IN DIE ZUKUNFT GEDACHT

April 2019 | Capital | DIE KUNST

IN DIE ZUKUNFT GEDACHT

Seit den 1980er-Jahren fördert die Galeristin Monika Sprüth Frauen im Kunstbetrieb und schuf dafür ein bedeutendes Netzwerk, das mit dem Magazin und der gleichnamigen Ausstellung „Eau de Cologne“ ihren Anfang nahm.

Eau de Cologne: Barbara Kruger, Louise Lawler, Jenny Holzer, Cindy Sherman, Astrid Klein, Rosemarie Trockel, Marlene Dumas, Kara Walker‘, Installation view, Sprüth Magers, Hong Kong, Hart Hall, March 27 – April 12, 2019 Photography by: Stanley Photo Work
Anna-Lena Werner / Redaktion

Die Ausstellung „Local Histories“ im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin erinnert an diese Pionierarbeit

 

Köln 1983. Die Architektin Monika Sprüth und die Künstlerin Rosemarie Trockel teilen sich ein Atelier in einem Hinterhof der Maria-Hilf-Straße, mitten in der Südstadt. Im selben Jahr eröffnet Sprüth dort eine Galerie. Ihr erster Künstler ist der Maler Andreas Schulze, kurz darauf zeigt sie das Künstlerduo Peter Fischli und David Weiß. Auch damals noch unbekannte Künstlerinnen wie Jenny Holzer, Barbara Kruger, Louise Lawler und Cindy Sherman sind bei Sprüth zu sehen. Mit Rosemarie Trockel, die sie ebenfalls ausstellt, reist Sprüth nach New York und beginnt, Kontakte zur amerikanischen Kunstszene zu knüpfen.


Es sind die Anfänge einer beeindruckenden Karriere. Nahezu alle Künstler*innen, die Monika Sprüth größtenteils bis heute vertritt, und ihre Galerie, die sie seit 1998 im Zusammenschluss mit Philomene Magers als Galerie Sprüth Magers leitet, gehören mittlerweile zu den weltweit erfolgreichsten. Dabei wurde die Basis für den späteren Erfolg schon früh gelegt, durch den konsequenten Aufbau eines einflussreichen lokalen Netzwerkes, das zum Ziel hatte, insbesondere Frauen in der Kunstwelt zu fördern. So jedenfalls argumentiert die Ausstellung  „Local Histories“, noch bis zum 29. September zu sehen im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, die sich der Bedeutung von kleinen, lokalen Netzwerken in der Kunstwelt widmet.


Für Kuratorin Matilda Felix ist hierbei vor allem das von Sprüth 1985 realisierte Projekt  „Eau de Cologne“ zentral, ein Magazin mit gleichnamiger Gruppenshow, beide ausschließlich Frauen gewidmet. In der Ausstellung zu sehen sind Arbeiten von Ina Barfuss, Jenny Holzer, Barbara Kruger, Anne Loch, Cindy Sherman und Rosemarie Trockel, während die 76-seitige Publikation noch weitaus mehr Künstlerinnen vorstellt, wie etwa Astrid Klein und Louise Bourgeoise. Auch Galeristinnen, wie Mary Boone und Barbara Gladstone, sowie Kritikerinnen, Kuratorinnen und Sammlerinnen, wie Annelie Pohlen und Ingrid Oppenheim, sind vertreten. „So ein aufwendiges Magazin war damals nicht gerade üblich“, erklärt Felix. „Monika Sprüth hat damit dieser Ausstellung, diesen Künstlerinnen einen bleibenden Wert verliehen. Es ist in die Zukunft gedacht und es hat funktioniert.“


Sprüths Galerie agiert fortan nicht nur als wichtiges Verbindungsglied zwischen dem Rheinland und New York, ihr differenziertes Galerieprogramm setzt sich auch aktiv für Gleichberechtigung ein. Sprüth bietet vielen Künstlerinnen Einzelausstellungen – in den frühen 1980er-Jahren keine Selbstverständlichkeit. Einflussreiche Galerien, wie Michael Werner oder Rudolf Springer, zeigen entweder überhaupt keine weiblichen Positionen oder bieten Künstlerinnen lediglich Teilnahmen an Doppel- oder Gruppenausstellungen an.


Das Magazin „Eau de Cologne“, zunächst als Provokation gegen den männerdominierten Kunstmarkt gedacht, wird zunehmend politisch: Es geht um Themen wie Feminismus, die Machtstrukturen des Kunstbetriebs und konkrete Möglichkeiten, sich darin als Frau eine Karriere zu erarbeiten. Letztlich wird das sogenannte patriarchale Machtgefüge auch ganz grundsätzlich analysiert. „Kein System, welches an der Macht ist, stellt sich selbst infrage“, heißt es in einem Gespräch zwischen Sprüth und Trockel – für „Local Histories“-Kuratorin Mathilda Felix ein Kerngedanke des Magazin-Projektes: „Es ging offenbar darum, ein bestehendes System in Frage zu stellen, und zwar von einer machtfernen Position aus.“


Auch die zweite Ausgabe des „Eau de Cologne“ Magazins im Jahr 1987 erscheint parallel zu einer weiteren rein weiblichen Gruppenausstellung in der Kölner Galerie. Das Titelblatt der zweiten Ausgabe ist von Barbara Kruger gestaltet. Eine Frau hält sich die Hände vor das Gesicht, darunter auf einem knallroten Banner die Zeile: „Are we having fun yet?“ Zu verstehen ist dies wohl als konkrete Aufforderung. Gleichzeitig adressiert die Frage die moralisierende Ernsthaftigkeit des Feminismus der 1980er-Jahre, die Sprüths Magazin schon damals als unzeitgemäß erscheinen lässt. Feminismus ist ein Kampf, dem mit der Vernetzung von Frauen im Kunstbetrieb, mit der Sichtbarmachung starker Kunst (von Frauen und Männern) und mit Humor begegnet werden muss, ohne gesellschaftliche Missstände zu verharmlosen.


In dieser und der nächsten Ausgabe werden Frauen vorgestellt, die in der Kunstwelt auch aus heutiger Sicht Vorreiterrollen einnehmen: Die Kuratorinnen Iwona Blazwick und Lucy Lippard etwa, die Künstlerinnen Eva Hesse und Jutta Koether, die Kritikerin Rosalind Krauss und die Galeristin Ileana Sonnabend. Die dritte und letzte Ausgabe von „Eau de Cologne“ fordert schließlich die Anerkennung weiblicher Formsprachen, etwa durch neue Medien, als Umkehrung der Männerdomänen Malerei und Skulptur, und widmet sich der „Semiotik der Frau“. Sprüth stellt das Magazin 1989 auf der Art Cologne vor. Ihr Messestand ist mit einem Plakat von Kruger überzogen – darauf der Schriftzug „Your Body is a Battleground. Support Legal Abortion. Birth Control. Women‘s Rights“. Auf der Messe bietet sie in diesem Jahr keine Kunst, sondern ausschließlich das Magazin zum Kauf an.


Beeindruckend und zugleich erschreckend an dieser Pionierarbeit ist, wie aktuell die  „Eau de Cologne“-Magazine auch heute noch wirken: „In Interviews wird wiederholt betont, dass sich die Situation für Künstlerinnen im Vergleich zu älteren Generationen schon wesentlich verbessert hat“, beobachtet Matilda Felix. „Das lese ich inzwischen wie eine Trost-Rhetorik, und es ist erschreckend, dass heute noch die gleichen Floskeln bemüht werden.“


Dass heute weiterhin dringender Handlungsbedarf besteht, zeigt die aktuelle Sensibilität  des Kunstbetriebs für die durch #MeToo- und #NotSurprised-Bewegungen wiederbelebte Feminismusdebatte. Auch die Galerie Sprüth Magers, die mittlerweile an den Standorten Berlin, London und Los Angeles vertreten ist, erinnert durch inzwischen drei Neuauflagen der ersten „Eau de Cologne“-Ausstellung (2015 in Berlin, 2016 in Los Angeles und 2019 in Hong Kong) daran, dass Frauen sich noch heute – ganze 34 Jahre später – die Frage stellen müssen, ob sie bereits Spaß haben oder immer noch kämpfen müssen.

 

ANNA-LENA WERNER ist Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Gründerin des Online-Kunstmagazins artfridge.de.