängende Umsetzung am Industriestandort Deutschland.

Matthias Taft, CEO, und Jochen Hauff, Director Corporate Strategy von BayWa r.e.
BayWa r.e. / Beitrag

Herr Taft, BayWa r.e. und auch Sie persönlich sprechen in den sozialen Medien von der „Decade that matters“. Was meinen Sie damit?
Matthias Taft: Wir befinden uns im entscheidenden Jahrzehnt, um katastrophale Folgen des Klimawandels noch zu verhindern. Wir haben in den letzten Jahren Grundlagen geschaffen und wichtige Schritte in Richtung Zukunft der Energie gemacht. Aber die Dekarbonisierung muss jetzt mit Nachdruck umgesetzt werden. Das muss nicht auf Kosten der Industrie gehen. Die begonnene Transformation bietet eine gewaltige Chance für den Industriestandort Deutschland und muss jetzt, in diesem Jahrzehnt, deutlich beschleunigt werden.

 

Herr Hauff, wie sieht diese Energiezukunft aus? Was bedeutet das für die deutsche Wirtschaft?
Jochen Hauff: Wir werden eine stärker elektrizitätsbasierte Wirtschaft sehen, mit Strom vor allem aus Photovoltaik und Windkraft. Elektrifizierung sorgt durch mehr Effizienz für einen geringeren Energieverbrauch und die Preise für Strom aus Erneuerbaren sind schon heute wettbewerbsfähig. Strom-versorgung wird dezentraler. Das schafft Raum für innovative Anwendungen: Zum Beispiel können Floating-PV, also Photovoltaikanlagen, die auf Wasserflächen wie etwa Kiesgruben schwimmen, die Flächenkonkurrenz reduzieren. Wir werden auch eine Flexibilisierung der Energieversorgung sehen – zum einen durch den Einsatz von Batterien, zum anderen durch den Aufbau einer grünen Gasversorgung für industrielle Anwendungen.


M.T.: Sorgen macht mir die Umsetzung. Wir begrüßen es, dass die Klimaziele aktuell noch einmal verschärft wurden. Zugleich erschwert ein Wust an Regeln die Umsetzung. Die EEG-Umlage zum Beispiel wurde in den letzten Jahren immer komplizierter. Abstandsregeln auf Landesebene beim Wind stehen im Gegensatz zu den politischen Bekenntnissen zum Klimaschutz. Akzeptanz für die Energiewende gewinnt man mit diesen Widersprüchen nicht. Dabei sollten wir die Chancen des Wandels sehen. Wir schaffen und sichern Arbeitsplätze, wir können Systemlösungen und dekarbonisierte Produkte in alle Welt exportieren.

 

Können Sie das konkretisieren?
M.T.: Die Unternehmen des Energiesektors müssen gemeinsam mit der Industrie Lösungen finden, um Deutschland auf eine kostengünstige und klimafreundliche Energieversorgung aus subventions-freien, großen Photovoltaikanlagen und Windparks umzustellen. Beispiele gibt es leider nicht sehr viele in Deutschland. So haben wir mit HeidelbergCement ein PPA in Polen für ein PV-Projekt mit einer Kapazität von rund 65 Megawatt abgeschlossen. Dieses trägt jetzt zur Dekarbonisierung der Zementherstellung in Polen bei. In den Niederlanden haben wir die größte Floating-PV-Anlage außerhalb Asiens errichtet. Die Versorgung der Industrie mit günstigem Grünstrom ist ein wesentlicher Faktor, um globale Wettbewerbsvorteile Deutschlands langfristig zu sichern.


J.H.: Zugleich müssen auch kleine und mittlere Verbraucher wie Privathaushalte und Landwirte aktiv in die Energiewende inves-tieren und finanziell profitieren können. Denken Sie an den Einsatz von Wärmepumpen im Wohnungsbau und im Gewerbe oder die Umstellung auf E-Mobilität. Oder an Landwirte, die Anbau und Photovoltaik auf derselben Fläche betreiben, genannt Agri-PV. Ohne eine Vielzahl kleiner Investitionsentscheidungen wird es nicht gehen. Wir müssen die Energiewende endlich vom Kunden her denken. Es braucht viele verschiedene Gewinner der Energiewende!


M.T.: Industrie und mittelständisches Gewerbe brauchen Gesamtlösungen, die Kosten und CO2 sparen und auf die Bedürfnisse des Betriebs abgestimmt sind. Dazu braucht es weniger Regulierung „behind the meter“ und mehr Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung. Wir sehen bei unseren Projekten oft, dass viele gute Ideen, z.B. bei Speicherlösungen oder der Digitalisierung, derzeit an Bürokratie ersticken.


J.H.: Die Energiewende ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt. Wir alle müssen sie jetzt pragmatisch umsetzen. Das heißt zum Beispiel, dass Bundestagsabgeordnete in ihren Wahlkreisen gemeinsam mit der Kommunalpolitik aktiv für konkrete Projekte werben. Wir als Unternehmen müssen vor Ort die Vorteile nachhaltiger Energieerzeugung demonstrieren und an der weiteren Kostensenkung arbeiten. Jeder einzelne Unternehmer, jede Bürgermeisterin, jeder Vorstand, jede Bundespolitikerin und jede Privatperson muss aktiv werden.


Und BayWa r.e. macht schon alles richtig?
M.T.: Wir sind als Unternehmen der Nachhaltigkeit verpflichtet. Seit 2018 ist BayWa r.e. zu 100 Prozent klimakompensiert. Und seit 2020 wird der gesamte BayWa-Konzern mit seinen weltweit immerhin 23.000 Mitarbeitern mit grünem Strom versorgt. Wir kümmern uns aktiv um die soziale Akzeptanz unserer Solar- und Windprojekte, verbessern deren Einfluss auf die Biodiversität und fördern die Gleichberechtigung in unserem Unternehmen. Aber auch wir müssen noch viel tun.


J.H.: Deshalb investieren wir in den Know-how-Aufbau und die Entwicklung neuer Anwendungen. Beim Thema „Nachhaltige Lieferkette” haben wir als Sektor Nachholbedarf. Klimaneutral agieren genügt nicht, unsere Projekte und Produkte müssen entlang der Lieferkette und über den Lebenszyklus hinweg nachhaltig sein. Das gilt für die Arbeitsbedingungen ebenso wie für die Recycling-Fähigkeit.

 

Das klingt alles nach einer gewaltigen Aufgabe.
M.T.: Wir haben alle erforderli-chen Bausteine, um die Energiewende zu schaffen. Wir haben kostengünstige, wettbewerbsfähige erneuerbare Energiequellen. Mit Speichertechnologien und grünem Wasserstoff können wir die Energieversorgung flexibel machen. Die regulatorischen Rahmenbedingungen sind nicht perfekt, aber sie geben einen guten Startpunkt. Jetzt müssen wir mit voller Kraft zur Umsetzung kommen. Diese Umsetzung benötigt Akzeptanz in der Bevölkerung, neue Ansätze und Investitionen in der Industrie und im Mittelstand – und bei allen die Bereitschaft zum Wandel. Das ist eine riesige Chance für uns als Industrieland.


www.baywa-re.com
www.decade-that-matters.com