Der Wunsch nach einem langen, gesunden Leben begleitet die Menschen schon immer. Bereits vor Hippokrates praktizierte man Aderlass, Aristoteles schrieb über die enge Verbindung von Körper und Seele. Auch Krankenkassen fördern seit Jahrzehnten Prävention – vom Rauchstopp bis zu Rückengymnastik. Doch seitdem diese Gesundheitsstrategien, die darauf abzielen, den natürlichen Alterungsprozess zu verlangsamen, unter dem Label „Longevity“ laufen, haben sie eine ganz neue Strahlkraft. Schlaf, pflanzenbasierte Kost, Proteine und Achtsamkeit sind plötzlich die Stars einer Bewegung, die nicht mehr nur Trend, sondern auch eine Haltung ist. Besonders Menschen ab Mitte 40 interessieren sich dafür. Also dann, wenn graue Haare und knackende Gelenke beim Aufstehen erste Signale senden – und wenn dazu noch Zeit, Geld und überhaupt die Motivation vorhanden sind, die eigene Gesundheit zur Priorität zu machen.
Tatsache ist: In die Industrie Longevity wird aktuell eine Menge investiert. Und es bleibt englischsprachig: Superfoods, Supplements und Wearables – also Uhren oder Ringe, die Schlaf, Aktivität und Erholung tracken – gehören für viele selbstverständlich dazu. Die Idee ist einfach: Altern und Fitness sind beeinflussbar – durch Optimierung. Die Pandemie hat diesen Trend verstärkt. Selten zuvor wurde uns die eigene Konstitution so drastisch vor Augen geführt. Was zuvor als nerdiges „Biohacking“ im Silicon Valley galt, wurde – wenngleich in einer moderateren Version – massentauglich. Longevity vereint das Bedürfnis nach Kontrolle und nach Selbstfürsorge.
GESUND ALTERN ALS ZIEL
Auch wenn viele Menschen angesichts von Krieg, Klimakrise oder wirtschaftlicher Unsicherheit eher pessimistisch in die Zukunft blicken, bleibt das Ziel attraktiv: Wenn die Gesellschaft altert, hilft es, im Alter möglichst gesund zu bleiben – nicht nur für sich, sondern auch für das Gesundheitssystem.
Denn trotz eines starken Gesundheitssystems ist die Sterblichkeitsrate in Deutschland höher als in vielen westeuropäischen Ländern, vor allem durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Hinzu kommt eine (im Vergleich zu den Nachbarstaaten) schlechtere Ernährung – mit Übergewicht und chronischen Krankheiten als Folgen. Es gibt also reichlich Gründe, dem etwas entgegenzusetzen.
Wie ein Kurswechsel gelingen kann, zeigt Kati Ernst. Die ehemalige McKinsey-Beraterin, Mitgründerin des Labels Ooia und Mutter von drei Kindern war stark gefordert, bewegte sich wenig und nahm 25 Kilo zu. „Ich war nicht krank, aber auch nicht gesund“, sagt sie. Als bei ihr eine beginnende Fettleber diagnostiziert wurde, änderte sie ihren Lebensstil radikal. Mehr Sport, mehr Schlaf, bessere Ernährung – das Konzept „Longevity“ gab ihrem Neustart Struktur. Heute teilt sie ihre Erfahrungen im Podcast Lifestyle of Longevity. Ihr Fazit: „Unser Gesundheitssystem ist darauf ausgelegt, Krankheiten zu bekämpfen, nicht aber ungesunde Lebensstile zu verhindern.“
LONGEVITY LOHNT SICH
Klassische Prävention ist ein Teil von Longevity. Die Lebensdauer (Life Span) soll möglichst mit der Gesundheitsspanne (Health Span) synchron sein. Die Bilder dazu: Mit 85 noch lange spazieren gehen und mit anpacken, mit 90 noch Bahnen schwimmen, bis zuletzt selbstbestimmt alleine leben – statt krank im Pflegeheim zu liegen – weil typische Alterskrankheiten wie z. B. Demenz, Arthrose oder Osteoporose gar nicht erst entstehen.
Eine US-Studie der University of Illinois aus dem Jahr 2024 zeigt das Potential von Longevity: Ein gesunder Lebensstil kann das Leben um mehr als 20 Jahre verlängern. Die Studie definierte acht Faktoren, die sowohl beeinflussen, wie alt jemand wird, als auch, wie er altert. Sie lauten: regelmäßige Bewegung, gute Ernährung, Nichtrauchen, moderater Alkoholkonsum, guter Schlaf, Stressresilienz, soziale Kontakte und keine Schmerzmittelabhängigkeit. Corina Madreiter-Sokolowski, Professorin für Molekulares Altern an der Medizinischen Universität Graz, hält diese Faktoren für entscheidend – ergänzt aber: „Auch Umwelt und Klima spielen eine Rolle, etwa Feinstaubbelastung in Städten. Wir müssen also nicht nur auf uns selbst achten, sondern auch auf die Welt, in der wir leben.“ Und die Gene? Weit weniger einflussreich als vermutet! Laut Madreiter-Sokolowski sind nur 10 Prozent des Alterns genetisch bedingt, der Rest hängt von Lebensstil und Umwelt ab. Die Konsequenz: Wie wir altern, bestimmen wir. Doch nicht alle haben die gleichen Voraussetzungen.
LONGEVITY GAP BEI FRAUEN
Spannend wird es beim Blick auf Geschlechterunterschiede. Frauen leben statistisch länger als Männer, verbringen aber mehr Jahre in Krankheit. Madreiter-Sokolowski bestätigt das: „Oft werden Frauen medizinisch nicht ganz optimal versorgt. Das liegt daran, dass Frauen in klinischen Studien früher oft unterrepräsentiert waren.“ Außerdem weist die Wissenschaftlerin darauf hin, dass Mehrarbeit durch Care-Arbeit und die daraus resultierende Altersarmut Frauen zusätzlich belastet.
Wer sich viel um die Kinder oder Angehörige kümmert, hat keine Zeit für Sport oder Regeneration, die Ernährung muss oft schnell gehen und die künftige Rente leidet. All das wirkt sich nachweislich negativ auf die gesunden Lebensjahre von Frauen aus. Bis sich dahingehend gesellschaftlich etwas ändert, sollten sie wichtige Vorsorgemaßnahmen nutzen, und ihrer Gesundheit mehr Raum geben.
Routinen wie regelmäßige Bewegung beispielsweise: Kati Ernst kann Longevity problemlos in ihren beschäftigten Alltag integrieren. Sie tauscht einfach alte Gewohnheiten gegen neue aus. „Statt abends lange mit Netflix auf der Couch zu liegen, gehe ich heute lieber eher schlafen und steige morgens direkt in die Sportklamotten.“ Für sie zahlen sich ihre Hacks aus: „Ich habe viel mehr Agilität und Energie und bin effizienter in allem, was ich tue.“
SUPPLEMENTS IM FOKUS
Einen vergleichsweise mühelosen Aufwand für mehr Gesundheit versprechen Nahrungsergänzungsmittel. Allein in sozialen Medien gibt es jede Menge Content dazu, der vom positiven Effekt bestimmter Nährstoffe berichtet. Madreiter-Sokolowski warnt: „Eine Überversorgung kann schaden, zum Beispiel durch Herzrhythmusstörungen bei zu viel Omega-3.“ Sinnvoll sind Supplements nur, wenn medizinisch festgestellte Defizite bestehen – etwa Vitamin D im Winter, B12 bei Vegetarier:innen und Veganer:innen oder Folsäure in der Schwangerschaft. „Es ist derzeit schlichtweg kein Wirkstoff gegen „Alterung“ oder alterungsbedingte Erkrankungen zugelassen“, sagt Madreiter-Sokolowski. Disziplin im Alltag ist deshalb unverzichtbar.
LERNEN VON DEN BLUE ZONES
Doch wahre Langlebigkeit muss nicht immer nur streng und freudlos sein. Dass das funktioniert, dafür muss man nur mal in eine der fünf Blue Zones, also jene Gebiete, in denen Menschen besonders alt werden und gleichzeitig lange gesund bleiben, blicken. Zum Beispiel nach Sardinien. Hier treffen viel natürliche Bewegung, leicht kalorienreduzierte, mediterrane Ernährung, wenig Stress und ein starker, sozialer Gemeinschaftssinn aufeinander. Selten sieht man hier alte Menschen alleine auf einer Bank, sie sind fest in die Gesellschaft integriert. Und auch diese positiven Beziehungen sind essentiell dafür, wie alt jemand wird. Dolce Vita ein Leben lang – ganz ohne Biohacking.