Neue Freiheiten

Mai 2019 | Die Welt | Geld

Neue Freiheiten

Unser Umgang mit Geld hat sich in den letzten Jahren komplett gewandelt. Robo Advice, Mobile Payment, Kryptowährungen – was setzt sich durch und was hat langfristig Bestand? Eine Analyse mit Christian Rauch vom Zukunftsinstitut in Frankfurt.

Illustration: Luisa Jung by Masha Heyer
Interview: Julia Thiem / Redaktion

Herr Rauch, in allen Bereichen der Finanzbranche gibt es neue, innovative und vor allem digitale Ansätze, die Bekanntes und Bewährtes verändern. Wie real ist dieser Umbruch?
Er ist sehr real. Mehr noch, die aktuelle Phase ist vor allem deshalb so spannend, weil die erste Euphorie wie etwa beim Bitcoin abgeklungen ist und sich eine Normalisierung abzeichnet. Genau das ist der Moment, wo Reibungspunkte im System entstehen und neu verhandelt wird.

 

Weil Sie den Bitcoin ansprechen: Nach dem Hype kam der doch sehr nüchterne Abstieg. Waren die Erwartungen zu hoch?
Hier muss man klar unterscheiden: Es sind nicht die Kryptowährungen mit disruptiven Tendenzen, sondern die dahinter liegende Technologie, die Blockchain. Der Hype verdeutlicht eigentlich nur, dass sich unser Umgang mit Technologie noch stark wandeln muss. Der großen Mehrheit fehlt das Verständnis dafür, was eine Technologie wie die Blockchain leisten und wozu sie genutzt werden kann. Wobei sein Beispiel eindrucksvoll zeigt, wie neue Technologien und Investitionsmöglichkeiten Massen mobilisieren können. Denn man darf nicht vergessen, dass die rasanten Kursausschläge gleich eine ganze Reihe neuer Millionäre hervorgebracht haben. Es kursiert sogar eine Anekdote von angeblichen Lieferengpässen bei Lamborghini, weil auch die Bestellungen von Neuwagen mit dem Bitcoinkurs gestiegen seien.

 

Der Bitcoin wird also nicht zur Währung der Zukunft?
Definitiv nicht. Eine Währung braucht Vertrauen und Stabilität, keine Spekulation in einem Ausmaß, wie sie der Bitcoin ausgelöst hat. Und sie muss als Zahlungsmittel fungieren können. Zwar hat man während der Hochphase immer wieder Schilder vor Läden, Bars und Restaurants mit der Aufschrift ‚Wir akzeptieren Bitcoin‘ gesehen, nur hat davon niemand Gebrauch gemacht. Denn warum die wertvolle Währung ausgeben, wenn ihr Kurs morgen wieder steigen könnte?

 

Und es fehlen die klassischen Instrumente der Geldpolitik durch eine Zentralbank.
Was wiederum das ist, was Befürworter von Kryptowährungen loben: die Unabhängigkeit vom gängigen System und die Tatsache, dass von offizieller Seite nicht künstlich eingegriffen werden kann. Wir werden uns in unserer Netzwerk-Ökonomie noch an vielen Stellen mit grundlegenden Fragen konfrontiert sehen: Was hat wie viel Wert und wie entsteht Wertschöpfung? Die klassischen Beispiele Uber oder AirBnB: Letzteres ist das wohl größte Hotelunternehmen der Welt und besitzt nicht eine Immobilie.

 

Und wozu ist eine, wie Sie sagen, innovative Technologie wie die Blockchain im Stande?
Das wird sich zeigen. Potenzial ist bei einer solch klugen, zukunftsorientierten Technologie vorhanden und es wird bereits in viele Richtungen gedacht – weit über die Finanzbranche hinaus. In jedem Fall stehen Distributed Ledger-Technologien, wozu die Blockchain gehört, für Transparenz, Vertrauenswürdigkeit und Offenheit. Und sie sind in der Lage, zahlreiche Parteien auf einer Plattform zusammenzubringen. Was man heute jedoch schon mit Sicherheit sagen kann: Solch innovative Technologien werden für neue Freiheiten sorgen.
Frei von Bargeld etwa? Wenn es nach den Vorstellungen der mobilen Bezahldienstleister geht, brauchen wir das schon heute nicht mehr.


Ich glaube tatsächlich, dass wir uns schon bald vom Bargeld verabschieden könnten. Wir erleben einen Wertewandel, eine andere Kultur im Umgang mit alltäglichen Dingen. Einfach, bequem und schnell soll es sein. Das Smartphone ist da deutlich attraktiver als die Hosentasche voller Kleingeld – und das bereits bei der Generation, die noch ohne Smartphone groß geworden ist.

 

Bei 17 Euro mag das Vertrauen in neue Technologien ja groß sein, aber ist es das bei Geldanlagesummen von 17.000 oder 170.000 Euro auch noch?
Bei der Geldanlage wird argumentiert, dass die persönliche Beratung nicht wegzudenken ist, gerade bei größeren Vermögen. Vor rund zehn Jahren wurden dieselben Argumente angebracht – als das Online-Banking eingeführt und für zu unsicher befunden wurde, um sich großflächig durchzusetzen. Wir wurden eines Besseren belehrt. In Deutschland entwickeln sich viele digitale Vermögensverwalter gerade erst. In den USA hatte der Robo Advisor Betterment aber bereits 2016 schon rund 160.000 Kunden überzeugt, für die er etwa fünf Milliarden US-Dollar verwaltete. Und auch hierzulande setzen viele Institute in der Beratung bereits auf computergestützte Risikoanalysen und Technologien wie künstliche Intelligenz als Basis für Anlageempfehlungen.

 

Die jungen Wilden werden also das Ruder übernehmen?
Sie werden zumindest in der Lage sein, sich mit gut gemachten Konzepten und Services ihren Marktanteil zu erobern. Bestes Beispiel ist der Zahlungsdienstleister Wirecard, der einen großen Namen der Finanzindustrie wie die Commerzbank aus dem Dax gekegelt hat.

 

Wirecard hat nach der Dax-Eroberung aber auch gleich eine ganze Reihe ‚Nachbeben‘ ausgelöst.
Das ist richtig. Man muss jedoch bedenken, dass trotz der hohen Marktkapitalisierung das Unternehmen ein relativ junger Player ist, dem die breite Vertrauensbasis fehlt. Das macht natürlich angreifbar. Dennoch zeigt Wirecard, was alles möglich ist und das in Zukunft mit vielen, heute vielleicht undenkbaren Dingen gerechnet werden muss.

 

Stehen Beispiele wie das Crowdinvesting oder Peer-to-Peer-Lending auch für einen gewissen Drang nach mehr Selbständigkeit? Schließlich findet hier Geld ganz ohne Zutun der klassischen Mittler Investitionsobjekte.
Technologie und Vernetzung sorgen als ‚Enabler‘ sicherlich für eine neue Selbständigkeit. Wir leben in einer vollkommen vernetzten Gesellschaft, die Angebot und Nachfrage auf andere Art zusammenbringt. Das wiederum verändert die materielle Sicht von Verbrauchern und Kunden und führt zu neuen Konsum- und Investitionsmustern. In gewisser Weise schwingt da ein Wertewandel und der Wunsch nach Unabhängigkeit von den großen Playern mit. Gerade bei der Geldanlage finden Sie aber auch Gegentrends.

 

Gegentrends zur Digitalisierung?
Zur Digitalisierung und Automatisierung. Ein Beispiel sind die zahlreichen Themenfonds und -indizes, die derzeit wesentlich stärker in den Anlagefokus rücken. Auf dieser Suche nach neuen Entwicklungsmöglichkeiten braucht es eine gewisse Kreativität, Weitsicht und die Fähigkeit, Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklungen zu erkennen. Das können Sie keinem Computer beibringen.

 

Jetzt wird es komplex: Einerseits wird digitalisiert und automatisiert, wo es nur irgendwie möglich ist. Andererseits sind individuelle Lösungen, Wege und eine neue Kreativität gefragt?
Komplex ist das richtige Stichwort – vor allem in Bezug auf unsere Welt. Deswegen sind Trend und Gegentrend auch kein grundsätzlicher Widerspruch. Es wird den Massenmarkt geben, aber eben auch immer attraktive Nischen, die man besetzen kann. Die Mehrheit der Menschen zieht es im Zuge der Urbanisierung in die Städte, was nicht heißt, dass es den ländlichen Lebensraum in Zukunft nicht mehr geben wird. Und viele unserer Finanzprozesse wie das Bezahlen, werden bald noch reibungsloser, ja vielleicht in Flatrate-Manier sogar unterbewusst stattfinden. Das schließt jedoch nicht aus, dass Menschen beispielsweise bei der Geldanlage nach sinnstiftenden Möglichkeiten Ausschau halten. Dabei ist eine der entscheidenden Fragen wohl auch, was morgen noch als wertvoll erachtet wird.

 

Luxus wird morgen ein anderer sein?
Das zeichnet sich heute in vielen Bereichen schon deutlich ab. Der Firmenwagen ist längst kein Statussymbol mehr. Teilen gehört zu einem wichtigen Element unserer Shared-Economy. Die Gehaltserhöhung muss im Verhältnis zur Lebensqualität stehen. Und die Rendite einer Geldanlage darf zu Gunsten eines guten Zwecks vielleicht auch mal geringer ausfallen. Ein Stichwort in diesem Zusammenhang ist das Charity-Shopping: Wenn ich schon nicht um den Einkauf bei einem großen Marktteilnehmer herumkomme, dessen Geschäftsmodell mir aus welchen Gründen auch immer missfällt, soll wenigstens eine Summe X einem guten Zweck meiner Wahl zugutekommen – vielleicht sogar lokal bei mir vor Ort. Vor allem die Generation, die aktuell heranwächst, wird noch einmal einiges Bekannte in Frage stellen.

 

Weil diese Generation mit der Digitalisierung aufgewachsen ist?
Weil diese Generation in relativem Wohlstand aufgewachsen ist, während die Generation zuvor noch stark von ihrer Elterngeneration, der Generation X, mit ihrer Skepsis und einer gewissen Perspektivenlosigkeit geprägt wurde. Dieses Aufwachsen im Wohlstand geht mit einer materiellen Sättigung einher, die das Verhältnis zu Geld, Investments und vor allem auch zur Vorsorge noch einmal vollkommen auf den Kopf stellen könnte. ■