Technologie und Empathie

Die Arbeitswelt wird derzeit an mehreren Stellen gleichzeitig umgebaut. KI und der demografische Wandel verändern nicht nur die Berufsbilder, sondern auch die Anforderungen an künftige Führungskräfte.

Illustrationen: Diana Bobb, dianabobb.com
Illustrationen: Diana Bobb, dianabobb.com
Mirko Heinemann Redaktion

Der Kollege „Chatty“ hat sich zu einem beliebten Gesprächspartner in vielen deutschen Unternehmen entwickelt. Und das nicht nur für fachliche Fragen. Während viele Mitarbeitende die Künstliche Intelligenz von ChatGPT für Recherche, Dossiers oder als Formulierungshilfe einsetzen, tendieren manche dazu, auch Alltagsfragen an sie zu delegieren: „Chatty, was soll ich heute zu Mittag essen?“ 

Es ist vor allem ihre Vielseitigkeit, welche den Siegeszug der generativen KI-Sprachmodelle antreibt. Im Herbst 2025 vermeldete der Digitalverband Bitkom, dass die Künstliche Intelligenz in der Breite der deutschen Wirtschaft angekommen sei. Jedes dritte Unternehmen (36 Prozent) nutzt bereits KI. Damit habe sich der Anteil gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt. Zudem plane oder diskutiere fast jedes zweite Unternehmen den KI-Einsatz. Inzwischen seien 81 Prozent der Unternehmen sicher, dass KI die wichtigste Zukunftstechnologie ist.

Besonders häufig setzen Unternehmen die KI für Textanalyse, Spracherkennung und die Erzeugung natürlicher Sprache ein; am häufigsten in Marketing, Produktion, Verwaltung und Controlling, so lauten übereinstimmend Analysen des Bitkom und des Statistischen Bundesamts. Das verändert nicht nur Abläufe, sondern auch die Zusammensetzung von Teams: Denn wenn Software Teile der Vorarbeit erledigt, verschiebt sich der Wert menschlicher Arbeit stärker in Richtung Bewertung, Einordnung und Kommunikation. Und es muss davon ausgegangen werden, dass die zukünftige Nutzung exponentiell ansteigen wird. Dass sich der verstärkte Einsatz von KI bereits in steigenden Arbeitslosenzahlen widerspiegelt, wird von den einschlägigen Instituten vehement bestritten. Derzeit sei es vielmehr die schwächelnde Konjunktur, die den Arbeitsmarkt unter Druck setzt. Der Frühjahrsaufschwung fällt in diesem Jahr so gut wie aus, wodurch die Arbeitslosigkeit weiterhin hoch bleibt. Die deutsche Arbeitslosenquote verharrt aktuell bei 6,4 Prozent. 

Zugleich klagen laut Ifo-Institut 22,7 Prozent der Unternehmen über fehlende Fachkräfte. Das ist zwar der niedrigste Wert seit fünf Jahren, aber weiterhin ein hoher Stand. Im Bauhauptgewerbe lagen die betroffenen Unternehmen zuletzt bei 30,4 Prozent, im Maschinenbau bei rund 19 Prozent und im Handel bei etwa 18 Prozent. Gleichzeitig verschärft die Demografie den Druck auf den Arbeitsmarkt. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erwartet für 2026 erstmals einen Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials um 40.000 Personen. Damit wird sichtbar, dass Unternehmen nicht mehr nur um qualifizierte Kräfte konkurrieren, sondern um knappe Arbeitskraft insgesamt. Die Demografie sorgt auch für Verschiebungen auf den aussichtsreichen Berufsfeldern: Die Gesundheitswirtschaft wird mehr und mehr zur priorisierten Zukunftsbranche. Seit 2015 ist die Beschäftigung dort um 1,1 Millionen Menschen gestiegen. Mit der Alterung der Gesellschaft und dem steigenden Versorgungsbedarf werden in Gesundheit und Pflege zahlreiche neue Arbeitsplätze entstehen. Nicht nur in den klassischen medizinischen Berufen, sondern an der Schnittstelle von Medizin, IT und Organisation. 

Daher gehen die Institute eher nicht davon aus, dass der wachsende Einsatz von KI zu einem Kahlschlag bei den Arbeitsplätzen führen wird. Eher wird es wohl zu einem Umbau denn zu einem Abbau von Beschäftigung kommen. Am stärksten betroffen sind laut Wirtschaftsberatung McKinsey administrative Bürotätigkeiten: Bis 2030 könnten in Deutschland bis zu drei Millionen Jobs von Veränderungen betroffen sein, davon ein großer Teil in Büro, Kundenservice, Vertrieb und Produktion. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach technologischen Fähigkeiten sowie nach sozialen und emotionalen Kompetenzen, also etwa Kommunikation und Empathie.
 

FÜHRUNG UNTER UNSICHERHEIT


Diese Entwicklung verändert auch Führung. In einem Umfeld, in dem sich Technologien, Märkte und Anforderungen schneller ändern, verlieren rein hierarchische Modelle an Wirkung. Führung wird stärker situativ, kooperativ und datenbasiert. Unsicherheit wächst, weil viele Entscheidungen unter Zeitdruck und mit unvollständiger Information getroffen werden müssen. Das macht Kommunikation, Konfliktfähigkeit und Priorisierung wichtiger als reine Weisungsbefugnis. Die Praxis zeigt das etwa in Unternehmen, die KI einführen, ohne schon stabile Standards für den Umgang mit den Ergebnissen zu haben. Dann müssen Führungskräfte nicht nur technische Erwartungen steuern, sondern auch Ängste abbauen und Rollen neu definieren. Gerade in Transformationsphasen entscheidet dann nicht die beste Software, sondern die Fähigkeit, Menschen mitzunehmen.

Daraus folgt: Weiterbildung muss stärker priorisiert werden – bei Arbeitgebenden wie bei Arbeitnehmenden. Die Bertelsmann Stiftung meldete 2025, dass nur etwa die Hälfte der Beschäftigten zwischen 25 und 64 Jahren in Deutschland plant, sich in den kommenden zwölf Monaten weiterzubilden; EU-Zielmarke sind 65 Prozent. Lebenslanges Lernen ist keine freiwillige Zusatzoption mehr, sondern ein Kernbestandteil von Beschäftigungsfähigkeit.
 

VIELFALT ALS WETTBEWERBSFAKTOR


Auch gesellschaftlich verschiebt sich vieles. 2024 waren in Deutschland 29,1 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt; das entspricht rund 540.000 Frauen gegenüber 1,32 Millionen Männern. Der Anteil hat sich seit 2014 praktisch nicht verändert. Das ist angesichts des Fachkräftemangels bemerkenswert, weil Unternehmen damit einen großen Teil des verfügbaren Potenzials nicht ausreichend in Führungsrollen übersetzen. Diversität wird deshalb zunehmend auch als betriebswirtschaftliche Frage sichtbar. Unterschiedliche Perspektiven helfen besonders dort, wo Märkte unübersichtlich sind und Entscheidungen nicht nach Schema F getroffen werden können. Unternehmen, die Führungswege breiter öffnen, verbessern nicht nur ihre Außenwirkung, sondern auch ihre Anpassungsfähigkeit.

Für Unternehmen heißt das: Personalpolitik, Weiterbildung und Führung müssen enger zusammen gedacht werden. Für Beschäftigte heißt es: Fachwissen bleibt wichtig, reicht aber allein nicht mehr aus. Und für die Politik heißt es: Nur mit den richtigen Investitionen in Qualifizierung, Infrastruktur und faire Übergänge wird sich der Wandel auch in einer höheren Produktivität niederschlagen.
 

Erster Artikel
Karriere
Juni 2026
Dr. Volker Schmidt, Aufsichtsratsvorsitzender der IdeenExpo
Beitrag

Die Zukunft zum Anfassen

Der Weg in den Beruf beginnt manchmal mit einem Aha-Moment: Dr. Volker Schmidt, Aufsichtsratsvorsitzender der IdeenExpo, über die Kraft eigener Erfahrung.