Der Zinsmacher

Dezember 2017 | Die Welt | Geld

Der Zinsmacher

Erst hatte ihn niemand so recht auf dem Radar. Nun analysiert und diskutiert die ganze Finanzwelt den designierten neuen Fed-Chef Jerome „Jay“ Powell. Wird er die Zinspolitik seiner Vorgängerin fortführen?

Illustration: Agata Sasiuk
Julia Thiem / Redaktion

Janet Yellen sei keine Republikanerin, erklärte Donald Trump bei einem CNBC-Interview am 5. Mai 2016. „Wenn ihre Amtszeit abgelaufen ist, werde ich sie wahrscheinlich ersetzen, weil ich denke, dass es sinnvoll ist.“ So weit seine Worte im Wahlkampf um das Amt des US-Präsidenten. Im Februar 2018 ist es nun soweit: Die derzeit noch amtierende Chefin der US-Notenbank (Fed) muss ihren Stuhl räumen, für ihren seit Anfang November feststehenden Nachfolger Jerome „Jay“ Powell. Der Neue wird ab 3. Februar 2018, sofern der Senat zustimmt, der mächtigste Geldpolitiker der Welt.

Niemand hatte ihn als geeigneten Kandidaten auf dem Schirm. Nur John L. Bellows, Portfoliomanager und Research Analyst bei der auf Anleihen spezialisierten Legg Mason-Tochter Western Asset bewies als einer der ersten den richtigen Riecher, als er Mitte August Trumps Auswahlkriterien für den neuen Fed-Chef analysierte. Schon damals war er davon überzeugt, dass Jay Powells Chancen wohl mehr als gut stünden – eine mutige These zu jener Zeit.

Zwei Punkte waren für Bellows dabei ausschlaggebend. Zunächst der offensichtliche: Powell ist Republikaner. „Die Wahl des Fed-Vorsitzes ist zwangsläufig eine politische“, gab Bellows zu bedenken. „Die Tatsache, dass die politische Gesinnung wichtig ist, ist insofern nicht überraschend, als dass sich die Politik der Zentralbank auch indirekt auf den Ausgang einer Wahl auswirken kann.“ Was der Finanzexperte damit meint: Jedes neue Staatsoberhaupt tut alles in seiner Macht stehende, um das Beschäftigungswachstum zu befeuern und Vermögenswerte in die Höhe zu treiben – und Trump ist da keine Ausnahme. Günstiges Geld ist dafür natürlich vorteilhaft.

Womit wir auch schon beim zweiten wichtigen Faktor sind, der für die Ernennung Powells zum Fed-Vorsitzenden sprach: Er ist – wie Trump auch – ein Mann der niedrigen Zinsen, denn die unterstützen zwei wichtige Ziele aus dem Wahlprogramm des derzeitigen US-Präsidenten: den Ausbau der Infrastruktur und die Belebung der produzierenden Industrie in den USA.

Viele Kritiker monieren nun, dass Powell kein Ökonom sei – er ist Jurist. Auch seine Vergangenheit an der Wall Street wird teilweise kritisch beäugt. Und er ist reich, viel reicher als seine Vorgänger. Laut eigener Angaben lag sein Privatvermögen 2016 bei 55 Millionen US-Dollar. Dennoch kommt man nicht umhin, seine Erfahrung anzuerkennen. Er hat unter George W. Bush im Finanzministerium gearbeitet und wurde bereits 2012 von Barack Obama in das Fed-Board – das siebenköpfige Verwaltungsgremium der Zentralbank –  berufen, dem er ab kommendem Jahr vorsitzen soll. Er steht also durchaus für eine gewisse Kontinuität in der amerikanischen Zentralbankpolitik, den Kurs von Yellen hat er seit Jahren mitgetragen.

Doch wie wirkt sich diese Kontinuität nun auf die Zinspolitik in den USA und vor allem auf die viel diskutierte Zinswende aus? Das ist eine schwierige Frage. Einerseits ist die Wirkung des billigen Geldes in den USA weitestgehend verpufft. Niedrige Zinsen sind nur ein Faktor, Konsum und Investitionen anzukurbeln – und nicht unbedingt der entscheidende. Andererseits könnte ein zu drastischer Anstieg der Zinsen die gerade aufkeimende Konjunktur ersticken.

Damit wird eines deutlich: Wer den Posten als oberster Währungshüter der USA inne hat, ist eigentlich nicht so wichtig. An der Politik der kleinen, langsamen und behutsamen Zinsschritte, wie sie unter Yellen bereits eingeleitet wurde, kann derzeit kaum gerüttelt werden. „Inching“ – sich langsam bewegend – nennen es die Amerikaner. Dennoch – und da sind sich die meisten Experten einig – ist es klug, sich wieder in Richtung einer Zinsnormalisierung zu bewegen.

Die teils aggressive, experimentelle Geldpolitik, die wir in den Industrienationen seit der Finanzkrise erlebt haben, ist bisher beispiellos. Deshalb sind auch die langfristigen Konsequenzen kaum prognostizierbar. Die Inflation in den USA und anderen Regionen der entwickelten Welt liegt deutlich unter den Zielen der Zentralbanken. Schrittweise Zinserhöhungen sind da eigentlich der einzig logische Weg – auch, weil man als Währungshüter bei einem Konjunkturabschwung dann endlich wieder die Chance hätte, die Zinsen zu senken.

Neben dem ganzen medialen Hype um die Zinswende und die Ernennung Powells geht eine weitere wichtige Tatsache derzeit aber fast unter: Trump kann nicht nur den Vorsitz der US-Notenbank bestimmen, er hat mit Yellens Weggang außerdem die einmalige Gelegenheit, gleich fünf weitere der sieben Sitze des Fed-Boards neu zu besetzen, darunter auch Powells künftigen Stellvertreter. Trump hat damit Einfluss auf die Zukunft der amerikanischen Geldpolitik wie kein anderer Präsident seit Gründung der Fed 1913 vor ihm – eine Tatsache, die selbst in den US-Medien mit einem gewissen Argwohn beäugt wird.

Spannend bleibt es auch, weil für die neue Fed-Besetzung nicht nur die Zinsnormalisierung auf der Agenda steht. Sie muss auch die eigene Bilanz reduzieren, die nach dem ausgedehnten Anleiheankaufprogramm ziemlich aufgebläht ist. Statt also wie bisher Wertpapiere in Höhe einer Billion US-Dollar zu kaufen, muss die amerikanische Zentralbank diese nun verkaufen. Was entsteht, ist ein überschüssiges Angebot, das der Markt erst einmal absorbieren muss – vermutlich auf Kosten der Rendite.

Für Anleger bringt der Besetzungspoker in den USA zwangsläufig eine gewisse Unsicherheit mit sich. Und auch wenn die Rollenverteilung erst einmal klar ist, bleibt abzuwarten, wie die neuen Währungshüter ihre nicht ganz einfachen Aufgaben meistern werden und wie unabhängig die Zentralbank dann tatsächlich noch ist. In Anlehnung an Trumps Reality-TV-Karriere nannte die Politik-Webseite „The Hill“ die Suche nach dem neuen Fed-Chef spöttisch „The Apprentice“, zu deutsch: der Lehrling.