Nichts weniger, als die Welt retten

Oktober 2016 | Handelsblatt | Zukunft Deutschland

Nichts weniger, als die Welt retten

Im November dieses Jahres tritt der Weltklimavertrag in Kraft, der von 196 Staaten auf der UN-Klimakonferenz ausgehandelt wurde. Viele deutsche Unternehmer sehen darin eine Chance.

Illustration: Dirk Oberländer
Lars Klaaßen / Redaktion

Zum Abschluss der UN-Klimakonferenz in Paris im vergangenen Jahr waren alle Akteure mit im Boot. 196 Staaten einigten sich auf das Ziel, die Erderwärmung zu beschränken. Sie soll „deutlich unter zwei Grad Celsius gegenüber der industriellen Zeit“ bleiben. Weltweit haben das Politiker, Medien und auch einige Umweltschutzorganisationen als wichtigen Schritt gewertet.

Auch viele Unternehmer begrüßen die Einigung. „Der Klimawandel ist kein Naturereignis, dem wir hilflos ausgeliefert sind“, sagt etwa Martin Viessmann, Geschäftsführender Gesellschafter der Viessmann Werke und Mitbegründer der Initiative Klimaschutz-Unternehmen. „Die Politik hat ehrgeizige Klimaschutzziele aufgestellt – und wir können sie erreichen.“ Die Klimaschutz- und Energie-Effizienzgruppe der Deutschen Wirtschaft versteht sich  als unternehmerische Exzellenzinitiative. Die Akteure in diesem branchenübergreifenden Zusammenschluss von Unternehmen aller Größenklassen aus Deutschland zeigen modellhafte Beispiele zur Optimierung der Nutzung von Energie und zum Klimaschutz auf. Dazu veröffentlichen sie regelmäßig Best Practices und bringen ihre Expertise in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ein.

Der Energiesektor war laut Umweltbundesamt (UBA) mit etwa 85 Prozent im Jahr 2014 die größte Quelle anthropogener, also vom Menschen verursachter Treibhausgasemissionen in Deutschland. Dem stellen die Klimaschutz-Unternehmen ein konkretes Ziel entgegen: die Treibhausgasemissionen der Industriestaaten bis 2020 um 40 Prozent und bis 2050 um mindestens 80 Prozent – jeweils gegenüber 1990 – zu reduzieren.
Die Hoffnung: Damit könnten unumkehrbare Prozesse verhindert werden, die bei einer stärkeren Erwärmung drohen. Würden etwa die Eismassen in Grönland oder der Westantarktis abschmelzen, stiege der Meeresspiegel um viele Meter. Ganze Ökosysteme an Land oder in den Meeren würden kippen und Wetterextreme zunehmen. „Die Lage der Schwellenwerte, bei deren Überschreitung derartige Folgen eintreten würden, unterliegt einer großen Unsicherheit“, gibt Mojib Latif zu bedenken. „Aus diesem Grund ist immer die geringste noch mögliche Erwärmung anzustreben.“

Der Leiter des Forschungsbereiches Ozeanzirkulation und Klimadynamik am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel hält eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius, so wie es in dem Klimavertrag von Paris als Option steht, schon für „so gut wie ausgeschlossen“. Der Klimawandel wird vor allem durch den Ausstoß von langlebigen Treibhausgasen verursacht, allen voran Kohlendioxid (CO2). Das Gas entsteht in erster Linie durch die Verfeuerung der fossilen Brennstoffe Kohle, Öl und Erdgas zur Energiegewinnung. Auch die Landwirtschaft, die Rodung tropischer Regenwälder und die Trockenlegung von Mooren verstärken das Problem erheblich. Besonders gefordert ist nicht zuletzt aber die Industrie.

Die zurzeit vorliegenden nationalen Klimapläne führen zu Emissionen, die zu hoch sind, um das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Im Weltklimavertrag verpflichtet sich zwar jedes Land zu Klimaschutzzielen – wenn auch einige Länder wie etwa China ihren CO2-Ausstoß noch steigern dürfen. Diese Nennung von konkreten Zahlen für die Emissionen ist dennoch eine Neuerung. Das Abkommen ist völkerrechtlich zwar verbindlich, doch Sanktionen sind keine vorgesehen, falls ein Akteur sich nicht daran hält. Es handelt sich also lediglich um Selbstverpflichtungen der Staaten. Europa und die USA haben als Vorreiter der Industrialisierung in den vergangenen 150 Jahren am meisten zum Klimawandel beigetragen. Heute ist China CO2-Produzent Nummer Eins. Industriestaaten wie Deutschland, so Latif, könnten durch eine Energiewende allerdings „vormachen, wie sich bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts eine nahezu klimaneutrale Energiepolitik umsetzen lässt.“

Eine Reihe von Vertretern der deutschen Wirtschaft nimmt die Herausforderung sportlich an: „Um die Paris-Ziele zu erreichen, gilt es dort noch ambitionierter zu sein, wo deutsche Unternehmen ohnehin gut sind – nämlich bei Energieeffizienz in Industrie und Gebäuden“, so Martin Bornholdt, geschäftsführender Vorstand der Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF). Die EU habe „Energy Efficiency First“ zum Leitprinzip für die Energieunion erklärt. „Jetzt muss Deutschland mit seinem Klimaschutzplan und dem Grünbuch Energieeffizienz in Führung gehen.“ Die DENEFF betont, dass hier in allen Sektoren weiterhin die günstigsten CO2-Vermeidungspotentiale vorliegen und diese mit einem hohen wirtschaftlichen Gewinn erschlossen werden können.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hatte anlässlich des UN-Weltklimagipfels im Vorjahr über 1.400 Unternehmen befragt, wie sie die Herausforderungen ökologisch und ökonomisch einschätzten. Knapp ein Viertel der Unternehmen rechnete demzufolge mit besseren Exportchancen für Umwelttechnologien. Dabei wurde ein anspruchsvolles Ergebnis dieser Konferenz als Win-Win-Situation für alle angesehen. „Einerseits würden auch die Schwellen- und Entwicklungsländer mit wirksamen Maßnahmen zur Verminderung des Klimawandels beitragen“, fasst die DIHK in ihrem Klimaschutz-Barometer zusammen. „Andererseits könnten die deutschen Unternehmen ihr Know-how und ihre Technologien bereitstellen. Gleichzeitig würde in Klimaschutz dort investiert, wo die Kosten in der Regel nicht so hoch sind wie in den Industrieländern.“ Die wirtschaftliche Belastung für den Klimaschutz fiele also niedriger aus, der Klimaschutzeffekt wäre dafür umso größer.

Doch was ist zu tun, um sich dem Klimawandel erfolgreich entgegenzustemmen? Der DIHK konstatierte im Rahmen der Befragung Unterschiede im Verhalten von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) im Vergleich zu großen Industrieunternehmen: Die KMU setzen vorrangig auf die Förderung und Qualifizierung ihrer Mitarbeiter, die sie auch vor dem Hintergrund des Facharbeitermangels halten wollen. Die großen Industrieunternehmen investieren mehr in klimafreundliche Produkte, Kraft-Wärme-Kopplung und die Forschung und Entwicklung klimafreundlicher Technologien und Produkte sowie die Herstellung klimafreundlicher Produkte.

Es mag pathetisch klingen, aber es stimmt: Für alle Akteure geht um nichts weniger, als die Welt zu retten. Die Klimaschutzziele sind gesteckt, jetzt kommt es darauf an, konkrete Schritte zu machen.