»Abschottung reduziert den Wohlstand«

Oktober 2018 | Handelsblatt | Zukunft Deutschland

»Abschottung reduziert den Wohlstand«

Deutschland steht so gut da wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Der Wirtschaft geht es blendend. Risiken sieht das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln IW in der protektionistischen Politik.

Illustration: Ivonne Schulze
Julia Thiem / Redaktion

Herr Prof. Grömling, die Konjunkturprognose des IW war zunächst recht optimistisch. Nun haben Sie beide Werte, vor allem den für 2019, nach unten korrigiert. Warum?
Die deutsche Konjunktur ist eben keine Teflonpfanne, an der nichts haften bleibt. Die Machtkämpfe zwischen den USA und China, ein spürbar langsameres Wachstum in den Schwellenländern sowie steigende Energiepreise gehen nicht spurlos an der deutschen Wirtschaft vorbei. Der Welthandel stagniert, die Weltproduktion entwickelt sich schwächer und auch die weltweite Investitionsdynamik lässt nach. Das hat für einen Produzenten von Investitionsgütern wie Deutschland natürlich merkliche Auswirkungen. Entsprechend rechnen wir in diesem Jahr nur noch mit einem Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von 1,8 anstatt 2,0 Prozent und für 2019 mit 1,4 anstatt 2,0 Prozent.
 

Müssen wir uns vor einer Rezession fürchten?
Nein, eine Rezessionsgefahr sehen wir derzeit nicht. Das ist der Spagat, den wir in der Kommunikation unserer Prognosen immer hinbekommen müssen: Es ist die Dynamik, die nachlässt, was vor allem auf die weltwirtschaftliche Gesamtlage und die zunehmenden politischen Risiken zurückzuführen ist. Die Kapazitätsauslastung und damit auch das Produktionsniveau sind hierzulande hoch. Das gilt auch für das Niveau unserer Auslandsgeschäfte. Vor allem aber ist der deutsche Arbeitsmarkt nach wie vor sehr robust, womit wiederum auch die Konsumkonjunktur solide bleibt.
 

Machen die von Ihnen angesprochenen politischen Risiken Prognosen schwieriger?
Das ist ein wichtiger Punkt. Erinnern Sie sich an die Prognosen für das vergangenen Jahr zurück: Die waren zunächst sehr verhalten und von den politischen Ereignissen des Jahres 2016 – also Brexit und US-Wahl – geprägt. Und auch wir waren der Überzeugung, dass sich die politische Unberechenbarkeit auf die Wirtschaft niederschlagen würde. Dann hat uns die Konjunktur aber alle überrascht. Der Welthandel boomte und der deutsche Exportmotor lief rund. Aber offensichtlich kann sich die Weltwirtschaft dem politischen Geschehen doch nicht entziehen. Und das erleben wir jetzt mit dem Nachlassen der Dynamik.
 

Wie wirkt sich insbesondere der schwelende Handelsstreit zwischen den USA und China auf die deutsche Wirtschaft aus?
Da ist zum einen der direkte Handelskanal mit beiden Ländern. Der transatlantische Handel wird derzeit schwächer. Gleichwohl erzielt Deutschland nach wie vor im Warenhandel Überschüsse mit den USA. China bekommt den US-Protektionismus ebenfalls zu spüren. Das wirkt auf unsere Geschäfte mit China dämpfend. Zumindest immer wieder gemessen an einer Welt, in der es diese Machtkämpfe nicht gäbe. Zum anderen fließen aber auch jede Menge deutsche Investitionen in Richtung unserer Außenhandelspartner rund um den Globus – etwa in Form von Produktionsstätten. Der von den USA propagierte Protektionismus trifft deutsche Unternehmen also nicht nur mit Blick auf ihre Exporte, sondern auch an ihren ausländischen Standorten.
 

Sie sprachen den deutschen Leistungsbilanzüberschuss an, der aber nur eine Seite der Medaille im internationalen Miteinander zeigt.
Richtig. Mit Blick auf den Warenhandel gibt es hierzulande eindeutig einen Überschuss. Schaut man sich hingegen den Dienstleistungshandel an, dann hat Deutschland und auch Europa insgesamt Handelsdefizite. Hier haben US-Unternehmen wie Google und Co. die Nase vorn. Spricht man mit US-Ökonomen, ist unstrittig, dass bei einer ganzheitlichen Betrachtung des Waren- und Dienstleistungshandels Deutschland und die USA auf Augenhöhe agieren. Lediglich die getrennte Betrachtung des Warenhandels suggeriert eine gewisse Unfairness – und solche aus dem Zusammenhang gerissenen Aspekte machen sich Politiker gerne mal zu Nutze.
 

Wie bewerten Sie den insgesamt wachsenden Protektionismus aus volkswirtschaftlicher Sicht?
Abschottung reduziert den Wohlstand. Die Zeche zahlen die Konsumenten – und langfristig auch die Arbeitnehmer und Unternehmen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist eine Arbeitsteilung sinnvoll – vor allem zwischen Ländern mit unterschiedlichen Spezialisierungen. Entscheidend ist, dass sich die einzelnen Länder mit ihren jeweiligen Spezialisierungsvorteilen über offene Märkte in die internationale Arbeitsteilung einbringen können. Und diese Stärken müssen permanent durch technischen Fortschritt und Bildung gepflegt und ausgebaut werden.
 

Hat der Protektionismus gar keine positiven Effekte?
Protektionismus geht oft mit dem leeren Versprechen einher, dass man sich diesem beständigen Lernen und Verbessern entziehen könnte. Vor einem Strukturwandel schützt er langfristig aber nicht. Auch Deutschland hat in den letzten Dekaden immer wieder aus unterschiedlichen Gründen Strukturwandel durchlebt. Wir hatten zeitweise auch mit einer hohen strukturellen Arbeitslosigkeit zu kämpfen und können an vielen Stellen sicherlich als Beispiel dafür dienen, was man es wirtschaftspolitisch nicht machen sollte.
 

Steht der deutschen Wirtschaft mit zunehmender Automatisierung und Digitalisierung nun nicht wieder ein Strukturwandel bevor?
Gerade die zunehmende Automatisierung ist kein neuer Trend – im Gegenteil. Seit Dekaden steht Deutschland hier weit vorne, und trotz alledem nähern wir uns mit knapp 45 Millionen Erwerbstätigen einem neuen Beschäftigungsrekord. Zum Vergleich: Im Jahr 2005 lag die Beschäftigung hierzulande bei 39,3 Millionen. Zuversichtliche Beschäftigungsperspektiven resultieren auch daraus, dass trotz des technologischen Fortschritts Fabriken und Roboter  nicht einfach vom Himmel fallen und ganz ohne Menschen betrieben oder gebaut werden können. Was wir natürlich auch hierzulande im Blick haben müssen, ist die Bildung beziehungsweise permanente Weiterbildung. Wir müssen lernen, mit immer wieder neuen Maschinen und Produktionsprozessen in allen Wirtschaftsbereichen zu leben und zu arbeiten. Aber das gelingt uns im privaten Bereich ja auch schon sehr gut.