Brexit als Chance?

März 2018 | Capital | International Business

Brexit als Chance?

Viele Regierungen setzen auf Protekt ionismus und bremsen die internationalen Wirtschaftsbezieh ungen aus. Um den deutschen Mittelstand muss man nic ht fürchten. Er wird sich neue Wege im Welthandel bahnen.

Illustration: Friederike Olsson
Mirko Heinemann / Redaktion

Einfacher, so hört man, sei es nicht geworden. Eher im Gegenteil. Überall dort, wo Unternehmer zusammenkommen, die im internationalen Geschäft tätig sind, ist der neue Protektionismus Thema. Ganz gleich, ob es um das Geschäft in Asien geht, den USA oder in Europa, ob Produktionslinien unterhalten oder exportiert werden – der Wind weht schärfer, und er kommt zunehmend von vorn.


KMU stark im Auslandsgeschäft
 

Speziell für den deutschen Mittelstand stellt diese Entwicklung eine große Herausforderung dar. Bei vielen kleinen und mittleren Unternehmen trägt das Auslandsgeschäft einen wichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg bei, wie das jüngste Mittelstandspanel der staatlichen KfW-Bank zeigt. 2016 hat jeder fünfte der rund 3,6 Millionen Mittelständler in Deutschland exportiert und damit durchschnittlich 27 Prozent seines Gesamtumsatzes erwirtschaftet. Insgesamt haben deutsche KMU Auslandsumsätze von rund 547 Milliarden Euro erzielt – das entspricht rund 38 Prozent der gesamten deutschen Waren- und Dienstleistungsexporte.

Bisher haben sich bei Auslandsinvestitionen die Kosten über die Jahre eher verringert. Jeder zehnte im Ausland verdiente Euro wird laut KfW für Marktanalysen, neue Vertriebswege und Marketingstrategien, notwendige Produktanpassungen, den Transport der Waren und Zölle ausgegeben – das waren 2016 knapp 50 Milliarden Euro.

Diese Zusatzkosten könnten durch bilaterale oder multilaterale Handelsabkommen reduziert werden.
 

Brexit ist bereits spürbar
 

Zusätzliche Import- oder Strafzölle, wie sie die Trump-Administration androht, könnten diese Entwicklung in Zukunft umkehren. Auch mit dem Brexit steigt das Risiko neuer Handelsbeschränkungen, wo bisher der europäische Binnenmarkt den freien Austausch von Waren und Dienstleistungen ermöglicht. Der Brexit betrifft besonders viele deutsche Mittelständler, jeder vierte setzt seine Produkte im Vereinigten Königreich oder in Irland ab.

Bisher ist unklar, auf welche Handelsregeln sich das Vereinigte Königreich und die verbleibenden 27 EU-Staaten für die Zeit nach dem Austritt einigen werden. Doch eine Umfrage des DIHK unter 900 mit Großbritannien eng verbundenen deutschen Unternehmen ergab, dass bereits während der Brexit-Verhandlungen der Handel spürbar abnimmt. Zwar schätzt knapp die Hälfte der Unternehmen die Lage derzeit noch als halbwegs zufriedenstellend ein. Mehr als jedes dritte Unternehmen rechnet aber damit, dass sich die Perspektiven im UK-Geschäft verschlechtern werden. Nur zwölf Prozent der Befragten zeigen sich optimistisch.
 

Schnelle Entscheidungen gefordert
 

Wirtschaftsverbände drängen daher auf schnelle Entscheidungen „für gute künftige Handelsbeziehungen“ zwischen Großbritannien und der EU. „Viele Unternehmen sind abhängig von Lieferketten, die auf mehrere nordeuropäische Länder verteilt sind und von „Just-in-time“-Lieferungen abhängen“, erklären sieben europäische Industrie- und Handelskammern. Jede Änderung der Regeln könnte diese Lieferketten erheblich beeinträchtigen.

Die USA, einst glühende Verfechter des Freihandels, sind heute seine Gegner. Etwa 15 Prozent der exportierenden deutschen Mittelständler sind laut KfW-Bank in den USA aktiv. Im Vergleich zu anderen mittelständischen Exporteuren sind sie besonders umsatzstark, auslandsorientiert und innovativ. Jeder Zweite bietet individuelle, auf die Bedürfnisse des Kunden zugeschnittene Produkte oder Dienstleistungen an. Ihre Eigenkapitalquote ist mit 38 Prozent überdurchschnittlich hoch.

Aber auch andere Staaten wenden sich zusehends vom Freihandel ab, wie DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier gegenüber der Tageszeitung „Die Welt“ betonte: „Die Amerikaner sind nicht protektionistischer als andere Wirtschaftsnationen, sie sind es viel weniger als beispielsweise die Russen oder Chinesen. Aber sie sind nicht mehr der Treiber des Freihandels, der sie einmal waren“, so Treier. „Wir sorgen uns insgesamt um eine nachhaltige Schwächung der WTO und der gemeinsamen Regeln für den freien Welthandel.“
 

Asien im Fokus
 

Richtung Fernost sind die Perspektiven nicht schlecht. Die EU und Japan stehen kurz vor dem Abschluss eines neuen Freihandelsabkommens. Derzeit werden die Vertragstexte einer so genannten Rechtsförmlichkeitsprüfung unterzogen. Die EU-Kommission plant, bis spätestens Sommer 2018 das Abkommen dem Rat und anschließend dem Europäischen Parlament vorzulegen. Auch mit verschiedenen ASEAN Staaten wie Singapur, Vietnam,  Philippinen, Indonesien, Thailand und Malaysia werden Freihandelsabkommen angestrebt.

Zählt man Exporte und Importe zusammen, ist der wichtigste Handelspartner Deutschlands China. Allein in im Jahr 2016 stiegen die deutschen Exporte nach China um 6,7 Prozent an, während die deutschen Exporte insgesamt nur um 1,1 Prozent zunahmen. Einen zusätzlichen Impuls für den internationalen Handel mit China könnte die so genannte „Neue Seidenstraße“ geben, wie die KfW betont. Entlang historischer Handelsrouten will China eine moderne Infrastruktur schaffen und so seine Märkte besser mit dem europäischen Kontinent verknüpfen. Seit einigen Jahren führt die Bahn Containertransporte auf dem Landweg zwischen China und Westeuropa durch. Der Transport ist schneller als mit dem Schiff und deutlich günstiger als mit dem Flugzeug. Der Ausbau der Infrastruktur lässt auf eine weitere Öffnung Chinas hoffen.

Noch mehr Hoffnungen macht der heimische Binnenmarkt selbst: Mehr als die Hälfte der deutschen Exporte geht nach Europa. Für deutsche Mittelständler ist das eine gute Nachricht, denn trotz protektionistischer Tendenzen wird das Exportgeschäft wohl auch in Zukunft ein wichtiger Erfolgsfaktor bleiben. Rund jeder dritte kleine und mittlere Exporteur, so die KfW-Bank, rechnet binnen der nächsten Jahre mit einem Anstieg seiner Auslandsumsätze, jeder zweite erwartet keine Veränderung. Nur wenige Unternehmen erwarten einen Rückgang.

Insgesamt rechnet der deutsche Mittelstand im Zeitraum von 2017 bis 2019 mit einem moderaten Anstieg der Auslandsumsätze um rund acht Prozent.