Alles kann, nichts muss

April 2020 | Wirtschaftswoche | Green Economy

Alles kann, nichts muss

Technisch wäre eine Klimaneutralität bis 2050 möglich. Ein neue Studie zeigt: Die dafür anfallenden Kosten hängen stark von der Verantwortung ab, die jeder Einzelne übernimmt.

Illustration: Daniel Balzer
Julia Thiem / Redaktion

Geht es nach den Unterzeichnern des Pariser Klimaabkommens, soll die gesamte Welt bis zum Jahr 2050 treibhausgasneutral wirtschaften. Technisch gesehen, ist das ein erreichbares Ziel, wie bereits verschiedene Forschungen dargelegt haben. Nun setzte die Studie „Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem“ des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE noch einen drauf. Auch nach dieser Studie sei eine Reduktion der energiebedingten CO2-Emissionen um bis zu 100 Prozent bis 2050 aus technischer und systemischer Sicht machbar. Spannend an dieser Studie ist, dass sie den menschlichen Faktor mit einbezieht. Für den Weg, den die Energiewende durchläuft und für die damit verbundenen Kosten, sei das Verhalten jedes Einzelnen entscheidend, so die Autoren.


Die Wissenschaftler haben vier verschiedene Szenarien betrachtet – von starken gesellschaftlichen Widerständen bis hin zu Verhaltensänderungen, um den Energieverbrauch deutlich zu senken. Klar ist: Die Energiewende ist so oder so mit einem finanziellen Mehraufwand verbunden. Wie hoch der sein wird, liegt jedoch an der Gesellschaft. Ändern wir alle unser Verhalten, sind es „nur“ 440 Milliarden Euro, die gestemmt werden müssen.


Klar ist aber auch, dass bis zur Klimaneutralität noch wesentlich in den Ausbau der erneuerbaren Energien investiert werden muss. Denn sie – auch das zeigt die Fraunhofer-Studie – müssen zur wichtigsten Primärenergie werden. Gerade die installierte Kapazität von Windenergie- und Photovoltaikanlagen müsste demnach bis 2050 um das Fünf- respektive Siebenfache des heutigen Wertes steigen, um zwischen 50 und 60 Prozent des Primärenergieaufkommens decken zu können.


Um die Klimaneutralität möglichst kostengünstig zu erreichen, müssen wir laut Fraunhofer ISE vor allem unsere Stromnachfrage senken – für Beleuchtung, Kühlung, IKT und mechanische Energie. Die Einsparung sollte 45 Prozent gegenüber dem heutigen Wert betragen. Der Individual- wie der Flugverkehr müssten bis 2050 um 30 respektive 55 Prozent reduziert werden. Und die minimale energetische Sanierungsrate von Gebäuden müsste von derzeit 1 auf mindestens 2 Prozent pro Jahr steigen.


Für Eric Heymann, Research Analyst bei der Deutschen Bank, ist Klimaneutralität bis 2050 deshalb auch nur auf Kosten des Wohlstandes zu erreichen: „Der materielle Wohlstand eines Landes ist nach wie vor eng mit dessen Energieverbrauch verknüpft. Da die Energieversorgung global noch immer zu rund 80 Prozent auf fossilen Energieträgern basiert, ist ein hohes Wohlfahrtsniveau – gemessen am BIP – tendenziell auch mit hohen CO2-Emissionen pro Kopf verbunden.“


Sind wir hingegen nicht bereit, unseren Energieverbrauch zu reduzieren, wird die Energiewende 2.330 Milliarden Euro kosten, also mehr als 2 Billionen Euro. Wobei: Auch das wäre am Ende bezahlbar. Denn die jährlichen Mehraufwendungen bewegen sich – je nachdem, wie sich das menschliche Verhalten ändert – zwischen 0,4 und 2 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts 2019, heißt es vom Fraunhofer ISE. Im Schnitt lägen die jährlichen Aufwendungen damit bei knapp der Hälfte der Einzelhandelsumsätze für das Weihnachtsgeschäft im vergangenen Jahr. Und das waren rund 102 Milliarden Euro.


Wir können uns also Klimaneutralität in jedem Fall leisten. Die Gretchenfrage lautet demnach nicht, ob wir sie können, sondern, ob wir sie wollen.