Das Globalisierungs-Paradox

September 2016 | Capital | International Business

Das Globalisierungs-Paradox

Deutschland ist eine Exportnation, die Wirtschaftskraft des Landes hängt maßgeblich davon ab, wie reibungslos der Handel mit anderen Nationen funktioniert.

Illustration: Dorothea Pluta
Interview: Klaus Lüber / Redaktion

Nun bremst sich das Wachstum des Welthandels ab, einige Länder scheinen zum Protektionismus zurückzukehren und gerade bei den Profiteuren der Globalisierung regt sich Widerstand. Ein Gespräch mit dem Ökonomen Prof. Holger Görg.


Herr Görg, wie geht es der deutschen Wirtschaft?

Grundsätzlich ziemlich gut, gerade wenn man andere Länder zum Vergleich hinzuzieht. Deutschland ist eine der großen Exportnationen der Welt und hat sehr stark vom Export und der Globalisierung profitiert.

Wie abhängig sind wir vom Export?
In Zahlen ausgedrückt sprechen wir von aktuell 45-50 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, wenn man Güter und Dienstleistungen zusammenfasst. Man kann also sagen, dass Deutschland sehr stark vom Export abhängt. Wobei man gar nicht von Abhängigkeit sprechen muss – das klingt mir fast zu negativ. Wie gesagt, die Fokussierung auf den Export macht ja die Stärke der deutschen Wirtschaft aus.

Solange der Handel gut funktioniert...
Sie haben recht. Es gibt natürlich große Unterschiede zwischen einzelnen Unternehmen, abhängig zum Beispiel davon, wohin diese exportieren. Ein Unternehmen, das bislang in sehr intensiven Handelsbeziehungen mit Russland stand, muss durch die aktuell wirksamen Sanktionen natürlich Verluste hinnehmen.

Wir meinten damit eigentlich nicht nur die schwierige Lage in Russland. Ist es nicht so, dass der Welthandel gerade ganz allgemein schwächelt? Die Ära der Globalisierung, so hört man gerade überall, stünde vor dem Ende.
Also da wäre ich vorsichtig. Zunächst stimmt es, dass wir beim Welthandel einen Rückgang der Wachstumsrate beobachten können. In den letzten beiden Jahrzehnten hatten wir es mit sechs Prozent Jahreswachstum zu tun, aktuell wächst der Welthandel um drei Prozent. Daraus aber abzuleiten, dass der Handel zurückgeht, was vielleicht rechtfertigen würde, von einem „Schwächeln“ der Globalisierung zu sprechen, ist Unfug. Der Handel wächst ja weiter, nur eben nicht mehr mit sehr hohen, sondern lediglich mit hohen Wachstumsraten.

Wie würden Sie dann diese Zahlen interpretieren?
Ich würde eher von einer Normalisierung des Handelswachstums sprechen. Die aktuell drei Prozent Wachstum entsprechen ungefähr der Rate des weltweiten Wachstums des Welt-Bruttoinlandsproduktes, wobei der Handel minimal stärker wächst. Wenn Sie sich die Wachstumsraten in den 1970er bis 1980er-Jahren anschauen, dann waren diese auch nicht außergewöhnlich hoch. Also: Im langen Trend und in Relation mit der Wachstumsrate der gesamten Weltwirtschaft haben wir meiner Meinung nach eine normalisierte Wachstumsrate erreicht.

Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle Chinas?
Ganz ähnlich. Auch in China haben sich lediglich die Wachstumsraten abgeschwächt, wir sprechen im Augenblick von einem Rückgang von über zehn auf rund sieben Prozent – und sieben Prozent sind ja immer noch erheblich. Man kann also lediglich festhalten, dass der Markt nicht mehr ganz so rasant wächst. Daraus negative Konsequenzen für die Weltwirtschaft oder gar die deutsche Wirtschaft abzuleiten, halte ich für viel zu simplizistisch. Zumal man die Abschwächung der Wachstumsraten der chinesischen Wirtschaft ja immer zum absoluten Wachstum in Verbindung bringen sollte.

Können Sie das näher erläutern?
Mit zunehmender Industrialisierung schwächen sich Wachstumsraten ja ganz automatisch ab. Solange ehemalige Landwirte zu Fabrikarbeitern werden, kurbelt das die Wirtschaft enorm an. Dann wird die Wachstumskurve etwas flacher, was aber eben nicht heißt, dass die Gesamtwirtschaft nicht auch weiterhin rasant wächst. Schließlich wird die Wachstumsrate ja so berechnet, dass man das absolute Wachstum auf die absolute Größe der Wirtschaft bezieht.  Ist die Wirtschaft nun, dank des früheren Wachstums, größer, wird die Wachstumsrate natürlich automatisch kleiner.  

Warum dann diese Nervosität hierzulande?
Zum einen ist China ein wichtiger Exportpartner für deutsche Unternehmen, im Augenblick an fünfter Stelle. Und da nimmt man natürlich jegliche Veränderung mit einer gewissen Sensibilität auf. Zum anderen hat die deutsche Automobilbranche in den letzten Jahren stark auf den Wachstumsmarkt China gesetzt und dabei große Gewinne erwirtschaftet. Wenn diese Gewinne sich nun abschwächen, macht das natürlich auch der Branche zu schaffen. Und wenn es sich dabei um den bedeutendsten Industriezweig Deutschlands handelt, erzeugt das natürlich Aufmerksamkeit.

Wenn die Globalisierung also ökonomisch noch lange nicht am Ende ist und wir nach wie vor alle von ihr profitieren, wie erklären Sie sich dann, dass sie von immer mehr Menschen abgelehnt wird?
Das ist eine wirklich spannende Frage. Es ist tatsächlich so, dass wir in vielen Ländern, die sehr stark von der Globalisierung profitiert haben und immer noch profitieren, eine zunehmende Protesthaltung feststellen können. Man spricht hierbei auch vom Globalisierungs-Paradox. Wir haben das beim Brexit-Referendum in Großbritannien erlebt, erleben das bei der massiven Kritik an TTIP in Deutschland und dem Präsidentschaftswahlkampf Donald Trumps in den USA: Offensichtlich gibt es viele Menschen, die sich als Verlierer der Globalisierung fühlen.

Zurecht?
Im Großen und Ganzen schon. Natürlich hatten wir es beim Brexit auch mit politischer Propaganda zu tun, die Menschen regelrecht eingeredet hat, die Globalisierung sei schlecht für sie, obwohl gerade sie in Wahrheit von ihr profitieren. Aber ich glaube, das Grundproblem ist, dass vor allem vonseiten der Politik lange nicht ehrlich genug gesagt wurde, dass es nicht nur Gewinner, sondern eben auch Verlierer der Globalisierung gibt. Oder anders gesagt: Die Gewinne der Globalisierung sind da, sie werden im Augenblick nur nicht fair verteilt. Und dieses Problem hat man zu lange vernachlässigt.

Was müsste sich ändern?
Ich glaube, ein wichtiger erster Schritt wäre es, dass die Politik und auch die Ökonomen klar darstellen, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Wobei zu den Gewinnen natürlich auch gehört, dass viele Produkte jetzt viel günstiger zu erhalten sind also noch vor zehn, zwanzig Jahren – denken Sie zum Beispiel an Bekleidung. Diese Gewinne kommen allen zugute, werden aber meist vergessen. Natürlich hilft das nur bedingt, wenn Sie arbeitslos werden, da ihr Job ins Ausland verlagert wird.  Hier muss die Politik aktiv werden und klare und praktikable Alternativen schaffen, um diesen Menschen eine berufliche Zukunft zu ermöglichen.  

Vor welchen Herausforderungen stehen deutsche Unternehmen aktuell? Sind die Bedingungen für Internationalisierung schlechter geworden?
Das lässt sich so pauschal nur schwer beantworten. Was wir zunächst feststellen können: Nach der Finanzkrise 2008/9 wurden in vielen Ländern zunächst Maßnahmen wirksam, die dafür sorgten, die eigene Wirtschaft gegenüber externen Einflüssen zu schützen. Dieser Trend ist teilweise auch heute noch zu spüren. Hinzu kommt eine weitere Entwicklung, die mit einer Verschlechterung der institutionellen Rahmenbedingungen, zum Beispiel der Rechtssicherheit, zu tun hat. Diese beobachten wir zum Beispiel in osteuropäischen Ländern. Auf der anderen Seite haben wir es mit einem Markt wie China zu tun, der sich in den letzten 20 Jahren stark geöffnet hat und auch weiterhin sehr attraktiv für ausländische Unternehmen ist.

Welche Rolle spielen eigentlich die immer wieder zitierten Schwellenländer für den Welthandel?
Ehrlich gesagt eine ziemlich geringe, besonders für Deutschland. Nehmen Sie das immer wieder genannte Brasilien: Wir exportieren aktuell weniger als ein Prozent unserer Güter dorthin, das ist Rang 26. Natürlich sind Brasilien oder auch andere sogenannte Emerging Markets wie Indien, Indonesien oder Nigeria allein durch ihre schiere Größe Länder mit großem ökonomischen Potenzial. Ich denke trotzdem, dass sie in absehbarer Zeit nicht als Treiber des Welthandels auf die Bühne treten werden.

Bislang spielten die Schwellenländer ja als Produktionsstandorte noch eine wichtige Rolle. Doch auch das scheint sich gerade zu ändern.
Sie sprechen den gerade konstatierten Trend zu lokaler Produktion an. Das wird sich zeigen. Aktuell wird ja berichtet, dass Adidas Teile der Produktion wieder zurück nach Deutschland verlagert. Natürlich gibt es solche Fälle, aber das sind im Augenblick noch Ausnahmen.

Man hört, dass Adidas hier in Deutschland Produkte komplett von Robotern fertigen lassen – mit Kosten, die geringer sind, als wenn man sie in Handarbeit in Vietnam fertigen ließe.
Das ist sicher eine spannende Entwicklung. Bislang war es ja immer so, dass Technologie die Globalisierung antrieb. Nun könnte es sein, dass gerade Technologie dazu führt, lokale Produktion wieder attraktiv zu machen.