Jenseits der Schwarzen Null

März 2017 | Capital | International Business

Jenseits der Schwarzen Null

Schon seit Jahren gibt es Kritik am Leistungbilanz- überschuss der deutschen Wirtschaft. Zu Recht?

Illustration: Atelier Olsson Rodriguez
Julia Thiem / Redaktion

EU, OECD, IWF und nun auch das Weiße Haus – seit Jahren ist die internationale Kritik an den immensen deutschen Exportüberschüssen groß. Für 2016 hat Deutschland nun erneut einen neuen Leistungsbilanzüberschuss in Rekordhöhe erwirtschaftet, die Chinesen von der Spitze verdrängt und damit harsche Kritik aus den USA geerntet. Von Ausbeute der Handelspartner war sogar die Rede und auch die Schelte der EU hat nicht lange auf sich warten lassen. Ein Leistungsbilanzüberschuss gibt an, wie viele Forderungen ein Land gegenüber dem Ausland aufgebaut hat – und hängt auch davon ab, wie viel Realkapital im Inland investiert wird. Und hier, so sind sich die meisten Experten einig, liegt das eigentliche Problem: Deutschland investiert zu wenig in die heimische Wirtschaft. „Je geringer die inländischen Investitionen relativ zur Ersparnis, desto höher der Nettokapitalexport und damit der Leistungsbilanzüberschuss aus deutscher Sicht“, erklärt Klaus Borger, Volkswirt bei KfW Research, den volkswirtschaftlichen Zusammenhang.

Dass die privaten Haushalte Nettosparer sind und fürs Alter vorsorgen, ist normal. Doch mittlerweile sind auch der Staat sowie der Unternehmenssektor zu Nettosparern geworden. Auf politischer Ebene ist das gewollt, finanzpolitisches Ziel ist seit Jahren die Schwarze Null, die seit 2014 erreicht wird. Jedoch ist diese Sparpolitik deutlich strenger als die europäischen Regeln vorgeben. Die Entwicklung im Unternehmenssektor sei hingegen historisch und teils auch international gesehen atypisch, so Klaus Borger: „Normalerweise sollten die Unternehmen, vermittelt über den Bankensektor, die Ersparnisse der privaten Haushalte absorbieren und in produktive realwirtschaftliche Investitionsprojekte lenken. Kurz: Sie sollten Nettoinvestoren sein.“ Dass sie es nicht sind, liegt auch am Sparkurs der Regierung. Denn wer nur spart und nicht beispielsweise in die Infrastruktur investiert, sorgt auch im privaten Sektor für eine geringere Investitionsbereitschaft. „Für Logistikfirmen lohnt sich eine Investition in den Fuhrpark oder eine neue Lagerhalle nur dann, wenn auch ein leistungsfähiges Straßennetz inklusive intakter Brücken vorhanden ist“, bringt der Volkswirt die Zusammenhänge zwischen staatlichen und privatwirtschaftlichen Investitionen auf den Punkt. „Aber: Bereits 2016 hat der Staat spürbar mehr investiert als in den Jahren davor. Diesen Trend gilt es zu verfestigen, die finanziellen Mittel dazu sind da.“

Auch die fehlende Investitionsbereitschaft im Unternehmenssektor hat nichts mit mangelndem Kapitalzugang zu tun, so Michael Wolgast, Chefvolkswirt des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands: „Es gibt bei den Krediten heute keine Engpässe mehr und auch die Kapazitätsauslastung im Mittelstand ist hoch. Was fehlt, ist die Investitionsbereitschaft.“ Das Kaufprogramm der EZB sorge zudem für günstige Konditionen am Anleihemarkt, heißt es von der KfW. Für größere Unternehmen bietet sich damit also eine weitere Finanzierungsalternative. Vielleicht sind die angedrohten Sanktionen aus den USA ein Anreiz für die deutsche Regierung, wieder mehr zu investieren. Die offiziellen Mahnungen der vergangenen Jahre haben indes wenig Eindruck hinterlassen.