Mit Optimismus nach vorn

Dezember 2018 | Handelsblatt | Perspektiven 2019

Mit Optimismus nach vorn

Know-how, Innovation, der Mittelstand, Start-ups und eine realistische Weltsicht machen Deutschland und Europa zukunftsfähig.

Illustration: Zully Kostka
Mirko Heinemann / Redaktion

Wir sind wieder Weltmeister, diesmal im aktuellen Ranking des World Economic Forum WEF, das die Innovationskultur einzelner Länder bewertet. Deutschland belegt hier den ersten Platz: „Germany is the world’s most innovative economy“, so die WEF-Meldung, die sich viral verbreitete. Die deutsche Wirtschaft beherrscht nach Meinung der WEF-Experten den Prozess von der Ideenfindung bis zur Produktvermarktung besser als jede andere. Die Schweiz, die im WEF-Ranking beinahe schon traditionell den Sieger stellt, musste diesmal dem Nachbarn Platz machen.


Das war eine Überraschung, denn die Einschätzung des WEF korrespondiert mit einer eher skeptischen Stimmung in der Bevölkerung. Deutsche Medien nahmen die Meldung des WEF dann auch eher ungläubig auf. Wen wundert´s, ist Deutschland doch auch in Sachen Selbstkritik Weltmeister. Ein wenig Optimismus wäre aber völlig in Ordnung, denn zu dieser frohen Kunde passt folgende Nachricht: Die deutsche Start-up-Szene startet durch wie nie. Der aktuelle KfW-Report verzeichnet für 2017 deutlich mehr so „innovations- oder wachstumsorientierte“ Gründungen, gegenüber dem Vorjahr wuchs die Zahl der Gründer um sagenhafte 16 Prozent und die der Start-ups um 11 Prozent. Das Start-up-Fieber grassiert selbst unter Teenagern, etwa auf der Online-Plattform „Startupteens“. Zusammen sind das Nachrichten, deren Wert man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Denn Gründergeist und Innovation sind ideale Voraussetzungen für Wachstum.


Ein Sprung zurück: „Globale Wirtschaftsrisiken“ haben Marktforscher – allen voran die Europäische Zentralbank – dazu bewogen, ihre Prognosen für 2019 herunterzuschrauben. Die EZB senkte ihre Euroraum-Prognose von 1,9 Prozent auf aktuell 1,8 Prozent. Was Politiker im Sinne der transatlantischen Beziehungen lieber verschweigen, aber jedem klar sein dürfte: Hinter den „globalen Wirtschaftsrisiken“ steht vor allem die irredentistische Wirtschaftspolitik des US-Präsidenten Donald Trump. Zuletzt hat er General Motors gedroht, also seiner eigenen Automobilindustrie. Der Konzern muss 15.000 Mitarbeiter entlassen, unter anderem, weil die von Trump verhängten Importzölle den Stahl- und Aluminiumpreis explodieren lassen. In üblicher Manier leugnete Trump den Zusammenhang, tobte und forderte, der Konzern solle gefälligst mehr Fabriken bauen. Zölle, Drohungen, globale Strafpolitik – ausgerechnet die neoliberalen USA steuern in eine staatlich gesteuerte Wirtschaft.


Europa bildet, ausgerechnet gemeinsam mit dem kommunistischen China, die globale Speerspitze im Streit für den freien Welthandel. Wer diese Konstellation vor wenigen Jahren prophezeit hätte, wäre für verrückt erklärt worden.


Irrsinn andernorts zieht zwangsläufig bessere Rahmenbedingungen in Europa nach sich – wenn die Herausforderungen der Zeit erkannt und ohne ideologische Scheuklappen angegangen werden. So sind etwa deutsche Unternehmen bereits heute weltweit führend bei technischen Antworten auf den Klimawandel. Der US-Präsident ist noch nicht einmal bereit, dessen Existenz zur Kenntnis zu nehmen.


Bei der Energie aus erneuerbaren Quellen, die Trump als neuzeitliche Bedrohung seiner Ölindus-trie ansieht, hat das Industrieland Deutschland soeben einen Anteil von 36 Prozentpunkten erreicht – und überschritten. In den USA sind es, trotz Trump, immerhin 15 Prozent. Der deutsche Außenhandelsüberschuss betrug 2017 knapp 250 Milliarden Euro – noch ein Weltrekord. Er ist nicht deshalb so hoch, weil Waren und Dienstleistungen billig verschleudert werden, sondern weil Kunden und Betriebe in der ganzen Welt deutsche Qualitätserzeugnisse nutzen wollen und bereit sind, dafür einen hohen Preis zu zahlen.


„German Mittelstand“, so heißt das Erfolgsmodell, dem alle Welt nacheifert. Ein ausgeklügeltes  Ausbildungssystem sichert die hohe Qualität der Gewerke. Das System, dessen Bürokratie, zahlreiche Regularien und geringe Flexibilität manchen zum Wahnsinn treibt, garantiert im Gegenzug eine hohe Produktqualität und ist schwer kopierbar. Deutschland profitiert zugleich vom europaweit angeglichene Bildungssystem für Akademiker, dessen Niveau und internationale Durchlässigkeit sprachbegabten Absolventen eine unbeschränkte Mobilität in Europa, dem größten Binnenmarkt der Welt, gewährleistet.


So avanciert in den deutschen Start-up-Hochburgen Berlin, Frankfurt und München die Sprache Englisch allmählich zur Lingua franca – was wiederum die Zugangsschwelle zum einheimischen Jobmarkt für internationale Talente absenkt. Hier finden Neuzugänge eine multikulturelle, offene und dynamische Gründerszene vor, die ihre innovativen IT-Lösungen an der idealen Spielwiese testen dürfen: der auf dem höchstem Niveau technisierten Industrie der Welt.  


Für das Zusammenspiel von IT und High-Tech-Industrie hat sich in Deutschland der Begriff „Industrie 4.0“ etabliert. Er wird nun mit immer mehr Inhalt gefüllt: Vernetzte Robotik erobert die Fabrikhallen, Künstliche Intelligenz trifft auf Fertigung und Intralogistik. Die großen Autohersteller entwickeln das autonome Fahren und stellen sukzessive auf E-Mobilität um. Der Erneuerungsdruck erhöht sich durch politische und juristische Aktionen von Umweltverbänden und -parteien.


In den vergangenen Jahrzehnten ist die Industrie aus den Großstädten abgewandert. Durch die Digitalisierung könnte sich das nun ändern. Eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, der TU Berlin und des Beratungsunternehmens Sustain Consult prophezeit den Regionen Berlin, München, Rhein-Main, Leipzig und Dresden sowie den Metropolen an Rhein und Ruhr bereits eine neue Industrialisierung. Auffällig viele neue Industriebetriebe siedeln sich laut Studie direkt in den Innenstädten an. Die Wissenschaftler erklären dies mit der räumlichen Nähe zu Forschungseinrichtungen, der Nähe zu Konsumenten und den neuen Möglichkeiten digitaler Technologien. Die Gründungen von heute, so die Experten, sind die Industrieunternehmen von morgen. Es gibt allen Grund, mit Optimismus nach vorn zu blicken.