Die Bedenkenträger bewegen sich

Dezember 2018 | Handelsblatt | Perspektiven 2019

Die Bedenkenträger bewegen sich

Unser Kolumnist Gunter Dueck entdeckt Anzeichen für ein Umdenken.

Gunter Dueck / Redaktion

Das Jahr 2019 könnte eine Zeit werden, in der die Fronten der Bedenkenträger aufweichen. Deutschland ist ja nicht so sehr geprägt von Vorpreschern wie Elon Musk, der schon über seine Wohnungseinrichtung auf dem Mars nachdenkt. Wir laufen nicht jedem hinterher, der mit fliegenden Fahnen ins Risiko rennt. Wir fürchten Gefahren, Ungewissheit und vor allem das Fehlen von Regeln und Moral in den noch undefinierten Welten, die uns insbesondere das Digitale beschert.


Wir Deutschen sind so gerne einsame Spitze! Aber bitte auf sicherem Boden. Der Bau von wundervollen Spezialmaschinen – das ist etwas Reelles und macht uns zum Exportweltmeister! Aber bloß keine neuen Industrien oder Geschäftsmodelle! Da haben wir Bedenken, welche uns die Presse ständig auffrischt – einzelfalltränenaufbereitet und damit sehr produktionsbillig. Mikrofon hinhalten: „Würden Sie im autonomen Auto schlafen?“ – „Zittern!“


Seit einigen Monaten kippt etwas. 2019 wird spannend. In uns steigt das leise Gefühl auf, wir sollten uns schämen: Über die Funklöcher, über die Digitalminister und die untätige Glasfaselei. Wir ahnen, dass wir auch 5G verschlafen könnten, so wie den Batteriebau oder die Elektroautos. All die Arbeitsplätze, die die Bedenkenträger immer retten wollen, sind doch ohnehin weg – China nimmt da keine Rücksicht. Aber die neu entstehenden Arbeitsplätze: Wollen wir die jetzt oder nicht? Hört die hartnäckige Leugnung des Fachkräftemangels in 2019 auf? Abiturienten flehen um Orientierung: Wohin können wir? Der Aufstand der zornigen Jungen beginnt. Er liegt in der Luft. Wer sich jetzt nicht zeitig zu 4.0 bekehrt, bekommt bald ein mageres Vorruhestandsangebot. Junge Leistungsträger wollen nicht mehr mit alten Technologien im Hamsterrad rennen, lieber mit weniger Geld quirlige Arbeitsfreude im Start-up genießen und vor allem: eine Perspektive haben. Eine für die nächsten zehn Jahre vielleicht, mehr gibt es nicht mehr – und dann weiter!

 

Prof. Dr. Gunter Dueck ist ehemaliger IBM-Cheftechnologe,
Querdenker und Buchautor. Seine Website: www.omnisophie.com