Müheloser Alltag

März 2016 | Die Welt | Wohnen der Zukunft

Müheloser Alltag

Smart Home verspricht eine neue Qualität an Komfort und Lebensqualität. Immer mehr Anwendungen für das vernetzte Zuhause drängen auf den Markt. Was können sie leisten?

Illustration: Daniel Balzer by Marsha Heyer
Klaus Lüber / Redaktion

Der Wecker klingelt viel zu früh, draußen ist es kalt und dunkel. Zum Glück hat sich die Heizung im Bad bereits vor einer halben Stunde selbst angeschaltet, das Licht simuliert einen Sonnenaufgang, und über die Hausanlage erklingt einer Ihrer Lieblingssongs. Während Sie im Büro sitzen, schickt Ihnen der Kühlschrank eine Einkaufsliste. Wenn Sie später von der Arbeit nach Hause zurückkommen, ist die Küche bereits auf die perfekte Temperatur vorgewärmt, und das Licht ist heruntergedimmt. Auf einem im Küchenschrank eingelassenen Screen rufen Sie ein Rezept auf – automatisch beginnt sich der Backofen auf die gewünschte Temperatur vorzuheizen.

 

Man könnte sich noch eine Vielzahl solcher Szenen ausdenken. Alle funktionieren nach demselben Muster: Heizungen, Lichtschalter, Jalousien, Küchengeräte, alle nur denkbaren Dinge, mit denen man es im Alltag zu tun hat, lassen sich steuern und nach individuellen Bedürfnissen anpassen. Sie reagieren auf die Vorlieben und Wünsche der Bewohner. Nach dem Motto: Machen Sie es sich gemütlich. Ihre Wohnung kümmert sich um den Rest.

 

FLINKE HAUSHALTSROBOTER

 

Dass Wohnungen intelligent werden und uns die Mühen des Alltags etwas erträglicher machen, diese Idee gibt es schon lange. Anfang der 1970er Jahre stellte man sich vor, bald in raumschiffähnlichen Konstruktionen zu residieren – auf hydraulischen Liegen lümmelnd, unterstützt von flinken Haushaltsrobotern, die den Haushalt schmeißen. Um die Jahrtausendwende wurde die Idee dann etwas konkreter, als nach und nach tatsächlich die ersten elektronischen Steuerungslösungen für Haushaltsgeräte vorgestellt wurden. Damals wurde der Begriff Smart Home geprägt, der bis heute für Technologien und Verfahren steht, die das Wohnen mit Hilfe vernetzter und fernsteuerbarer Geräte sowie automatisierbarer Abläufe komfortabler, sicherer oder energieeffizienter machen.

 

Auf welchem Stand sich die Technik aktuell befindet, konnte man vor kurzem auf den großen Elektronikmessen Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas oder dem Mobile World Congress (MWC) in Barcelona begutachten. Dort wurden Hunderte Geräte aus dem Bereich Smart Home vorgestellt. Darunter zum Beispiel intelligente Thermostate, die Fenstersensoren abfragen und Heizung oder Klimaanlage entsprechend steuern können: Ist das Fenster oder die Tür weit offen, soll die Heizung nicht dagegen anheizen. Mit dem Smartphone steuerbare Kameras zeigen, ob zu Hause alles in Sicherheit ist. So genannte Personensensoren erkennen einzelne Bewohner und passen automatisch Beleuchtung, Heizung oder Musik an die jeweiligen Vorlieben an.

 

SENSOREN, SENSOREN

 

Für viele Anbieter sind solche Sensoren der Schlüssel für den Erfolg des Smart Homes. Sie sind inzwischen so klein und stromsparend, dass sie ohne Stromanschluss auskommen und liefern Daten, die eine intelligente Steuerung auch ohne Eingriffe des Nutzers ermöglichen. Zudem ist es möglich, sie untereinander zu vernetzen und zu einem sogenannten Internet der Dinge auszubauen. Wie ernst die Industrie diese Entwicklung nimmt, sieht man am Beispiel der Firma Bosch. Seit Januar 2016 entwickelt die neu gegründete Tochter Robert Bosch Smart Home GmbH Produkte für das vernetzte Zuhause. Auf der CES stellte Bosch Sensorchips vor, auf deren Basis Hersteller intelligente Steuerungen programmieren können und schätzt, dass bis 2020 über 230 Millionen Haushalte weltweit damit ausgestattet sind.

 

Soweit die Hoffnungen und Prognosen der Industrie. Doch wie werden Smart Home Anwendungen eigentlich von den Verbrauchern angenommen? Bislang noch nicht ganz so gut. Zu diesem Ergebnis kommt etwa die Studie Digital Consumer Survey der Unternehmensberatung Accenture. Nur sieben Prozent der Befragten gaben an, bereits vernetzte Thermostate oder Überwachungskameras zu besitzen, eine ähnliche Zahl signalisierten die Bereitschaft, sich solche Smart Home Geräte anzuschaffen. Laut Zahlen des Online-Portals Statista könne man im Augenblick lediglich 0,75 Prozent der deutschen Haushalte als Smart Homes bezeichnen.

 

OFFENE SYSTEME SIND GEFRAGT

 

Für viele Menschen scheint die Technik zum einen immer noch zu teuer zu sein. Das gaben 53 Pro­zent der Befragten in der Accenture-Umfrage an. Zum anderen fehle nach Einschätzung der Unternehmensberatung im Augenblick noch ein einheitlicher Datenübertragungsstandard, der es überhaupt erst ermöglicht, verschiedene Haushaltsgeräte miteinander zu vernetzen. Wirklich sinnvoll werde Smart-Home-Technologie erst, wenn sie verschiedene Systeme kombiniert und nicht nur den Kühlschrank ins Netz bringt. 

 

Hier könnte sich rächen, dass viele Hersteller lange nur auf geschlossene Systeme gesetzt hatten, in denen Geräte nur innerhalb ihrer Produktfamilien kommunizieren – mit dem Kalkül, die Kunden so an die eigene Marke zu binden. Am Alltag der Menschen geht das aber vorbei, so Jürgen Morath, Managing Director Communications, Media and Technology bei Accenture, gegenüber der Süddeutschen Zeitung: „Der Kunde will nicht in den Elektronikmarkt rennen, sich dort drei verschiedene Geräte holen –
und zu Hause feststellen, dass sie alle auf unterschiedlichen Signalen funken.“ Immerhin gab es beim diesjährigen Mobile World Congress ein erstes Anzeichen dafür, dass die größten Hersteller sich nun tatsächlich auf einen gemeinsamen, offenen Standard einigen wollen.

 

Blieben noch die Reizthemen Datensicherheit und Datenschutz. 42 Prozent der Befragten befürchten, dass Kriminelle sich per Hackerangriff Zugriff auf sensible Informationen verschaffen könnten. Mehr als jeder Dritte (35 Prozent) hat Angst davor, dass seine persönlichen Daten in falsche Hände geraten. Für die Hersteller ist das eine schwierige Situation, berge doch gerade die Öffnung der Standards das Risiko, Schlupflöcher für Hacker zu schaffen. Kühlschränke, so weiß man seit kurzem, können nicht nur Lebensmittel nachbestellen, sondern auch Massen von Spam-Mails verschicken.