Oktober 2016 | Die Welt | Geld

Virtuelle Vermögen

Die Digitalisierung prägt die Finanzwelt. Das Geld wandert ins Internet aus. Und dort finden sich auch immer mehr Dienstleistungen rund um die Vermögensbildung.

Axel Novak / Redaktion

„Nur Bares ist Wahres“, sagt der Volksmund – aber dass das eigentlich Unsinn ist, weiß jeder, der heute mit Geld umgeht. Wer spart und ein Vermögen aufbauen will, der kommt um digitale Werkzeuge gar nicht mehr herum. Und die Deutschen sind ja längst digital unterwegs, sogar in Gelddingen. Bereits 60 Prozent ihrer Bankgeschäfte erledigen sie heute online, hat eine Postbank-Studie jüngst ergeben. Digitales Banking macht unabhängig von Öffnungszeiten, von langen Schlangen am Schalter, von exorbitanten Gebühren.

Auch bei anderen Finanzthemen spielt das Netz seine Vorteile voll aus: Wer unter vielen Finanzprodukten – von der Depot-Verwaltung über den Kredit bis zur Versicherung – das herausfindet, das zu ihm passt, der vermeidet es, zweifelhaften Beratern eine teure Provision zu finanzieren.

Doch die gefühlte Sicherheit, im Internet das beste Angebot selber zu finden, kann leicht täuschen. Längst präsentieren Banken, Versicherungen und andere Finanzdienstleister ihre Produkte auch im Netz mit der gleichen Komplexität wie in der analogen Welt. Es kommt also darauf an zu wissen, was man tut. Beratung, Auswahl, Informationen – die Vorteile des Internets werden zum Nachteil, wenn unter Hunderten von ähnlichen Produkten die Auswahl unmöglich wird.

Auch da hilft die Digitalisierung: Anbieter wie Ayondo, Wikifolio, Weltsparen oder Zinspilot beraten, informieren, wählen aus. Wer zum Beispiel kleinere Summen passiv investieren will, dem bieten Anbieter wie Vaamo passives Management ihres Geldes an. Solche jungen Unternehmen treten als digitaler Finanzanlagenvermittler auf, die das Geld des Kunden zum professionellen Kapitalanleger bringen und dafür – die Masse macht´s – eine recht bescheidene Gebühr nehmen.

Auch, wer sein bestehendes Vermögen aktiv managen lassen möchte, kann sich an Robo-Berater wenden. Mit mehr als 100.000 Euro stehen einem zum Beispiel mit Liqid maschinelle Berater zur Seite, die in ihrer Referenzliste die milliardenschwere Familie Quandt führen. Das Start-up will die Anlagestrategien der Reichen durch die Digitalisierung und via Netz einem breiteren  Anleger-Publikum zugänglich machen.

Für geringere  Anlagesummen werden Dienstleister wie Scalable oder Whitebox aktiv. Das heißt, automatisierte Anlage- und Analyseverfahren helfen mit Tipps für die im Zweifel beste Anlage, solange der Kunde präzise Vorstellungen von Risikobereitschaft und Renditeerwartung äußert.

Diese jungen digitalen Anbieter bringen den Markt in Aufruhr: So genannte FinTechs bieten Bank- und Finanzdienstleis-tungen an, die meist schneller, billiger und transparenter als die Angebote der Banken und Sparkassen sind. Der Vorteil, den sie im Laufe der Jahrhunderte erarbeitet haben, die klassische Beratungskompetenz und das Know-how der Solidität, haben sie in der letzten Finanzkrise verspielt.

Für Banken und Sparkassen stellt sich die Überlebensfrage. Sie haben den Trend lange Zeit unterschätzt. Nun zwingen Online-Banken die klassischen Institute, ihre teuren Filialen zu reduzieren. Unabhängige mobile Banking-Systeme bedrohen gar das Geschäftsmodell der Geldhäuser.

Für den Kunden ergeben sich da neue Chancen: Digitale Angebote ergänzen bestehende klassische Angebote perfekt, aber sie müssen sie nicht unbedingt ersetzen. Wer heute einen Kredit online beantragt hat und die weiterhin beachtliche Fülle von Unterlagen digitalisiert und versandt hat, der wünscht sich gelegentlich, dass auf der Gegenseite ein Mensch sitzt, der nicht stur Dienst nach Programm macht wie Kollege Computer.

Doch digital ist mehr als ein Trend. Es ist der Anfang eines Abschieds von Münzen und Scheinen. Einer aktuellen Studie des IT-Branchenverbands Bitkom nach kann sich fast die Hälfte der Deutschen in Zukunft einen bargeldlosen Alltag vorstellen. Digitalisierung heißt dann, auf das archaisch-sinnliche Erlebnis zu verzichten. In digitalem Geld kann niemand mehr planschen wie Dagobert Duck in seinen Talern.