Freie Bahn für Wachstum

Juli 2015 | Wirtschaftswoche | Der starke Mittelstand

Freie Bahn für Wachstum

Im Mittelstand herrscht Wachstumshunger. Liquidität ist ausreichend vorhanden. Die Banken müssen sich einer wachsenden Konkurrenz stellen.

Jürgen W. Heidtmann / Redaktion

Deutsche Mittelständler investieren derzeit gern in ausländischen Märkten, etwa in Skandinavien: Anfang des Jahres übernahm der Spielehersteller Ravensburger die schwedische Holzeisenbahn-Marke Brio. Motivation: „Im Ausland stärker zu wachsen und vom Spiele- in den Spiel­warenmarkt zu expandieren“, so der Geschäftsführer von Ravensburger, Karsten Schmidt. Anderes Beispiel: Mister Spex. Der Online-Brillenhändler erwarb den norwegischen Kontaktlinsenhändler Lensit.no. Motivation, so Geschäftsführer Dirk Graber: Expansion in neue Märkte.


Seit der globalen Finanzkrise wächst die Zahl der Firmenkäufe, der so genannten Mergers & Acquisitions (M&A) wieder. Laut Wirtschaftsberatung Ernst & Young sind in Deutschland aktuell 51 Prozent der Unternehmen hungrig auf Expansion. Ein starker Trend: Im Oktober 2014 wollten nur 28 Prozent gerne zukaufen. Das Geld dafür ist derzeit reichlich vorhanden. Große Banken konzentrieren sich auf das als solide geltende Geschäft mit dem Mittelstand. Doch mit den niedrigen Zinsen steigen auch die Risiken für die Banken. Daher gibt es auch einen Gegentrend, der dafür sorgt, dass gerade kleinere Unternehmen unter Finanzierungsschwierigkeiten leiden.


Die Lücken werden von anderen Geldgebern besetzt. Der Bundesverband deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften BVK verzeichnete in den vergangenen Jahren beim Einsammeln von Fondskapital ein steigendes Interesse. Eine weitere Möglichkeit zur Finanzierung sind Mittelstandsanleihen. Sie bieten im Schnitt eine Verzinsung von gut sieben Prozent und laufen meist über fünf Jahre. Für Investoren ist die hohe Ver­zinsung attraktiv, zumal Konzernanleihen oftmals nur ein bis zwei Prozent Rendite bringen. Natürlich ist das Ausfallrisiko bei einem kleinen Unternehmen entsprechend höher.


Unter dem Modell der „Mezzanine-Finanzierung“ versteht man eine klassische Finanzierung, die aber sehr flexibel gehandhabt wird: Laufzeit, Preis, Kündigungs- und Tilgungsmöglichkeiten sind variabel; es gibt nur wenige gesetzliche Vorgaben, was einen großen Spielraum bei der Ausgestaltung eröffnet. Damit wird eine individuelle Anpassung der Finanzierung an das Kapital nehmende Unternehmen ermöglicht. Mezzanine-Geber sind oftmals Private Equity-Gesellschaften, Banken oder spezielle Fonds.


Schlechte Zahlungsmoral und hohe Insolvenzraten sind oft­mals der Auslöser, der dem Factoring Eingang in die Finanzplanung vieler Unternehmen verschaffte. Üblich sind Regelungen, nach denen der Unternehmer 80 Prozent des Rechnungsbetrags sofort erhält, die restlichen 20 Prozent fließen, sobald der Kunde seine Rechnung komplett beglichen hat. Das Ausfallrisiko übernimmt der Factoring-Dienstleister.


Auch die Leasinggesellschaften befinden sich im Aufwind. Bei Leasing handelt es sich um ein Finanzierungsinstrument, bei dem der Leasinggeber nach Absprache ein Objekt beschafft, das er dem Leasingnehmer gegen Bezahlung zur Nutzung zur Verfügung stellt. Ein relativ neues Finanzierungsmodell ist das so genannte Crowd-Investing. Dabei wird Wachstumskapital über spezialisierte Plattformen im Internet eingeworben.