Juli 2017 | Capital | Business Travel

»Reisen bleibt unersetzbar«

Persönliche Kontakte sind und bleiben trotz der Digitalisierung ein wichtiger Faktor in Geschäftsbeziehungen, glaubt der Eventmanagement-Experte Prof. Dr. Hans Rück.

Illustration: Malte Müller
Julia Thiem / Redaktion

Im Interview erklärt er, warum Touristen an Geschäftsreise-Standorten eher unerwünscht sind und welche Kriterien über den Erfolg entscheiden.
 

Herr Prof. Rück, welche Rolle spielt Deutschland als Destination für Geschäftsreisen?
Deutschland ist bei Geschäftsreisen mit Abstand die wichtigste Destination in Europa. Vor allem Veranstaltungsbesuche nehmen mit 56 Prozent einen hohen Stellenwert ein. Und das Geschäft wird immer internationaler. Laut ICCA – der International Congress and Convention Association – war Berlin im vergangenen Jahr auf Platz eins der Städte mit den weltweit meisten Tagungen und ist in diesem Ranking seit Jahren unter den Top fünf Städten weltweit.
 

Was macht Berlin so attraktiv?
Berlin ist in der Tat ein interessantes Beispiel, weil die Stadt – anders als andere europäische Hauptstädte – wirtschaftlich nicht so bedeutend und die Infrastruktur ausbaufähig ist. Berlin hat allerdings seit der Wiedervereinigung große Kapazitäten in der Hotellerie aufgebaut, das Preis-Leistungsverhältnis ist deshalb für eine Hauptstadt hervorragend. Und was Deutschland insgesamt angeht, so bilden die vielen Mittelzentren eine enorm dichte Messe- und Kongresslandschaft, die international ihresgleichen sucht.
 

Stehen die vielen kleineren Standorte in den Mittelzentren nicht in starker Konkurrenz?
Ja, und Konkurrenz belebt das Geschäft. Die Zahlen sprechen für sich: Die Besucherzahlen internationaler Tagungen in Deutschland haben sich von 14,3 Millionen in 2006 auf 27,7 Millionen in 2015 fast verdoppelt – auch, weil sich viele kleinere Tagungs- und Veranstaltungsorte besonders hervortun. Ein Beispiel ist der Rosengarten in Mannheim, der zu den Top-5-Kongresszentren in Deutschland zählt. Hier punktet man mit hervorragenden Anbindungen und einem vorbildlich flexiblen Raumangebot.
 

Welche Bedeutung haben politische Faktoren bei der Auswahl einer Geschäftsreisedestination?
Faktoren wie Sicherheit und Stabilität sind entscheidende Kriterien für die Auswahl von Veranstaltungsorten. Das hat auch Paris unmittelbar nach den Anschlägen zu spüren bekommen. Dort sind die Zahlen von Veranstaltungen und Geschäftsreisen in 2016 deutlich zurückgegangen. Aber natürlich sind auch die Lage, die Zugänglichkeit und Qualität der Infrastruktur, gut ausgebildetes Personal sowie die touristische Attraktivität wichtige Auswahlkriterien.

Wegen strengerer Compliance-Richtlinien werden inzwischen viele touristisch attraktive Destinationen von Geschäftsreisenden gemieden. Ist das nicht kontraproduktiv?
Die vielen Diskussionen um Incentive-Reisen in den vergangenen Jahren haben diesen Aspekt stärker in den Vordergrund treten lassen. Das ist ein Nachteil für viele Destinationen, vor allem in den Bergen und an der See. Für Deutschland ist es eher ein Vorteil, weil viele Regionen und Städte touristisch unspektakulär und daher ‚unverdächtig’ sind. Allerdings wird bei diesem Thema aus meiner Sicht nicht immer ganz sauber argumentiert. Denn touristische Attraktivität ist schwer zu messen. Berlin ist hierfür wieder ein gutes Beispiel. Die Argumentation für die Stadt als Veranstaltungsstandort kann auf vielerlei Weise geführt werden – eben auch mit dem großen kulturellen Angebot, das Geschäftsreisende hier außerhalb der Veranstaltung vorfinden.
 

Inwieweit beeinflussen Kultur und Bildung die Attraktivität eines Standorts?
Kultur und Wissenschaft wirken wie Magneten, wenn es beispielsweise um Tagungen geht. Wo Universitäten sind, wo geforscht wird, wo Themen gesetzt werden, kommen auch andere gerne hin. Und natürlich macht ein ansprechendes kulturelles Rahmenprogramm den Veranstaltungsort noch einmal attraktiver.
 

Angesichts der Möglichkeiten der Digitalisierung ist es doch erstaunlich, dass heute überhaupt so viel gereist wird, oder?
Das ist richtig. Die Digitalisierung bietet viele Möglichkeiten. Davon profitieren beispielsweise die Skandinavier. Manchen Medizinern ist es dort aus Compliance-Gründen verboten, an Kongressen außerhalb des eigenen Landes teilzunehmen. Hierauf reagieren die Kongresszentren mit entsprechenden Übertragungssystemen. Ich halte es jedoch für ausgeschlossen, dass Videokonferenzen den persönlichen Austausch irgendwann vollkommen ersetzen können.
 

Welchen Einfluss wird die Digitalisierung auf Geschäftsreisen haben?
Mit Blick auf Kundenbesuche beispielsweise wird sich das Verhalten der Geschäftsreisenden verändern. Dann sind vielleicht nur noch zwei, drei persönliche Termine vor Ort nötig, wenn zwischenzeitliche Updates unkompliziert per Videokonferenz absolviert werden können.
 

Kann digitale Unterstützung auch das Veranstaltungsmanagement entlasten?
Hier wäre ich vorsichtig. Es gibt meiner Meinung nach zu viele App-Experimente am Markt, die keinen wirklichen Mehrwert liefern. Und Sie wollen als Veranstalter nicht, dass Ihre Teilnehmer während einer Tagung nur auf ihr Handy starren und vom Vortrag selbst nichts mehr mitbekommen. Allerdings sehe ich in den sogenannten Multi-Site-Events künftig einen Mehrwert.
 

Wie darf man sich ein „Multi-Site-Event“ vorstellen?
Das sind Veranstaltungen, die durch Digitalisierung zeitgleich an mehreren Orten stattfinden. Der französische Linksaußen-Kandidat Jean-Luc Mélenchon hat es im Präsidentschaftswahlkampf vorgemacht: Um möglichst viele Franzosen anzusprechen, erschien er auf Wahlkampfveranstaltungen als Hologramm. Man spricht live an einem Ort und lässt sich zur selben Zeit an andere Orte übertragen.
 

Wird damit nicht der Sinn einer Veranstaltung untergraben: dass Menschen zusammenkommen?
Das Argument wurde damals auch gebracht, als es darum ging, Fußballspiele im Fernsehen zu übertragen. Die Sorge war, dass die Stadien leer bleiben. Und schauen Sie heute: Noch nie wurden so viele Spiele im Fernsehen übertragen, und trotzdem sind die Stadien ausverkauft. Multi-Site-Veranstaltungen werden also nicht für leere Kongresszentren sorgen. Im Gegenteil: Sie werden die Reichweite und damit den Stellenwert von Veranstaltungen noch einmal deutlich ausbauen.
 

Welche Trends sehen Sie außerdem?
Nachhaltige Aspekte werden immer stärker in den Fokus rücken. Und das ist aus meiner Sicht eine positive Entwicklung. Veranstalter müssen also künftig die Ressourcenschonung in ihre Planung mit einbeziehen – wie eine CO2-neutrale Anreise oder digitale Tagungsunterlagen statt bedrucktem Papier.