Elektro-Liebe

April 2020 | Wirtschaftswoche | Green Economy

Elektro-Liebe

Die Deutschen entdecken ihr Herz für den emissionsfreien E-Antrieb.

Illustration: Daniel Balzer
Andrea Hessler / Redaktion

In Braunschweig gab es im Februar Seltsames zu sehen: 2.000 Radler traten sich 24 Stunden lang abwechselnd auf 100 Standfahrrädern die Seele aus dem Leib. So sammelten sie Spenden und erzeugten mit ihrer Muskelkraft den Ladestrom für ein Elektroauto des Modells VW ID.3. Mit dem aufgeladenen Fahrzeug fuhr der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies 111 Kilometer weit.


Das war vor der Corona-Krise. Heute würden die Radler wohl vereinzelt zu Hause in die Pedale treten. Doch zum Glück müssen Fahrer von Elektroautos ihr Antriebsmittel nicht mit eigenen oder fremden Muckis erzeugen. Für den erforderlichen Strom sorgen Kraftwerke. Und die Antriebsenergie für das Fahrzeug wird in Batterien gespeichert.


Die Batterien waren lange ein Schwachpunkt der Elektromobilität. Heute sind sie deutlich kleiner als früher und ermöglichen Fahrten über mehrere hundert Kilometer. Nachteil: Je größer die Reichweite, desto teurer der Fahrspaß. Teslas Reichweiten-Sieger fahren mehr als 500 Kilometer, kosten jedoch zwischen 56.000 und 92.000 Euro. Auch der Jaguar i-Pace ist mit rund 80.000 Euro kein Schnäppchen. Doch auch im Mittelfeld gibt es inzwischen Modelle, zum Beispiel von Renault, Kia und Nissan, die mit günstigen Preisen und einer akzeptablen Reichweite von rund 400 Kilometern punkten.


Der Markt wird breiter und lockt neue Player an. So hat die schwäbische Elektrohändlerverbundgruppe Euronics eine Kooperation mit dem chinesischen Automobilhersteller Aiways bekanntgegeben. Euronics-Fachhändler sollen künftig das neue SUV-Modell U5 in ihr Sortiment aufnehmen. Das Novum: der Verzicht auf den klassischen Autohandel. Die Elektrohändler bieten den Kunden ihr spezielles Elektronik-Know-how, laden zu Probefahrten ein und installieren Wallboxen fürs Aufladen bei den Kunden zuhause.


Auch ohne eigene Lademöglichkeit ist das Strom-Tanken deutlich einfacher geworden. Allein von Mitte 2019 bis Ende 2019 ist das Netz um mehr als 3.000 auf 23.840 Ladepunkte gewachsen, wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft ermittelt hat. Die Verbesserungen bei Reichweite und Ladestationen wirken sich positiv auf die Akzeptanz aus. So ist laut der Unternehmensberatung Deloitte das Interesse der Konsumenten an alternativen Antrieben stark gestiegen. Überall auf der Welt – Ausnahme USA – favorisiert mehr als jeder zweite Autokäufer alternative Antriebe. Den höchsten Anstieg innerhalb eines Jahres zeigt Deutschland mit einem Plus von 14 Prozentpunkten, von 37 auf 51 Prozent. In China liegt der Wert weltweit am höchsten mit 57 Prozent.


Den Löwenanteil des Kundeninteresses machen aktuell die Hybridfahrzeuge aus. Für Thomas Schiller, Partner und EMEA Automotive Lead bei Deloitte, geht die aktuelle Entwicklung jedoch noch nicht weit genug. „Um die Akzeptanz der Verbraucher für E-Mobilität weiter zu erhöhen, müssen Politik und Wirtschaft entschlossener und zügiger handeln“, sagt Schiller. „Für die Hersteller wäre es sinnvoll, die Nachfrage durch attraktivere Preise anzuregen und die Technologie hinsichtlich Ladezeiten und Reichweiten weiter zu optimieren.” Auf Seiten der Politik seien neben verbesserten rechtlichen Rahmenbedingungen finanzielle Anreize gefragt. Und Förderungen für den Aufbau einer flächendeckenden öffentlichen Ladeinfrastruktur.