Neue Mobilität

Juli 2019 | Wirtschaftswoche | Smart Cities

Neue Mobilität

Ein Umdenken bei Güter- und Individualverkehr ist Grundvoraussetzung für eine lebenswerte Stadt der Zukunft.

Illustrationen: Ivonne Schulze
Axel Novak / Redaktion

Die Autobahn A5 zwischen Darmstadt und Frankfurt: Nichts deutet darauf hin, dass sich hier die Zukunft Deutschlands entscheidet. Rechter Hand, am Rand der Fahrbahn, zieht sich Draht entlang. Darunter fahren Lastwagen mit Stromabnehmern. Lkw mit ihrem hohen Energiebedarf fahren wie eine gewöhnliche Tram unter der Oberleitung. So wird ein Teil des Güterverkehrs vom fossilen auf elektrischen Antrieb umgestellt.


Und das ist dringend erforderlich, schließlich versteht sich Deutschland als Vorreiter beim Klimaschutz und will den Verkehr bis 2050 emissionsfrei machen.  Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass die Anzahl der Fahrzeuge weltweit und auf deutschen Straßen immer weiter zunimmt. Zwischen 1991 und 2015 ist die Leistung des Güterverkehrs um 63 Prozent und die Leistung des Personenverkehrs in Deutschland um 35 Prozent gestiegen.


Die Frage nach nachhaltiger Mobilität führt daher zu einer ganzen Reihe von Antworten, von denen die Oberleitung nur eine der kleineren ist. Geringere CO2-Emissionen sind möglich, wenn die Antriebe elektrisch und Teil eines neuen, strombasierten Energienetzes werden. Sogar der Flugverkehr, heute für rund zwei Prozent aller CO2-Emissionen weltweit verantwortlich, lässt sich klimaneutral gestalten: durch nachhaltige Kraftstoffe oder elektrisches Fliegen. Selbst Schiffe können auf Dieselmotoren verzichten und beispielsweise durch elektrische Antriebe umweltfreundlicher werden.


Eine entscheidende Voraussetzung für die Verkehrswende ist auch eine moderne und leistungsfähige Infrastruktur, die Transportlösungen und Mobilität der Zukunft möglich macht. Das bedeutet im Straßenverkehr eine Infrastruktur für automatisiertes, vernetztes Fahren. Ladepunkte, Tankstellen für alternative Kraftstoffe sowie ein flächendeckend schnelles Internet also. Auch der Schienengüterverkehr benötigt leistungsfähige Hubs und Güterbahnhöfe, um Verkehre nachhaltig und effizient durchführen zu können. Nur so kann die Bahn – die ja zu 90 Prozent elektrisch fährt – mehr transportieren.


Besonders dringend stellt sich zwar die Frage der Mobilität in den Städten, denn die Urbanisierung schreitet weiter voran: Schon in wenigen Jahren wird jeder achte Mensch auf der Welt in einer der 33 Megacities leben, die es weltweit geben wird. Hier allerdings liegt schon allein im Güterverkehr eine Menge Potenzial brach: Städtischer Güterverkehr macht ein Drittel des Stadtverkehrs aus, verursacht aber in Stoßzeiten etwa 80 Prozent der innerstädtischen Staus.


Neue multidirektionale Liefernetzwerke mit viel Flexibilität sind also gefragt, Sammelbestellungen, Sharing von Mobilitätsangeboten und neue Formen der Distributionslogistik im direkten Umfeld – auch in der Nacht mit leisen elektrischen Fahrzeugen. Doch auch der individuelle Personenverkehr muss sich verlagern, weg vom Auto zu Fuß, zum Fahrrad und zu öffentlichen Verkehrsmitteln – intelligent vernetzt und über die Stadtgrenze hinaus.


Das ist eine gigantische Aufgabe: Denn es geht nicht nur um nachhaltige Mobilität der urbanen Bevölkerung, sondern vielmehr darum, den Verbrauchern im ganzen Land, die in den vergangenen Jahren in ein Neufahrzeug investiert haben, weil sie den bisher vagen Zukunftsversprechen von Regierung und Industrie geglaubt hat, einen grundlegenden Perspektivwechsel zu vermitteln – weg vom Diesel und Benziner hin zum E-Auto, weg vom reinen Individualverkehr zur öffentlichen und vernetzen Sharing-Mobilität.


Das bedeutet politisch einen Schlussstrich unter den Verbrennungsmotor – und vollkommen veränderte steuerliche Instrumente und Anreize. Und das bedeutet, die Energiewende technisch und regulatorisch zu Ende zu führen: Eine vollständig elektrifizierte deutsche Pkw-Flotte von 45 Millionen Fahrzeugen hätte einen Strombedarf von rund 90 Terawattstunden, weniger als ein Sechstel der aktuellen Bruttostromerzeugung in Deutschland, so das Bundesumweltamt. Nur eine erfolgreiche Energiewende ermöglicht die Elektrifizierung der Mobilität.


Dabei bietet die Verkehrswende eine ganze Reihe von Vorteilen über den Klimaschutz hinaus. Auch die Einwohner in den Städten würden von klimafreundlichen Antrieben profitieren – vor allem, wenn sie mit einem veränderten Nutzungsverhalten einhergehen. Elektrisch betriebene und vernetzte Carsharing-Fahrzeuge sorgen nicht nur für saubere Luft. Sie verringern auch Staus und Unfälle. Durch „Connected Autonomous Cars“ werden wertvolle Flächen in den Innenstädten zum Beispiel für den Bau von Wohnungen frei.


Doch die Bundesregierung will das nicht überhasten: 32 Jahre, mehr als eine ganze Generation, räumt sie dem Land ein, um die Verkehrswende zu einem guten Ende zu bringen. Ob die Oberleitungen an der A5 so lange halten?