Juli 2017 | Capital | Business Travel

Hochwertig reisen!

Die Ansprüche der Business Traveller an Services und Infrastruktur an Flughäfen und beim Fliegen werden immer höher. Betreiber reagieren darauf mit innovativen Angeboten. Doch worauf legen Geschäftsreisende wirklich Wert?

Illustration: Malte Müller
Verena Lange / Redaktion

Mindestens einmal pro Woche checkt Global Sales Director Rogelio Mörath in seinem Heimatflughafen München ein. Er arbeitet für einen weltweit agierenden, französischen Automobilzulieferer, und seine häufigsten Ziele sind Hannover, Spanien, Frankreich und Ungarn. Interkontinental geht es einmal im Monat in die USA oder nach Shanghai, Bejing oder Changchun, einem der größten Automobilbaustandorte Chinas. Schon lange haben sich seine Rituale für Langstreckenflüge bewährt: „Viel Wasser trinken, wenig essen und möglichst schnell an die Ortszeit anpassen.“

Abgesehen von individuellen Strategien, um Strapazen auf kurzen wie langen Flugreisen zu vermeiden und arbeitsfähig zu sein, wissen Business Traveller sehr genau, wie sich eine Dienstreise möglichst stressfrei gestalten lässt. Und ihre Meinung zählt: bei Befragungen und Analysen, bei Airport- oder Airline-Rankings. Das Deutsche Kundeninstitut (DKI) ermittelt beispielsweise jährlich den „Besten Flughafen Deutschlands für Geschäftsreisende“. 2016 war es für die Region Europa der Airport München (MUC). Auch vom renommierten Londoner Skytrax-Institut wurde er mit fünf Sternen prämiert. Was macht MUC so attraktiv? Der Flughafen bietet Meeting- und Tagungsräume, gut ausgestattete Lounges mit Arbeitsplätzen und spezielle Limousinen- und Chauffeurdienste, Online-Parking sowie Car-Sharing und eine eigene App, die zeitnah reiserelevante Informationen bietet. Berühmt ist der MUC auch wegen des selbst gebrauten Bieres, das „Airbräu“. Recht neu sind die „Nap-Cabs“, schalldichte Schlafkabinen für das Nickerchen zwischendurch. Die Flughäfen in Amsterdam, Moskau, Atlanta und New York haben diese aus Japan stammende Idee inzwischen auch übernommen. London bietet gar eine Luxusvariante im Terminal 4 an: Das Yotel, mit Alkoven-Bett, TV, Internetanschluss und Dusche. Kosten: 33 Euro für vier Stunden.
 

Eislaufplatz am Flughafen
 

Immer hoch im Ranking: der südkoreanische Incheon International Airport mit seinem Kulturmuseum, mit Eislaufplatz und Spa samt Sauna. Der Flughafen Singapur bietet gratis Zwei-Stunden-Touren in die Stadt, einen Kakteengarten mit 40 Sorten des stacheligen Grüns und interaktive Kunstkabinen.

Der Hongkong Airport protzt mit einem Golfplatz und einem IMAX-Kino, Zürich trumpft mit Fitness- und Sportangeboten. Hier können Inline-Skates, Räder und Nordic-Walking-Stöcke ausgeliehen werden.

Country-Fans kommen mit 700 Live-Musikveranstaltungen im Jahr auf dem Nashville International Airport auf ihre Kosten. Kein Aufwand scheint zu viel.

Und wozu? „Wir möchten zufriedene Passagiere, auch solche, die es eilig haben“, sagt Bernhard Persch, Fachbereichsleiter Wirtschaft, Entgelte und Non-Aviation im Flughafenverband (ADV). Denn Flughäfen, so der Experte, verdienen weniger am Fliegen sondern vielmehr daran, was den Reisenden vor und nach einem Flug angeboten werde. Um sich auf die Bedürfnisse und Ansprüche von Flugreisenden einstellen zu können, führt der ADV regelmäßig Befragungen durch, mit Ergebnissen wie diesem: „Business Traveller wollen kurze Wege, effizientes Check-In und schnelle  Sicherheitskontrollen, denn für sie muss der Zeitaufwand für diese Prozesse berechenbar sein.“

Damit Geschäftsleute dennoch einkaufen, locken Flughäfen diese Zielgruppe mit so genannten Walk-Through-Läden, Geschäften, die zu allen Seiten offen sind. Experimentiert wird an manchen Standorten zudem mit einer strategischen Zuteilung von Gates für bestimmte Zielgruppen: Abflug oder Landung von zahlungskräftigen Reisenden aus dem Ausland finden in der Nähe von Geschäften mit Luxusgütern statt.


Zauberwort Connectivity
 

Gastronomie, Shopping oder Entertainment interessieren den Vielflieger Mörath nur am Rande. „Das wichtigste für mich ist ein kostenloser und zuverlässiger Internetzugang“, betont er. Immer online und erreichbar sein. Das heißt in der Welt der Geschäftsreisen heute „Connectivity“. „Das wird gerade in der jüngeren Zielgruppe ein immer wichtigeres Auswahlkriterium“, sagt Reinhold Huber, Head of Passenger Experience Design bei der Lufthansa AG. Deshalb biete die Airline auf allen interkontinentalen Flügen Internet an, die Kontinentalflotte werde bis Ende 2018 umgerüstet. Seit 2014 lege Lufthansa nun ein Programm mit zwölf Initiativen auf, um die Kundenzufriedenheit zu steigern, so Huber. Das hat sich gelohnt: Lufthansa ergatterte in diesem Jahr beim Skytrax-World Airline Awards den Titel der besten europäischen Airline.
 

Effizienz, Schnelligkeit und Zeitersparnis
 

„Im Grunde haben sich die Ansprüche der Geschäftsreisenden im Vergleich zu früher nicht verändert. Effizienz, Schnelligkeit und Zeitersparnis waren immer die wichtigsten Bewertungskriterien“, weiß Hans-Ingo Biehl, Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutsches Reisemanagement e.V. (VDR). Aber er bestätigt, dass die Messlatte für Connectivity und die gesamte Reiseorganisation heute höher liegt. Das bestätigt auch die jährlich erscheinende Geschäftsreiseanalyse des VDR.

Beim Werben um die Geschäftsreisenden geht es um viel Geld. 51,6 Milliarden Euro haben deutsche Unternehmen 2016 für Geschäftsreisen ausgegeben, so viel wie noch nie zuvor. Auch Rekord: 2016 waren 11,3 Millionen Mitarbeitende auf 183,4 Millionen Geschäftsreisen unterwegs – ein Plus von 2,3 Prozent. Es verwundert also nicht, dass Airlines und Flughäfen nicht nachlassen, wenn es um neue Marketing- und Servicestrategien für die Kundenzufriedenheit in der Geschäftswelt geht.

Für Markus Schreiber, Fotojournalist bei der Associated Press (AP) aus Berlin, stehen auch schlicht „gute Flugverbindungen, Pünktlichkeit und freundlicher Service“ im Vordergrund. Er brauche ein reibungsloses Einchecken und Kofferabgabe sowie gut organisierte Sicherheitskontrollen.

Berufsbedingt kämpft er mit speziellen Stressfaktoren. Als Fotograf reist er mit einer 35.000 Euro teuren Kameraausrüstung im Handgepäck, was beim Einchecken und bei der Security immer wieder ausdiskutiert werden müsse.
 

Bessere Economy-Services gewünscht
 

Er beklagt zudem, dass die Wartebereiche vieler Flughäfen weltweit eben noch nicht über zuverlässigen Internetzugang verfügen. Da Markus Schreiber meistens Economy Class fliegt, habe er keinen Zugang zu den besser ausgestatteten Airline-Lounges. Daher wünscht er sich, dass solche Services nicht ausschließlich Reisenden der First und Business Class auf gutem Niveau angeboten werden.

Laut VDR-Analyse gehen tatsächlich zunehmend Unternehmen dazu über, ihre Mitarbeitenden in die „Holzklasse“ einzubuchen. Flughäfen und Airlines sollten sich ebenso auf die einfachen Dienstreisenden einstellen, damit sie am Boden und in der Luft arbeitsfähig sind und entspannt reisen können. Noch sind die meisten Angebote und Dienstleistungen wie das Priority Boarding oder die Fast Lanes an den Sicherheitskontrollen, die Lounges, mehr Beinfreiheit im Flieger, Champagner und gutes Essen oder gar Sitze, die sich zu Betten, den Flat Beds, umbauen lassen, auf Unternehmen und Business Traveller zugeschnitten, die dafür das nötige Kleingeld ausgeben wollen.

Unberechenbar für alle Strategen am Boden und in der Luft bleibt der Faktor Natur. Wenn Unwetter oder andere Wetterphänomene den Flugverkehr behindern, müssen sich Business Traveller ebenso gedulden wie Privatreisende. Mit Petrus konnte bislang noch niemand erfolgreich verhandeln, um Effizienz und Zuverlässigkeit zu optimieren.