»Unserem Klima bleibt keine Zeit«

Oktober 2019 | Handelsblatt | Zukunft Deutschland

»Unserem Klima bleibt keine Zeit«

Ohne einen schnellen und umfassenden Netzausbau sind weder die Energiewende noch die CO2-Ziele der Bundesregierung zu schaffen, sagt Dr. Werner Götz von TransnetBW.

TRANSNETBW GMBH / Unternehmensbeitrag

DR. WERNER GÖTZ,Vorsitzender der Geschäftsführung, TransnetBW GmbH

 

 

Herr Dr. Götz, Ihr SuedLink-Netzausbau ist ein Vorzeigeprojekt, das Konzept zur Bürgerbeteiligung international 7-fach ausgezeichnet. Dennoch ist der Widerstand groß. Woran liegt das?
Diese Frage haben wir uns schon mehrfach gestellt. Denn grundsätzlich stehen die Menschen in Deutschland hinter der Energiewende und sagen flächendeckend Ja zu grünem Strom. Dennoch stößt die beste Bürgerbeteiligung an ihre Grenzen, sobald die Menschen persönlich betroffen sind. Den größten Widerstand erleben wir in jenen Bundesländern, die nicht direkt von der Stromerzeugung profitieren wie der Norden und auch nicht eine so große Lücke zwischen Erzeugung und Verbrauch aufweisen, wie der Süden. Gleichzeitig beobachten wir, dass die Akzeptanz dort größer ist, wo die Position auf Bundes-, Landes- und lokaler Ebene weitgehend übereinstimmt.


Gibt es Alternativen zum Netzausbau?
Wenn sowohl die Energiewende als auch eine deutliche CO2-Reduktion gelingen soll, gibt es keine Alternative – insbesondere dann nicht, wenn die Versorgungssicherheit weiterhin garantiert werden soll. Hinzu kommt – und das wird medial bisher kaum thematisiert –, dass auch die europäische Union Transferkapazitäten fordert.

 

Und wenn Deutschland diese Transferkapazitäten nicht bereitstellen kann?
Wird es vermutlich zu einem Preiszonensplit kommen. Das heißt, Strom wäre dort günstig, wo viel produziert wird, während der Süden zur Hochpreisregion würde. Das würde einerseits die Wirtschaftsstandorte im Süden extrem belasten, aber andererseits auch den Ausbau erneuerbarer Energie im Norden blockieren, da die Amortisation von Investitionen deutlich verschlechtert würde – eine unter dem Strich hohe Belastung aller Stromkunden, vor allem der Wirtschaft, und ein Hindernis für den Ausbau erneuerbarer Energien.

 

Wie viel Zeit bleibt, um den Netzabbau voranzutreiben?
Ganz provokant formuliert, bleibt unserem Klima keine Zeit. Aber auch der wirtschaftliche Druck wächst. Ohne neue Netze gelingt es derzeit in Deutschland nicht, den regenerativen Strom aus dem Norden dorthin zu transportieren, wo er benötigt wird. Wir werfen also den CO2-frei erzeugten Strom buchstäblich in die Tonne und müssen, um unseren Bedarf decken zu können, größtenteils konventionell aus Kohle oder Atomenergie erzeugten Strom im In- und Ausland zukaufen.

 

Regenerativer Strom wird dezentral erzeugt. Warum also nicht die Erzeugung dort erhöhen, wo auch der Verbrauch hoch ist?
Das ist keine Entweder-oder-, sondern eine Sowohl-als-auch-Frage. Natürlich wird im Süden dezentral Strom erzeugt, jedoch nicht zu jedem Zeitpunkt und in der Menge, wie er benötigt wird. Wohingegen wegen der besseren Standorte die Produktion im Norden vor allem durch Windenergie inklusive des Transports in den Süden deutlich wirtschaftlicher ist. Wenn bis 2030 65 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen sollen, reden wir im Vergleich zum heutigen Verbrauch über eine Verdopplung der installierten erneuerbaren Leistung, deren Löwenanteil Windkraft und Photovoltaik ausmachen müssen und werden. Und damit sind wir wieder bei der Nord-Süd-Erzeuger-Verbraucher-Problematik. Oder anders ausgedrückt: Ohne den SuedLink geht es nicht.

 

 

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