Insel der Kulturen

Dezember 2019 | stern | Welt des Reisens

Insel der Kulturen

Mit Afrika scheint Lamu wenig zu verbinden. Die kenianische Insel wurde von Arabern, Indern und Portugiesen geprägt.

Illustration: Vanessa Chromik
Mirko Heinemann / Redaktion

Der Hausherr hält eine Petroleumlampe in die Höhe. „Nein, es gibt hier keinen Strom. Wozu auch?“, sagt Ali Omar. Hinter der niedrigen Eingangstür bewegen sich im flackernden Schein eines Herdfeuers mehrere Menschen. Das Abendessen findet in einem Nebenraum statt. Man sitzt auf dem Boden. Ali Omar reicht hausgemachte Gerichte, Fisch in Kokosnusssauce und gegrillte Langusten.


Ali ist der klassische Vertreter einer Kultur, die vom Selbstverständnis her als ausnehmend tolerant und weltoffen gilt: „Swahili“. Der Begriff bezeichnet eine Mischkultur mit afrikanischen Wurzeln, die im Laufe der Zeit durch arabische, portugiesische und fernöstliche Einflüsse angereichert wurde. Swahili – das sind die Bewohner der ostafrikanischen Küste – Fischer, Händler, Seefahrer. Ihre Religion ist der Islam. Der Swahili-Gürtel zieht sich von Kenia, von Lamu aus, die gesamte ostafrikanische Küste hinab, bis nach Mosambik.


Die zahlreichen Einflüsse spiegeln sich auch in der Sprache. Kiswahili, dessen Wurzeln im Bantu liegen, enthält viele arabische und portugiesische Wörter. Auf Lamu hat sich durch die Abschottung gegenüber dem Festland eine besonders ausgeprägte Form ausgebildet. Sprachforschern zufolge stammen von hier die ältesten Überlieferungen in Kiswahili. Ali stammt zwar ursprünglich vom kenianischen Festland, dennoch ist er Anhänger der Swahili-Kultur – oder gerade deshalb. „Swahili is Change“, sagt er.


Seine Einladung zum Essen entspringt keineswegs reiner Gastfreundschaft. Ali Omars Geschäft ist das Restaurant mit Familienanschluss, dessen Gäste nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda von ihm erfahren, zu Ali Omar kommen und von ihm bewirtet werden. Das macht er nun seit 40 Jahren, gegen Vorkasse, versteht sich. „Ich bin für den Unterhalt von Kindern und Enkelkindern verantwortlich, 13 sind es an der Zahl“, sagt Ali, als müsse er sich entschuldigen.


In den labyrinthisch verschlungenen Gassen der Altstadt weht echtes Swahili-Flair. Das ist nicht Afrika, nicht Kenia. Hier bewegt man sich durch einen arabischen Souk. Viele Gassen sind so eng, dass man die Wände rechts und links mit den Händen berühren kann. Umso höher wirken die mehrstöckigen Steinhäuser. Je wohlhabender und kinderreicher die Familie, desto mehr Geschosse hat sie aufgesetzt, um zumindest ganz oben noch von der frischen Brise zu profitieren, die über die tropische Insel weht. Im Erdgeschoss haben sich kleine Geschäfte und Handwerksbetriebe angesiedelt, die Kleidung verkaufen oder Möbel anfertigen. Fahrzeuge können die Gassen nicht passieren. Daher gibt es auch weder Privatautos noch LKW auf Lamu. Stattdessen drängen sich  immer wieder vollbepackte Esel an den Fußgängern vorbei. Ob schwere Korallensteine, Lebensmittel oder sperrige Schränke – das Transportwesen liegt auf den Rücken der grauen Vierbeiner. Immer wieder sieht man eines der Tiere irgendwo im Schatten angebunden.


Eindrucksvolle Holztüren fallen ins Auge. Schwere Beschläge und eine reichhaltige Ornamentik künden von der arabischen Vergangenheit der Insel. Weitgehend verwischt sind die Spuren der Portugiesen, die 1505 die Insel eroberten. Zwei Jahrhunderte später fiel Lamu an das Sultanat von Oman, doch Lamu erhielt eine weitgehende Autonomie. Es begann die Blütezeit der Insel mit dem Handel von Sklaven, die vom afrikanischen Festland deportiert und nach Arabien und Persien weiter verkauft wurden – ein unrühmliches Kapitel der arabischen Kolonisation Afrikas.  


Anschaulich dokumentiert ist die Insel-Geschichte im Museum von Lamu, einem stilvoll restaurierten Gebäude am Hafen. Hier finden sich Luftaufnahmen der Stadt neben zahlreichen Ausstellungsstücken, darunter die ältesten Musikinstrumente Schwarzafrikas. Zwei komplett eingerichtete Zimmer, ausstaffiert mit lebensgroßen Puppen, vermitteln ein Bild des häuslichen Alltags der reicheren Swahili-Bevölkerung zur Blütezeit der Insel. Rundbögen, geschnitzte Türrahmen, ein Jahrhunderte alter Waschraum und ein begehbares Dach, von dem aus man einen Blick über die Makuti, die mit Palmwedeln gedeckten Dächer der Altstadt hat, machen das Museumsgebäude selbst zur Attraktion. In diesem Haus residierte die britische Kolonialverwaltung, nachdem sie die Insel 1890 übernahm – und zwar von den Deutschen.


An einem Gebäude an der Hafenpromenade, nicht weit vom Museum entfernt, ist ein Schild befestigt, auf dem ein Reichsadler abgebildet ist. Es weist den Bau als „Kaiserliches Postamt“ aus. Das Gebäude ist ein Relikt aus der Zeit, als Lamu Teil des Protektorats Deutsch-Wituland war. Die Kolonie des Deutschen Reiches, die etwa 300 Kilometer der heutigen kenianischen und somalischen Küstenlinie umfasste, bestand nur fünf Jahre, dann wurde sie im Austausch gegen Helgoland an die Engländer übergeben. Da das Schriftstück über den Besitzwechsel als Sansibar-Vertrag in die Geschichte einging, kursiert bis heute die irrige Behauptung, es habe sich bei dem Gegenstück Helgolands um die Insel Sansibar gehandelt; die jedoch war nie Teil des deutschen Kolonialreiches.


Ein einziger Spaziergang entlang der Hafenpromenade gibt ein Beispiel für die kulturelle Vielfalt der Insel. Von Shela kommend, passiert man zunächst die Neustadt Lamus. Hier stehen einfache, einstöckige Hütten mit Makuti-Dach. Hier leben meist Zuwanderer vom Festland, die der Tourismus in den letzten Jahren angelockt hat. In den Hütten werden afrikanische Schnitzereien verkauft, Masken, Giraffen, Fetische. Einige Schritte weiter, im Hotel Lamu Palace, befindet sich die Fishermen’s Bar – eines der wenigen Lokale auf der Insel, in denen Alkohol ausgeschenkt wird. Daneben dröhnt aus einem kleinen Kiosk indische Musik aus einem Radiorekorder. Es folgen einige Touristencafés, vor denen Tafeln das „Swahili-Food“ anpreisen. Hier gibt es die klassischen Curries und Masalas, wie man sie auch aus Indien kennt: Reis mit Fisch in scharfen Saucen. Daneben eine unauffällige katholische Kirche. Richtung Norden wird es stiller. Eine Moschee drängt sich an die andere. Kinder spielen in den Gassen. Am Stadtrand beginnt der islamische Friedhof. Die verwitterten arabischen Aufschriften auf den Steinen sind kaum zu erkennen. Nur ein einzelner alter Mann wandert, auf einen Stock gestützt, zwischen den Gräbern herum. Zum Sonnenuntergang sitzt Ali im Schatten der Mauer, welche die Freitagsmoschee umfasst. Heute ist er nicht in Hemd und Kikoi, der Schürze der Fischer, gekleidet, sondern er trägt eine weiße, arabische Galabyia, ganz im Stil der Araber. Ali Omar beginnt zu erzählen, wie er als Jugendlicher auf die Insel kam. Er entstammt der ethnischen Gruppe der Pokomo, Bauern, die auf dem Festland siedelten. Nach einer Flutkatastrophe verließ er in jungen Jahren sein Dorf und ging nach Lamu, wo er sich als Hausangestellter durchschlug und die komplexe Swahili-Küche beherrschen lernte. Heute gehört seine Familie zu den wohlhabenden am Ort – ausgerechnet dank der Touristen. Und heute? Der einzige Sohn von Ali ist frommer Muslim und Lehrer an der hiesigen Koranschule. Der Islam soll hier eine starke Anziehungskraft ausüben.


Ist es die tropische Leichtigkeit, die Nähe von Strand und Meer oder einfach die unbeschwerte und freundliche Stimmung auf der Insel? Ist es Einbildung oder herrscht hier tatsächlich eine tolerantere Atmosphäre als in vielen anderen islamischen Gegenden? Zumindest senken die schwarz verhüllten Damen ihren Blick nicht, wenn ein Mann vorübergeht. Aufrecht wie Königinnen wandeln sie durch die engen Gassen und versprühen Selbstbewusstein und Grazie. Das Kopftuch wird als modisches Accessoire benutzt. So wird im Gespräch mit Männern gerne kokett das Tuch vor dem Gesicht gelüpft, so dass Mund oder Haare kurz sichtbar werden. Wenn nur ein enger Schlitz für die Augen bleibt, sind diese fast immer geschminkt. Umso mehr lenken dann die mit Ornamenten aus Henna tätowierten Hände und Füße den Blick auf sich.


Im Ortsteil Shela, eine halbe Stunde zu Fuß vom Hauptort Lamu entfernt, regieren die Kapitäne der Dhaus, der hölzernen Segelboote. Sie spielen Fußball und warten auf  Touristen, denen sie ihre Dienste anbieten. Eine Segeltour zur Nachbarinsel Manda? Oder auf das offene Meer, hinaus zu den Fischgründen und dort angeln wie die Einheimischen? Warum nicht.


Der Indische Ozean entpuppt sich als angenehmes Meer. Er hebt das Boot in einem gemächlichen Rhythmus auf und ab, seine Wogen sind lang und schwer. Der Fischreichtum ist überwältigend. In weniger als einer Stunde sind sieben Fische an Bord gezogen, jeder einzelne lang wie Unterarm. Später sollen sie am Strand gegrillt werden. Der Kapitän des hölzernen Einmasters heißt Abdul, aber er nennt sich „Dude“.


Im Hollywood-Film „The Big Lebowski“ spielt Jeff Bridges einen abgehalfterten Hippie, der sich „Dude“ nennt und viel Zeit in einer Bowlinghalle verbringt. Den Film kennt der Dhau-Kapitän nicht, aber die Geschichte gefällt ihm. „Hier auf Lamu heißt jeder zweite Mann Abdul“, sagt er. Deshalb habe hier jeder einen Spitznamen. „Dude“ – das habe er irgendwo aufgeschnappt. Statt langer Haare trägt Abdul auf dem Kopf dann aber doch lieber eine Basketballkappe. Wäre er gern Amerikaner? Er schüttelt den Kopf und grinst. „It is Swahili“, sagt er knapp, stellt sich auf das Heck seiner Dhau und steuert die Dhau wieder Richtung Lamu.