Perspektiven 2020

Dezember 2019 | Handelsblatt | Perspektiven 2020

Perspektiven 2020

Das kommende Jahr wird ein Jahr der Umbrüche. Mit der Präsidentschaftswahl in den USA steht der Showdown um die globale Führungsrolle an. Auch in Europa stehen die Zeichen auf Neuanfang.

Illustration: Helena Pallaré
Mirko Heinemann / Redaktion

Angesichts der Herausforderungen braucht die Wirtschaft starke politische Fürsprecher.

 

Im November 2020 wird in den USA der nächste Präsident gewählt. Der Wahlkampf wird schmutzig, vielleicht noch schmutziger als das, was man mit dem amtierenden Präsidenten bisher erlebt hat. Es wird vermutlich schaurig, makaber und zynisch. Gelegentlich vielleicht auch lustig. Es ist leider keine Netflix-Serie, sondern die Wirklichkeit.


Im Kampf um das höchste Amt in der größten Volkswirtschaft der Welt ist Deutschland nur Verfügungsmasse. Und die EU – nach den USA zweitstärkster Wirtschaftsraum der Welt – laviert hilflos herum wie das Volk um den Kaiser mit den unsichtbaren Kleidern. Dieses traurige Schauspiel muss aufhören! In Zukunft wird es darauf ankommen, dass sich Deutschland und Europa klar positionieren und ihren Einfluss auf die künftige Entwicklung der globalen Wirtschaft geltend machen.


Wie stark die Wirtschaft 2020 wachsen wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. Ökonomen sagen im Mittel für Deutschland ein Wachstum von einem Prozent voraus. Die Eurozone wird Deutschland wohl überflügeln. In dieser ökonomischen Verschiebung steckt eine politische Chance: Die neue EU-Kommission mit ihrer Vorsitzenden Ursula von der Leyen könnte selbstbewusster auftreten, die Chance ergreifen und sich im aufziehenden Sturm als Hort der Sicherheit und Stabilität profilieren. Die Ausgestaltung Europas spielt nicht nur für die Zukunft der Exportnation Deutschland eine entscheidende Rolle. Es geht, auch wenn es pathetisch klingen mag, um den Fortbestand der Menschheit.


Die Herausforderungen des Klimawandels sind immens. Aber ein Anfang ist gemacht, die Wirtschaft neu auszurichten: 2020 wird der Ausstoß von Treibhausgasen in den Sektoren Wärme und Verkehr in Deutschland abgabepflichtig. CO2-sparender Konsum und emissionsarme Mobilität werden im Gegenzug preiswerter. Die EU-Kommission erwägt eine CO2-Steuer auf Importe in den Binnenmarkt, um Nachteile auszugleichen. Dabei würden Produkte entsprechend nach der Höhe der bei der Produktion entstandenen Treibhausgase mit Zöllen belegt.


Für die europäische Wirtschaft bieten sich neue Chancen. Investitionen in Greentech und nachhaltige Projekte, in Klimaschutz und Ressourceneffizienz, werden lukrativer. Mit der Ausweitung der Energiewende auf alle Sektoren werden moderne Heizungen, Dämm-Lösungen und emissionsfreie Antriebe bei Automobilen stärker nachgefragt. In der wichtigen Autobranche wird die Ansiedlung des Elekroautobauers Tesla bei Berlin 2020 für einen Innovationsschub sorgen.


Je höher der CO2-Preis steigt, desto interessanter werden Investitionen in CO2-freie Technologien. Gefragt sind vor allem Speicher für grünen Strom, also Batterien und Power-to-X-Technologien, womit im wesentlichen die Produktion von Wasserstoff aus erneuerbarem Strom gemeint ist. Der Wasserstoff kann mit Luft zu reinem Wasser verbrannt oder über Brennstoffzellen wieder in Strom umgewandelt werden.


In Sachen Digitalisierung wird die nächste Stufe gezündet: Der Ausbau des Mobilfunknetzes auf den 5G-Standard bietet Start-ups die Chance, mit Lösungen für mobile IoT-Anwendungen den Apples, Googles und Alibabas etwas entgegenzusetzen. Höchste Kompetenz wird deutschen Ingenieuren bei der Industrie 4.0 zugeschrieben, der vernetzten Fertigung. In der Verknüpfung mit Künstlicher Intelligenz werden hochautomatisierte und extrem effiziente Prozesse möglich, von der Produktion bis zur Logistik.


Entscheidend beim Wettbewerb um das Internet 5.0 ist der Faktor Geschwindigkeit. Deshalb wird heftig um die Rolle des chinesischen Technologiekonzerns Huawei beim Aufbau des hiesigen 5G-Mobilfunknetzes gerungen. Huawei-Komponenten sind technologische Spitzenprodukte. Manche fürchten, sie wären ein Einfallstor für Wirtschaftsspionage. Andere befürchten dasselbe für in den USA gefertigte Komponenten. Mit europäischem Know-how aber ist 5G kaum zu machen – die Technologien können nur aus China oder den USA kommen. Die Diskussion um die Cyber-Sicherheit wird in diesem Rahmen 2020 mit Sicherheit noch mehr Fahrt aufnehmen.


Die USA drohen mit Sanktionen für den Fall, dass China bei 5G miteinbezogen wird. Kein Wunder: Das Land der Mitte droht, die USA in vielen Bereichen zu überholen. China bringt Spitzentechnologie hervor und legt ein schwindelerregendes Wirtschaftswachstum an den Tag. In Sachen globaler Expansion ist das Land weit vorn. Vor allem Afrika sehen die Chinesen als ein lohnendes Ziel an. Mit einem Handelsvolumen von zuletzt 170 Milliarden Dollar hat China sowohl die USA als auch die alte Kolonialmacht Frankreich als wichtigste Handelspartner des afrikanischen Kontinents hinter sich gelassen.


Deutschland ist hin- und hergerissen. Dem rüpelhaften Ton des immer noch größten Handelspartners USA stehen aus China honigsüße Botschaften gegenüber. Partner wolle man sein, den freien Welthandel fördern wie auch den Klimawandel gemeinsam bekämpfen. China steht hinter dem Pariser Klimaschutz-Abkommen, investiert in Greentech-Unternehmen aus Deutschland und setzt auf erneuerbare Energien und E-Mobilität. Hierzulande ist man beeindruckt von der hohen Geschwindigkeit, mit der China agiert und bewundert die Wachstumskraft. Die diktatorischen Züge des Regimes hingegen werden gern schon mal übersehen.


Was bietet Trumps Amerika stattdessen? Zunächst einmal einen Rückschritt in frühindustrielle Zeiten: Die Ölförderung wird ausgebaut, Umweltschutzstandards werden gelockert. Das ist nicht innovativ, nicht zukunftsgewandt und nicht hoffnungsvoll. Trumps Amerika hat Angst vor der Zukunft. Man kann nur hoffen, dass sich 2020 der sprichwörtliche Pioniergeist der Vielvölkernation gegen den Kleingeist der alten, weißen Männer durchsetzt.


Europa hat jetzt die Chance, nach vorne zu gehen und Optimismus zu zeigen. Einen schlüssigen Plan für eine CO2-neutrale Wirtschaft zu entwickeln, um zu demonstrieren, dass es möglich ist. Dass man dem Klimawandel entgegenwirken kann, ohne auf Wohlstand verzichten zu müssen. Eine Verkehrswende zu initiieren, die den Namen verdient. Ballungsräume umzubauen, sodass man gerne dort lebt, sich sicher fühlt und gesund bleibt. Ein solches Europa würde ganz von selbst zum Sehnsuchtsort für die Klugen und Gebildeten dieser Welt werden.