Häuser für die Zukunft

März 2015 | Die Welt | Wohnen der Zukunft

Häuser für die Zukunft

Die Art, wie wir bauen und wohnen, ist im Wandel. Welche Auswirkungen haben technologische und gesellschaftliche Trends auf das Haus der Zukunft?

Klaus Lüber / Redaktion

Einen winzigen Augenblick lang sieht die Berlin-Karte aus wie eine ganz normale Berlin-Karte im Google Maps Design. Dann tauchen plötzlich hunderte von dicken roten Punkten auf, die sich wie ein Teppich über die gesamte Innenstadt legen. Auf jedem dieser Punkte prangt in Großbuchstaben das Wort LEER. Was hat das zu bedeuten? Kann es tatsächlich sein, dass hier leerstehende Objekte markiert sind? Hört man nicht ständig, unseren Metropolen würden die Räume ausgehen, immer mehr Menschen hätten immer weniger Möglichkeiten, sich zu entfalten?
 

„Die Karte für Berlin ist noch nicht einmal gut bestückt. In Hamburg oder Frankfurt sieht das noch weit drastischer aus“, sagt Michael Ziehl. Der Architekt und Stadtplaner ist Mitbegründer von leerstandsmelder.de, einem Online-Datenpool für leerstehende Immobilien. Es ist tatsächlich so: Hinter jedem roten Spot verbirgt sich ein Leerstand, gemeldet von einem der User des Portals. „Wir haben eigentlich nicht zu wenig Raum in unseren Städten. Die Flächen sind da, uns fehlt nur der Zugriff darauf“, sagt Ziehl.
 

Und das ist ein Problem. Denn der Bedarf an städtischen Räumen, zumindest in den wachsenden Metropolen mit steigender Einwohnerzahl, steigt immer weiter an. Ein neuer Urbanismus hat die Bürger ergriffen. Man möchte selbst gestalten, selbst anpacken, Räume erschließen. Sei es für projektbezogene Arbeit, für genossenschaftliche Wohnprojekte oder für soziale Initiativen. „Die Bedürfnisse nach temporärer Nutzung haben massiv zugenommen. Doch diese Nutzungen finden in prosperierenden Städten kaum Platz oder werden nicht genehmigt“, sagt Michael Ziehl.

»Menschen müssen sich in ihren Häusern wohlfühlen.«

Dabei gibt es durchaus schon viele Ansätze, die Situation zu verbessern. Mit Konzepten zur sogenannten Zwischennutzung versucht man, zwischen Eigentümern und Mietern zu vermitteln und leerstehende Gebäude zumindest temporär wieder zu bespielen. In immer mehr Städten übernehmen Agenturen, oft gegründet von jungen, ambitionierten Architekten oder Stadtplanern, und bisweilen sogar gefördert durch staatliche Gelder, diese Aufgabe. So werden Industriebrachen, leerstehende Bürogebäude oder marode Häuser aus der Gründerzeit neu erschlossen und in einigen Fällen sogar in eine neue längerfristige Nutzung überführt.
 

Abgesehen von solchen wahrscheinlich in Zukunft immer stärker nachgefragten alternativen urbanen Nutzungskonzepten sind es vor allem technologische Entwicklungen, die das Wohnen der Zukunft prägen werden. Nicht nur die Möglichkeiten, schon bestehenden Wohn- und Arbeitsraum neu zu erschließen, sind gestiegen, sondern auch, unsere Häuser in bautechnischer Sicht an die sich verändernden Anforderungen der nächsten Jahrzehnte anzupassen.
 

Das gilt zunächst vor allem für den Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit. Die Chancen stehen gut, dass Gebäude demnächst so „intelligent“ werden, dass sie ihren Strom- und Wärmeverbrauch selbst regulieren. Diese Smart Buildings verfügen über ein softwaregestütztes System, das es möglich macht, elektrische Verbraucher so zu steuern, dass sie nur dann aktiv werden, wenn besonders viel erneuerbare Energie produziert wird. „Unser Ziel ist es, Gebäude intelligent zu machen, sie zu befähigen, selbst zu erkennen, wie schnell sie auskühlen, welchen Heizbedarf sie haben und wann sie welche Geräte entsprechend abschalten können, um Strom zu sparen“, heißt es in einem Positionspapier der Firma Siemens zu den Chancen der Automatisierungstechnik in Gebäuden.
 

Nicht nur zur Optimierung des Stromverbrauchs gibt es viele interessante Ansätze. Auch der Wärmeverbrauch ist mithilfe technischer Innovationen optimierbar. Das ist dringend notwendig, denn noch immer verbrauchen wir beim Wohnen viel zu viel Wärme: im Augenblick etwa 40 Prozent des Gesamtaufkommens. Der Bestand muss dringend saniert werden. Drei Viertel aller Häuser sind vor 1984 gebaut, allein zwei Millionen Wohneinheiten vor 1977 und damit vor Inkrafttreten der ersten Wärmeschutzverordnung. 
 

Das Haus der Zukunft wird davon allerdings immer weniger Wärme benötigen – sei es durch intelligente Dämmung, moderne Fenster oder effiziente Heizanlagen. Schon jetzt sind sensorgesteuerte, lernfähige Thermostate auf dem Markt, die die Raumtemperatur sowohl an die Außentemperatur als auch an die Gewohnheiten der Nutzer anpassen. Beispielsweise wird die Heizleistung gedrosselt, sobald sich niemand mehr im Haus aufhält.
 

Auch auf unseren Alltag wird das Einfluss haben. Unser Wecker wird sich mit dem Kalender synchronisieren, auf Fenstern, Duschkabinen und Spiegeln werden hochauflösende Displays eingebaut sein, viele Dinge lassen sich durch Sprache steuern, Gebrauchsgegenstände, Kleidung und Lebensmittel enthalten Chips, durch die das System diese erkennen kann.
 

So wichtig und in gewisser Weise auch unverzichtbar Trends wie Energieeffizienz und Smarthome auch sind, man sollte, so betonen Experten immer wieder, auch die soziokulturellen Gegebenheiten nicht aus dem Blick verlieren. So weisen Mieterschutzbünde zurecht schon seit längerem auf die Gefahr von Verdrängungsprozessen durch sanierungsbedingt steigenden Mieten hin. Hier werden Regelungen notwendig, die eine mieterschonende, moderate Erneuerung begünstigen.
 

Auch bei den einzelnen Maßnahmen selbst könnte mehr Besonnenheit und Transparenz nicht schaden. Bei der energetischen Sanierung von Gebäudefassaden, eigentlich eine aus vielen Gründen sinnvolle Maßnahme, wurde Vertrauen verspielt. Viele Bürger sehen in der wärmetechnischen Modernisierung von Gebäuden mittlerweile weniger die Chancen für ein ökologisch nachhaltigeres Wohnen, als die Risiken einer angeblichen Gesundheitsgefährdung und Profitgier einer verantwortungslos agierenden Bauindustrie. 
 

Letztlich, das beweist die Diskussion um die sogenannte „Volksverdämmung“, lässt sich Wohnen eben nicht allein auf Themen wie Energie und Technik reduzieren. Menschen müssen sich in ihren Häusern wohlfühlen. Man sieht das nicht zuletzt an der Art und Weise, wie der Wohnraum selbst beginnt, sich zu verändern. Aus Zimmern werden Wohnzonen, statische Grundrisse werden aufgebrochen und gegen modulare Konzepte eingetauscht. Immer mehr Bauherren interessieren sich für generationengerechte Konzepte. Häuser für die Zukunft zu planen, bedeutet auch, dem demografischen Wandel Rechnung zu tragen.