Was heißt schon krank?

Die eine treibt Sport, ernährt sich gesund und erlebt doch ihren 70. Geburtstag nicht. Der andere raucht, trinkt Alkohol und feiert fröhlich das 85. Lebensjahr. Gesundheit scheint eine relative Größe zu sein – die wir dennoch beeinflussen können.

Illustration: Olga Aleksandrova
Illustration: Olga Aleksandrova
Jost Burger Redaktion

Claudia Bergemann ist eine fröhliche Person. Die 56-Jährige arbeitet als Personalleiterin in einem mittelständischen Unternehmen. Die Arbeit macht ihr viel Freude, auch wenn sie manchmal psychisch belastend ist und zuweilen Überstunden anfallen. Ausgleich findet sie bei ausgedehnten Wanderungen, beim Zusammensein mit Freunden und Familie und beim Yoga. Körperlich geht es Claudia Bergemann eigentlich gut, auch wenn sie ein paar Kilo zuviel auf der Waage hat, und ihr eine beginnende Arthrose im linken Knie zu schaffen macht. Das Rauchen hat sie vor zehn Jahren aufgegeben. Ihr Augeninnendruck ist ein wenig zu hoch, weswegen sie regelmäßig Medikamente einnimmt. Die von ihrer Ärztin angeratenen Vorsorgetermine nimmt sie wahr. „Ich fühle mich gut“, sagt Bergemann und lacht: „Mit meinen Wehwehchen komme ich gut klar, und ich bin dankbar für meinen sicheren Arbeitsplatz.“

Gesundheit ist individuell


Ist Claudia Bergemann gesund? Und was heißt das eigentlich, gesund zu sein? Viele Menschen dürften dabei vor allem an den aktuellen Zustand ihres Körpers oder ihrer Seele denken. Wer Schnupfen hat: ist krank, also nicht gesund. Wer unter Arthrose leidet: ist krank. Wer die Schönheit der Welt nicht mehr sehen kann und sich zuhause verkriecht: hat Depressionen und ist krank. Ein Blick auf die Definition des Begriffs „Gesundheit“ der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigt: So einfach ist es nicht „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ Nach dieser Definition könnte man einerseits sagen, dass Claudia Bergemann nicht gesund ist – siehe Arthrose, Augendruck und Übergewicht. Andererseits scheint sie mit sich und ihrem Leben zufrieden zu sein – siehe ihre sozialen Aktivitäten, die Erfüllung im Job und die Bereitschaft, regelmäßig zur Vorsorge zu gehen. So gesehen ist sie gesund.

Gesundheit, so könnte man also sagen, scheint etwas höchst Individuelles zu sein. Sie beruht nicht nur auf dem Zustand unseres Körpers, sondern auch auf unseren sozialen Beziehungen, der Möglichkeit, am Leben teilzunehmen, darauf, wie wir mit Herausforderungen umgehen. „Jeder Mensch ist nicht nur als biologisches Wesen zu verstehen, sondern zugleich auch als ein Wesen mit jeweils typischenEigenschaften des Denkens, Fühlens und Handelns, und auch als ein Wesen mit individuellen sozialen, kulturellen und ökologischen Lebensumwelten“, sagt Prof. Dr. Josef Egger von der Universität Graz. Egger gilt als einer der führenden europäischen Forscher, die sich mit den Zusammenhängen zwischen Körper, Seele und den individuellen Lebensumständen beschäftigen. Er ist maßgeblich an der Weiterentwicklung des sogenannten biopsychosozialen Modells der Gesundheit beteiligt. Dieses Modell bestimmt die aktuelle Diskussion darüber, was Gesundheit bedeutet. Vereinfacht gesagt sind nach diesem Modell Körper, Seele und die sozialen Umstände unseres Lebens untrennbar miteinander verbunden. Das bedeutet auch, dass sich die Frage nach der Gesundheit im Lauf des Lebens ändert. „Krankheit und Gesundheit lassen sich nicht als Zustand definieren, sondern als dynamisches Geschehen. Gesundheit muss in jeder Sekunde des Lebens geschaffen werden“, so Egger. Ein 70-Jähriger mit einem aktiven Sozialleben, der im Rahmen der körperlichen Möglichkeiten Sport treibt und mit seinem zurückliegenden Leben zufrieden ist, ist demnach genauso gesund wie eine 20-Jährige, die Marathon läuft, hervorragende Blutwerte hat und sich auf das vor ihr liegende Leben freut.

Gesundheit in Deutschland


Doch trotz aller „gesamtheitlichen“ Ansätze ist die körperliche Gesundheit immer noch die am besten messbare. Wie steht es also um die Gesundheit der Deutschen? Laut der jüngsten Befragung des Robert-Koch-Instituts (RKI) zur Gesundheit der Deutschen leidet über die erwachsene Gesamtbevölkerung gesehen rund neun Prozent an einem Diabetes – bei den über 80-Jährigen sind es sogar 20 Prozent. 17 Prozent klagen über Arthrose, knapp sechs Prozent haben eine koronare Herzkrankheit (12,5 Prozent bei den 65- bis 79-Jährigen, 20 Prozent in der Gruppe ab 80 Jahren), immerhin 2,3 Prozent leiden an den Folgen eines Schlaganfalls. Mehr als die Hälfte ist zu dick – schon in der Gruppe der 18 bis 29-Jährigen sind es ein Drittel. Knapp ein Drittel der Menschen rauchen, 14 Prozent zeigen einen bedenklichen Alkoholkonsum. Beim Sport könnte ebenfalls mehr gehen: Eine Umfrage der Techniker Krankenkasse (TK) aus dem vergangenen Jahr ergab, dass 45 Prozent der Deutschen selten oder nie Sport treiben.

Doch es gibt auch Grund zur Hoffnung. Nur zwei Beispiele, wo sich die Dinge zum Besseren wenden: Eine repräsentative Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2022 von Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 25 Jahren ergab, dass diese weitaus häufiger komplett auf Alkohol verzichten als junge Menschen in der Vergangenheit. Gaben im Jahr 2004 noch 21 Prozent der 12- bis 17-Jährigen an, mindestens einmal pro Woche zu trinken, waren es im Jahr 2021 nur noch knapp neun Prozent. Bei den 18- bis 25-Jährigen ging die Zahl ebenfalls von 44 Prozent im Jahr 2004 auf 32 Prozent im Jahr 2021 zurück. Erfreuliches gibt es auch bei der Zahl von Herz- und Kreislaufkrankheiten zu vermelden. Sie sind zwar immer noch Todesursache Nr. 1. Dennoch sank die Sterblichkeitsrate in Folge einer Herzerkrankung zwischen 2011 und 2020 um knapp 22 Prozent, wie der Deutsche Herzbericht 2021 der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V. (DGTHG) vermeldet.

Illustration: Olga Aleksandrova
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Es braucht mehr Prävention


Einen Dämpfer verpasste diesen hoffnungsfrohen Nachrichten jüngst eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB). Laut BiB belegen die Deutschen bei einem Vergleich der Lebenserwartung in westeuropäischen Ländern die hintersten Plätze. Bei einem Ranking unter 16 Ländern in Westeuropa erreicht die Bundesrepublik bei den Männern Platz 15, bei den Frauen Platz 14. Konkret heißt das: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt für zwischen 2019 und 2021 Geborene bei 78,5 Jahren (Männer) beziehungsweise 83,4 Jahren (Frauen). Bei den Spitzenreitern hingegen dürfen Frauen in Spanien mit 86,2 Jahren und Männer in der Schweiz mit 81,9 Jahren rechnen. Die Autoren der Studie führen die – wohlgemerkt relativ – nie­drigere Lebenserwartung in Deutschland vor allem auf die Folgen von Herz- und Kreislauferkrankungen zurück. Das BiB nennt dies eine „wesentliche Ursache für den Rückstand“ im Vergleich zu anderen Ländern. „Dass Deutschland bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich zurückliegt, ist Anlass zur Sorge, da diese heutzutage als weitgehend vermeidbar gelten“, sagt Pavel Grigoriev, Mitautor der Studie. Dementsprechend fällt auch die Reaktion des Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) aus. Sie fordert mehr Prävention. „Wir plädieren für die Aufnahme eines regelmäßigen Herz-Check-ups ab einem Alter von 50 Jahren in die medizinische Grundversorgung“, sagt Prof. Dr. Holger Thiel, Präsident der DGK. Durch regelmäßige Screenings auch schon im Kindesalter auf Prädispositionen auf Herzkrankheiten etwa, eine verbesserte Impfquote gegen die Grippe, die zu Herzerkrankungen führen kann, oder eine breite Untersuchung auf Herzinsuffizienz, die in anderen europäischen Ländern längst Standard sei, ließen sich viele tödliche Herzerkrankungen vermeiden und so die Lebenserwartung erhöhen.

Stichwort Prävention: „Äpfel essen, nicht rauchen, kein Alkohol, dieser Ratschlag funktioniert heutzutage nicht mehr“, sagt Heyo Kroemer, Vorstandschef der Berliner Charité. Womit wir wieder bei der individuellen Betrachtung der Gesundheit wären. „Jede und jeder reagiert unterschiedlich auf externe Gifte. Wir können heute beispielsweise noch immer nicht vorhersagen, warum der eine Raucher sehr alt wird und ein anderer früh stirbt,“ so Kroemer. An der Charité wurde deshalb 2022 das „Cardiovascular Prevention Center“ ins Leben gerufen, das ganzheitlich untersuchen soll, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen entstehen, wie sie sich vermeiden lassen und welche Anteile die individuelle Prädisposition hat.

Grund für Optimismus


Ein Blick auf den medizinischen Fortschritt wiederum stimmt optimistisch. Bleiben wir bei den Herz- und Kreislauferkrankungen. Minimalinvasive Operationstechniken etwa bringen Stents oder künstliche Herzklappen sicher an ihren Ort und belasten die Patienten so deutlich weniger. Moderne bildgebende Verfahren können das Herz und die Gefäße immer detaillierter darstellen. Das hilft unter anderem bei der Vorbereitung von OPs, die zudem durch robotergestützte Systeme immer präziser sind. Ein wichtiger Trend ist die Digitalisierung. Telemedizinische Systeme helfen beim Monitoring des Herzgeschehens bei Risikogruppen und schlagen Alarm, wenn sich etwa Anzeichen für ein Vorhofflimmern zeigen. Wearables wie Smartwatches überwachen permanent die wichtigsten Körperfunktionen und geben ihren Trägern Hinweise auf Gefahren.

Und was folgt daraus? Vielleicht: Wir sind nicht nur so gesund, wie es uns die Medizin sagt. Wir sind auch so gesund, wie wir uns fühlen. Und dazu können wir jeden Tag einen aktiven Beitrag leisten. Sport zum Beispiel muss nicht zur Hochleistungsveranstaltung werden, sondern kann – beim Fahrradfahren, Wandern oder einfach Spazierengehen – unseren Körper stärken. Eine gesunde Ernährung lässt nicht nur die Waage jauchzen, sondern sorgt auch für ein gesundes Immunsystem. Und schließlich trägt auch der Tapetenwechsel in Form einer Reise zum Wohlbefinden bei. Schon kurze Trips in eine der vielen Ferienregionen Deutschlands machen den Kopf frei, lassen den Alltag vergessen – und sorgen so für eine gedeihliche individuelle Lebenswelt. Um noch einmal Claudia Bergemann zu zitieren: „Beim Wandern vergesse ich all die kleinen Sorgen, und nach ein paar Tagen Abschalten komme ich wieder gut mit den täglichen Anforderungen zurecht. Da fühle ich mich richtig gesund, auch wenn es hier und da mal zwickt im Körper.“