Flexibel bleiben

November 2021 | Wirtschaftswoche | Green Economy

Flexibel bleiben

Biogas spielt bei der Energiewende eine wichtige Rolle, um die Versorgung sicherzustellen. Im Rahmen der Nachhaltigkeit sind auch hierbei Grenzen gesetzt. Doch künftig tun sich mit Biogas noch ganz neue Möglichkeiten auf.

Illustration: Andres Muñoz Claros
Lars Klaaßen / Redaktion

Bei der Energiewende stehen Sonne und Wind im Fokus. Doch damit ist es vor allem in den kommenden Jahren nicht getan. Denn der Input aus diesen beiden erneuerbaren Quellen schwankt je nach Wetterlage erheblich – und lässt sich bislang nur bedingt speichern. Damit sich künftig keine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage auftut, bedarf es anderer Quellen. Eine flexible Energiebereitstellung gewinnt mit dem Kohleausstieg an Bedeutung. Hier spielt Biogas eine relevante Rolle. Es kann mithilfe von Bakterien unter Ausschluss von Sauerstoff aus Biomasse gewonnen werden. Aus diesem Rohbiogas lassen sich direkt vor Ort in einem Blockheizkraftwerk Strom und Wärme gewinnen – oder es wird auf Erdgasqualität aufbereitet und ins Netz eingespeist.

 

Über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) werden Biomasseanlagen staatlich gefördert. Damit diese als Ausgleichselement im Strommarkt flexibel genug sind, wird die volle Förderung erst gewährt, wenn die Anlagen für eine Leistung von mehr als dem Doppelten des Jahresdurchschnitts ausgelegt sind. Mit dem EEG 2021 wurde diese Anforderung um fünf Prozentpunkte erhöht. Zusätzlich wird dann zum Ausgleich der Kosten für das größere Blockheizkraftwerk ein sogenannter Flexibilitätszuschlag in Höhe von 65 Euro pro Kilowatt installierter Leistung und Jahr gewährt.

 

Derzeit wird diskutiert, ob Kohlekraftwerke mit Biomasse emissionsarm weiterbetrieben werden sollen. Als Vorbilder dienen hier Länder wie Großbritannien und Dänemark, in denen mehrere ehemalige Kohlekraftwerke bereits auf die Verbrennung von Biomasse umgerüstet wurden. Ein wissenschaftliches Team des Deutschen Biomasseforschungszentrums (DBFZ) zeigt sich mit Blick darauf jedoch skeptisch. In ihrem Positionspapier „Umrüstung von Kohlekraftwerken auf Biomasse“ schrieben sie diesen Sommer, „dass die energetische Nutzung von Biomasse vergleichsweise kostenintensiv und potenzialseitig begrenzt ist, sowie nur unter Wahrung strikter Nachhaltigkeitskriterien erfolgen sollte.“

 

Nachhaltige hiesige Biomassepotenziale befinden sich vielfach bereits in Nutzung und sind nur begrenzt für den Einsatz in Kohlekraftwerken geeignet. „Bei einer zusätzlichen Biomassenachfrage durch Kohlekraftwerke ist daher mit verstärkten Importen insbesondere von Holzpellets zu rechnen“, so das DBFZ-Team. Ökologisch wäre dies fragwürdig. Auch langfristig sei aufgrund der Vielzahl alternativer Flexibilitätsoptionen, einschließlich bestehender Biomasseanlagen, eine zusätzliche Biomassenutzung in großen Kraftwerken „wahrscheinlich nicht erforderlich“.

 

Mit einem Anteil von über 50 Prozent an den Erneuerbaren stellt Bioenergie ohnehin bereits eine wichtige Säule der Energiewende dar. Biogas wiederum könnte noch eine neue Rolle zuwachsen: um künftig grünen Wasserstoff herzustellen, einen wichtigen Träger unseres künftigen Energiesystems, mit dem sich Sonnen- und Windkraft speichern lässt. Die Studie „Wasserstoff Technik Screening“ der Universität Erlangen-Nürnberg schlägt vor, Wasserstoff mithilfe von Biomethan herzustellen. Methan würde dann aus Biogas unter Einsatz von regenerativ erzeugtem Strom thermisch in Wasserstoff und festen Kohlenstoff gespalten. Anders als bei der Verbrennung entsteht bei diesem Prozess kein klimaschädliches CO2, sondern entzieht es der Atmosphäre im Saldo sogar.