Navigator und Menschenkenner

September 2017 | Wirtschaftswoche | Risikomanagement

Navigator und Menschenkenner

Compliance-Manager sind das hauseigene Gewissen, oberste moralische Instanz, und sie navigieren das Unternehmen sicher durch den regulatorischen Dschungel.

Illustration: Mario Parra
Julia Thiem / Redaktion

Regulierungsbehörden täuschen, Barzahlungen und persönliche Geschenke an Entscheider verteilen, wenn es dem Unternehmen einmal schlecht geht? Für jeden zehnten deutschen Chef wären solche Verhaltensweisen völlig legitim. Das jedenfalls belegt eine aktuelle Umfrage der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Da überrascht es auch nicht, dass nur 23 Prozent der Befragten die Ethik-Standards in ihrem Unternehmen als „hoch“ bezeichneten. Ist der Verweis in der erst kürzlich neu verfassten Präambel des Deutschen Corporate Government Index auf nachhaltige Wertschöpfung, Legalität und ethisch fundiertes, eigenverantwortliches Verhalten nach dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns etwa nur eine leere Worthülse?

Die Ergebnisse der EY-Umfrage sind auch deshalb so interessant, weil Compliance-Systeme und -Prozesse mittlerweile selbst im deutschen Mittelstand angekommen sind – zu hoch sind die finanziellen und haftungsrelevanten Risiken, die mit der wachsenden Zahl an Regulierungen einhergehen. Doch die besten Prozesse und Regeln bringen nichts, wenn man sich nicht daran hält. Daher ist die Nachfrage nach Compliance Managern so hoch wie nie zuvor. Es macht fast den Eindruck, als würden Menschen mit Rückgrat gebraucht, um die Kultur in deutschen Unternehmen zu ändern.

Das bedeutet aber auch, dass sich die Anforderungen an die so genannten „Compliance Officer“ gewandelt haben. Bisher wurde die Rolle des Ordnungshüters im Unternehmen vor allem von Juristen besetzt und war nicht selten auch in der Rechtsabteilung oder unter dem General Counsel angesiedelt. Natürlich sind Juristen nach wie vor prädestiniert für die Rolle des Compliance Officers, da der Großteil der Compliance relevanten Themen rechtlich geprägt ist: Antikorruption, Datenschutz, Geldwäsche – um nur einige zu nennen.

Dennoch braucht man für eine Karriere in der Compliance heute viel mehr: ein Händchen für Menschen, ein unternehmerisches Gespür sowie eine ordentliche Portion Durchsetzungskraft. Schließlich gilt es, den Mund aufzumachen, Geschäftsprozesse und -praktiken zu hinterfragen und ein aktiver Ratgeber zu sein. Zudem muss die Compliance nach innen wirken, wofür es eine einfache, verständliche Sprache braucht. Und sie darf nicht in Konkurrenz zum eigentlichen Geschäft stehen. Denn das, das macht die EY-Umfrage deutlich, führt letztendlich nur dazu, dass sich Führungskräfte gegen ein Compliance-konformes Verhalten entscheiden.

Die hohen Anforderungen und die komplexen Aufgabenstellungen sorgen dafür, dass der Compliance Officer immer mehr zum Job mit Zukunft avanciert – inklusive exzellenter Gehaltsaussichten und einer ausgewogenen Work-Life-Balance. Laut einer Studie des Berufsverbands der Compliance Manager gaben 65 Prozent der Befragten an, Freunde und Familie trotz ihrer Arbeit oft genug sehen zu können. Zudem sind 71 Prozent der Compliance Manager zufrieden mit ihrem Beruf. Vielleicht auch, weil etwa die Hälfte der Befragten 85.000 Euro brutto im Jahr verdient. Mehr als 30 Prozent der Compliance Officer verdienen sogar mehr als 100.000 Euro im Jahr.