Tor des Friedens

April 2019 | stern | Die Welt des Reisens

Tor des Friedens

Das Brandenburger Tor, Wahrzeichen der deutschen Hauptstadt, wurde von Kriegsherren als Triumphbogen missbraucht und teilte 40 Jahre lang die Stadt. Heute dient es endlich dem Zweck, zu dem es einst errichtet wurde.

Illustration: Constanze Behr
Mirko Heinemann / Redaktion

Das Brandenburger Tor ist ein Hotspot für Touristen in Berlin. Hier stehen sie alle und versuchen ein schönes Foto vom Tor und dem auf dem Querbalken fahrenden vierspännigen Streitwagen mit wahlweise der Oma, der Freundin, der Junggesellen-Reisegruppe oder sich selbst hinzubekommen. Man wandert durch das Tor, hin und her, zwischen Ost und West, als wäre das immer schon eine Selbstverständlichkeit gewesen.


War es aber nicht. Wer im 18. Jahrhundert von Brandenburg kommend nach Berlin reiste, passierte an der Westmauer zwei Zolltürme mit einer kleinen Grenzübergangsstelle. Hier, am alten Brandenburger Tor, kassierten Zollbeamte auf mitgeführte Waren die sogenannte „Akzise-Steuer“.


Das provinziell wirkende Stadttor war Friedrich Wilhelm II. ein Dorn im Auge. Der preußische König wollte zum Ende des 18. Jahrhunderts Berlin zu einer Art Athen der Neuzeit machen. Ein neues, repräsentatives Stadttor im Stil der griechischen Klassik sollte diesen Anspruch bekräftigen. Sein Architekt Carl Gotthard Langhans entwarf das neue Tor als originalgetreuen Nachbau der Propyläen, die den Eingang zur Akropolis in Athen bilden. Statt Marmor diente Sandstein als Baustoff, den Langhans aus dem sächsischen Elbsandsteingebirge heranschaffen ließ. Den Streitwagen steuerte der berühmte Bildhauer Johann Gottfried Schadow bei.


Bis heute hält sich das Gerücht, dass die Quadriga falsch herum stehe, dass sie nicht in die Stadt hineinfahren, sondern zur Eroberung ferner Länder hinaussprengen müsse. Dabei hatte Schadow als Wagenlenkerin nicht die Siegesgöttin Victoria im Sinn, sondern Eirene, Göttin des Friedens. Als „Porta Pacis“, als „Friedenstor“, wurde das Brandenburger Tor erbaut. Dies bekräftigte über Jahre eine Inschrift aus Bronze. Auch das Attikarelief am Sockel der Quadriga auf der Ostseite zeigt einen Zug des Friedens: Einträchtig sind Künste, Freude, Tapferkeit, Neid und Zwietracht gemeinsam mit der Friedensgöttin Eirene und der Siegesgöttin zu sehen. Erst später wurde das Brandenburger Tor als Siegessymbol missbraucht: als Triumphbogen von Napoleon, als Kulisse für zurückkehrende Truppen von preußischen Kriegsherren, von den Nazis für ihre Fackelzüge und von den Sowjets als Mittelpunkt für ihre Siegesfeier zum Ende des Zweiten Weltkrieges.


Am 13. August 1961 wurde das Brandenburger Tor von Betriebskampfgruppen und Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR abgesperrt. Der Bau der Berliner Mauer begann. Fast 30 Jahre lang stand das Tor im Todesstreifen, ein einsames, unzugängliches Monument, nachts in das gelbliche Licht von Scheinwerfern getaucht. Von West-Berlin aus konnte man es von einer Aussichtsplattform aus besichtigen, die nahe an der Mauer stand. Von Osten aus lugte man über die Hinterlandmauer, die auf Höhe des heutigen Hotels Adlon verlief. Die Mauer schien für die Ewigkeit gebaut. Als US-Präsident Ronald Reagan 1987 an die sowjetische Führung appellierte: „Mr. Gorbatschow, open this gate!“, warfen ihm viele Naivität vor.


Doch nur wenige Jahre später, am 9. November 1989, wurden die Grenzen zwischen DDR und Bundesrepublik tatsächlich geöffnet. Auf der Krone der Westmauer vor dem Brandenburger Tor, die an dieser Stelle drei Meter breit war, feierten, tanzten und umarmten sich Menschen aus Ost und West. Das Brandenburger Tor wurde zum weltweiten Symbol für die deutsche Wiedervereinigung und das Ende des Kalten Kriegs.


Ende der 1990er Jahre öffnete der Berliner Senat das Tor für den Straßenverkehr, es wurde zur wichtigsten Verbindung zwischen den beiden Stadthälften. Die Abgase setzten dem Sandstein zu. Das Tor musste erneut saniert werden, und es wurde endgültig für den Verkehr geschlossen.


Heute hat das Brandenburger Tor zu seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgefunden. Es ist Anziehungspunkt für Touristen, Schulklassen, Artisten und Leierkastenspieler – ein Ort des Friedens und der Begegnung. Nur Radfahrer und Fußgänger dürfen das Tor durchqueren, die Durchfahrt mit dem Auto ist Staatsgästen vorbehalten. Wer ein Gefühl dafür bekommen möchte, lässt sich mit der Fahrradrikscha durch das Tor kutschieren.