Digitale Inklusion

Oktober 2021 | stern | Leben mit Krebs

Digitale Inklusion

Ältere, kranke und pflegebedürftige Menschen, ob sie zu Hause oder im Pflegeheim wohnen, gewinnen durch die Digitalisierung neue Freiräume. Viele brauchen aber finanzielle Unterstützung.

Illustration: Maria Corbi
Olaf Strohm / Redaktion

Wie einfach ist das: Ein 20- bis 30-sekündiges Video mit der Smartphone- oder Tablet-Kamera vom Gang einer pflegebedürftigen Person reicht aus. Anschließend wird ein kurzer psychosozialer Fragebogen ausgefüllt. Beides wird in eine App eingespeist, die dann mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz und einer 3D-Analyse der Gangbewegung das individuelle Sturzrisiko ermittelt. Anschließend werden dem Patienten und dem Pflegepersonal personalisierte Empfehlungen zur Sturzprävention und für den Erhalt der Mobilität im Alter gegeben. So kann das Sturzrisiko bei Seniorinnen und Senioren frühzeitig erkannt und messbar gesenkt werden. Das kann die
App des Healthcare-Unternehmens Lindera, ein zertifiziertes Medizinprodukt.


Digitale Hilfsmittel können den Alltag älterer und pflegebedürftiger Menschen deutlich erleichtern. Und viele Seniorinnen und Senioren von heute nutzen längst Smartphone und Rechner und damit die Vorteile der digitalen Vernetzung, so die Studie „Digital mobil im Alter“ von Telefónica und der Stiftung Digitale Chancen. Die Studie untersuchte die Nutzung digitaler Dienste durch Senioren und fand heraus: Senioren erleben das Internetvor allem als Gewinn für Mobilität und zur vereinfachten Kontaktpflege. Für einen Teil stellt die Digitalisierung aber eine hohe finanzielle Belastung dar: Viele könnten sich von ihrer Rente oder der Grundsicherung keinen Vertrag für den Internetzugang leisten.

 

Das gelte vor allem für Senioren in Wohn- und Pflegeheimen: Im Rahmen der Pflegeversicherung steht allen Leistungsempfängern ein monatliches Taschengeld von 100 bis 125 Euro zu. Meist sei das zu wenig, um neben Dingen des täglichen Bedarfs auch noch einen Internet-Vertrag zu finanzieren. Die Studienautoren fordern daher von der Politik „digitale Inklusion“, zuvorderst Unterstützung für finanzschwache Senioren, ähnlich wie bei den Schülern. „Bei rund 17 Millionen Menschen über 65 Jahren in Deutschland, von denen zwei Drittel zumindest gelegentlich das Internet nutzen, sollten auch die verbleibenden 6 Millionen Menschen die Chance erhalten, den digitalen Einstieg mit einem geeigneten Gerät unter professioneller Anleitung zu versuchen“, so die Studienautoren und fordern Finanzierungs- oder Unterstützungsmodelle für all jene, die sich nach einer erfolgreichen Testphase ein eigenes Gerät zulegen möchten.

 

Seniorinnen und Senioren erhalten auf diese Weise mehr Sicherheit und Mobilität in ihrem Alltag. Das beginnt schon bei der App, die Fitnessübungen für Senioren anbietet und geht über Gehirnjogging mit Trainingsaufgaben für Intelligenz, Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Andere Apps erinnern an die Einnahme der Medikamente, Sensoren in der Wohnung melden ungewöhnliche Ereignisse an Pflegedienst oder Angehörige. Das geht bis hin zur sprichwörtlichen Notfall-App, die im Fall der Fälle selbstständig den Notdienst anruft und dabei auch gleich die Standortdaten weitergibt.

 

Oder eben die Sturz-Prophylaxe. Sie ist erst der Anfang. Gemeinsam mit der Krankenversicherung „Knappschaft“ baut das Unternehmen Lindera eine neue Datenbank auf, die auf Seniorinnen und Senioren spezialisiert ist. Anhand von anonymisierten Daten älterer Menschen wird der Algorithmus von Lindera trainiert. So sollen Lösungen gefunden werden, die den Betroffenen wieder mehr Unabhängigkeit ermöglichen und durch die anhand von Bewegungsanalysen und Skelettparametern künftig auch Krankheitssymptome besser erforscht werden können – auch die von Krebs.