Die stille Gefahr

Oktober 2017 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Die stille Gefahr

Herzinfarkte sind heute gut behandelbar, aber oft entscheiden die ersten Minuten über Leben und Tod. Wer die Anzeichen erkennt und schnell handelt, kann Leben retten.

Illustration: Ivonne Schulze
Juliane Moghimi / Redaktion

Etwa 400.000 Menschen in Deutschland erleiden jährlich einen akuten Herzinfarkt. Obwohl die Sterblichkeit vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gesunken ist, überleben noch immer rund 50.000 Herzpatienten pro Jahr diesen lebensbedrohlichen Zustand nicht. Fast ein Drittel von ihnen stirbt, bevor überhaupt medizinische Hilfe eintrifft.  
 

Häufigste Ursache: die koronare Herzkrankheit
 

Die häufigste Ursache für einen Herzinfarkt ist die koronare Herzkrankheit, kurz KHK. Hierbei handelt es sich um eine Gefäßwandverkalkung der Herzkranzgefäße, also der beiden Arterien, die – von links und rechts aus der Hauptschlagader kommend – das Herz kranzförmig umschließen. Dort lagern sich im Laufe des Lebens Fett und Kalk ab, ein Zustand, den die Mediziner auch als Arteriosklerose bezeichnen. Das Risiko, daran zu erkranken, nimmt mit steigendem Lebensalter zu. Aber auch bestimmte Lebensgewohnheiten wie das Rauchen wirken sich negativ aus. Zudem begünstigen Übergewicht, zu hohe Blutzucker- und Cholesterinwerte sowie Bluthochdruck die Erkrankung.


Zu einem Infarkt kommt es, wenn die Oberfläche der Ablagerungsschicht, die in der Fachsprache als Plaque bezeichnet wird, plötzlich aufreißt. Die roten Blutplättchen des vorbeiströmenden Blutes reagieren auf diesen Riss wie auf eine Wunde: Sie bilden ein Blutgerinnsel, um ihn abzudecken. Bei entsprechender Größe führt dieses Gerinnsel zu einem Verschluss der Arterie. In der Folge wird der dahinterliegende Teil des Herzens nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Dieser Bereich stellt seine Funktion ein, das betroffene Herzmuskelgewebe stirbt ab und vernarbt.
In Abhängigkeit vom Ort des Infarktes spricht man vom Vorder- oder Hinterwandinfarkt, aber auch Infarkte an der Herzscheidewand (Septuminfarkt) und sogenannte Seiteninfarkte (Lateralinfarkt) sind möglich. Je nachdem, welches Blutgefäß verschlossen ist – ob ein großes oder eine der kleineren Verästelungen – und wie nah sich der Verschluss an der Hauptschlagader befindet, wird mehr oder weniger Gewebe beschädigt. Schwere Durchblutungsstörungen und damit großflächige Gewebeschäden können zu schweren Herzrhythmusstörungen bis hin zum lebensbedrohlichen Kammerflimmern führen. Ist dies der Fall, droht innerhalb kürzester Zeit der plötzliche Herztod.
 

Jeder Infarkt ist ein Notfall
 

Anzeichen für eine koronare Herzerkrankung und damit Vorboten für den Herzinfarkt gibt es, aber sie treten nicht zwangsläufig auf und werden nicht immer richtig gedeutet. Zu den frühen Symptomen gehören gelegentliche Schmerzen im Brustkorb, die vor allem bei Belastung oder großem Stress auftreten und dann aber wieder verschwinden.

Kommt es zum akuten Infarkt, so macht dieser sich durch starke, länger anhaltende Schmerzen im Brustkorb bemerkbar. Diese konzentrieren sich auf die linke Seite, strahlen jedoch mitunter bis in Hals, Rücken, Arme oder Oberbauch aus. Dazu können Atemnot, Übelkeit, Blässe, kalter Schweiß sowie Unruhe und Angst kommen. Viele Betroffene beschreiben zudem ein Gefühl der Enge und des Drucks im Brustkorb.

Vor allem bei Frauen äußert sich der Infarkt jedoch mitunter durch atypische Symptome wie Übelkeit, Atemnot, Schwindelgefühle, Schwäche und unklare Bauchschmerzen. Dazu können Schlafstörungen kommen, auch schon vor dem Infarkt. Generell verläuft etwa jeder vierte Herzinfarkt als sogenannter „stummer Infarkt“, das heißt ohne die typischen Anzeichen. Neben Frauen scheinen vor allem Diabetiker dafür prädestiniert zu sein, Herzinfarkte ohne die bekannten Symptome zu erleben: Sie nehmen aufgrund einer durch den Diabetes verursachten Schädigung der Organnerven die Herzschmerzen nicht oder kaum wahr.

Grundsätzlich gilt: Jeder Infarkt ist ein medizinischer Notfall. Bereits bei den ersten Anzeichen ist unbedingt der Notruf zu wählen. Der Kranke sollte mit hochgelagertem Oberkörper liegen, enge Kleidung geöffnet werden. Wichtig ist, dass die Anwesenden Ruhe bewahren und beruhigend auf den Erkrankten einwirken. Sobald eine Bewusstlosigkeit eintritt, sind Puls und Atmung engmaschig zu kontrollieren. Kommt es zu einem Kreislaufstillstand, kann nur eine Herzdruckmassage das Leben des Patienten retten. Diese können auch Laien durchführen – wichtig ist, sie bis zum Eintreffen des Notarztes nicht zu unterbrechen.
 

Katheter, Stent und Lyse – die Therapie nach dem Infarkt


Der Notarzt versorgt den Kranken sofort mit Sauerstoff und blutverdünnenden Medikamenten. Die Diagnose Herzinfarkt erstellt er mithilfe eines EKGs. Im Falle eines Herzstillstands durch Kammerflimmern kommt der Defibrillator zum Einsatz, der mittels eines Elektroschocks den Muskel wieder in Gang setzt.

Wird im Krankenhaus die Infarkt-Diagnose durch spezielle Bluttests auf sogenannte Infarktmarker bestätigt, folgt eine Untersuchung per Herzkatheter. Durch die Gabe eines Kontrastmittels werden die Herzkranzgefäße sichtbar, und der Arzt kann erkennen, wo genau Gefäße verengt oder verschlossen sind. Ziel der Therapie ist, die Blutgefäße wieder zu öffnen.

Das Mittel der Wahl ist heute eine als Stent bezeichnete Gefäßprothese. Mithilfe eines Katheter wird zunächst ein Ballon in das Gefäß eingeführt. Dieser wird aufgeblasen, um die Arterie zu weiten. Anschließend wird der Stent eingesetzt, der nun wie ein winziger Tunnel das Blutgefäß offenhält. Dieser Eingriff erfolgt minimalinvasiv. Operationen am offenen Herzen sind bei einem akuten Herzinfarkt nur in Ausnahmefällen notwendig. Falls es nicht möglich ist, innerhalb von zwei Stunden nach dem Infarkt einen Stent zu setzen, kommt als Alternative die Lyse in Betracht: die intravenöse Gabe von Medikamenten, die das Blutgerinnsel auflösen sollen.

Bei beiden Verfahren erfolgt nach der Akutbehandlung eine intensive, auf die medizinischen Bedürfnisse des Patienten abgestimmte medikamentöse Nachbehandlung. Dabei spielen vor allem blutverdünnende Mittel eine entscheidende Rolle. Bei Bedarf wird zudem eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme verordnet, um die Rückkehr in den Alltag und die Umstellung von Lebensgewohnheiten zu erleichtern.