Wie sicher ist das System?

Juni 2019 | Handelsblatt | Zukunft Energie

Wie sicher ist das System?

Energiesicherheit ist eines der entscheidenden Themen für die Zukunft – umso mehr, als sich die Versorgung immer stärker auf einen Energieträger fokussiert: Strom. Was würde passieren, wenn der Strom längerfristig ausfallen würde? Ein Szenario.

Illustration: Mario Parra
J.W. Heidtmann / Redaktion

Was würde geschehen, wenn in Deutschland für eine längere Zeit der Strom ausfiele? Viele Bürger glauben: Nicht viel. Dieses mangelnde Bewusstsein haben die niederländischen Wissenschaftler Ineke Steetskamp und Ad van Wijk bereits 1994 in einer Studie beschrieben. Und es ist noch heute so: Bürger, Unternehmen und öffentliche Instanzen begreifen einen Stromausfall nicht als ernsthaftes Risiko. Dabei könnte er sich bereits innerhalb von 24 Stunden zu einer „katastrophenähnlichen Situation“ auswachsen, so das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB).

Dass die Folgen eines Stromausfalls katastrophal sind, ist auf das „Verletzlichkeitsparadox“ zurückzuführen, das die niederländischen Forscher ebenfalls beschrieben haben. Es besagt, dass gerade, weil in den meisten fortgeschrittenen Staaten die Stromversorgung relativ zuverlässig über lange Zeiträume funktioniert und nahezu alle technischen Systeme und sozialen Handlungen auf dieser relativen Verlässlichkeit aufbauen, deren Verletzbarkeit steigt. Und jede Störung von Produktion, Vertrieb und Konsum der Versorgungsleistungen sich umso stärker auswirkt.
 

Risiko von Stromausfällen steigt
 

Die Bundesregierung hat das TAB bereits vor einigen Jahren beauftragt durchzuspielen, was bei einem langandauernden und regional übergreifenden Ausfall der Stromversorgung zu erwarten wäre. Die Ursachen können mannigfaltig sein. Der Stromausfall könnte durch technisches und menschliches Versagen ausgelöst worden sein, durch kriminelle oder terroristische Aktionen, Epidemien, Pandemien oder Extremwetterereignisse. Dass die Ausfallwahrscheinlichkeit aber in Zukunft größer wird, liege auf der Hand, so das TAB, unter anderem deshalb, weil die Gefahr terroristischer Angriffe und klimabedingte Extremwetterereignisse als Ursachen eines Netzzusammenbruchs zunehmen werden.

Wenn der Strom großflächig ausbliebe, würden Telekommunikations- und Datendienste teils sofort, spätestens aber nach wenigen Tagen komplett ausfallen. Bei der Festnetztelefonie fallen sofort das digitale Endgerät und der Teilnehmeranschluss aus, danach die Ortsvermittlungsstellen. Bei den Mobilfunknetzen sind es weniger die Endgeräte, die im aufgeladenen Zustand und bei mäßigem Gebrauch einige Tage funktionstüchtig sein können, sondern die Basisstationen, die die Einwahl in die Netze ermöglichen. Diese seien zumeist, bedingt durch das erhöhte Gesprächsaufkommen, binnen weniger Minuten überlastet oder fielen wegen nur kurzfristig funktionierender Notstromversorgung ganz aus.

Massenmedien, die für die Krisenkommunikation von besonderer Bedeutung sind, verfügen teilweise über Notstromkapazitäten, sodass sie in gewissem Umfang zur Information der Bevölkerung beitragen können – etwa die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten. Jedoch können die Bürger ohne Strom mit ihren Fernsehgeräten keine Sendungen empfangen. Dadurch wird der Hörfunk, der über millionenfach in der Bevölkerung vorhandene akku- und batteriebetriebene Geräte empfangen werden kann, zu einem der wichtigsten Kanäle für die Information der Bevölkerung im Krisenfall.
 

Chaotische Zustände

 

Im Verkehr rechnet man mit einer Vielzahl von Unfällen, liegengebliebenen Zügen und U-Bahnen, umzulenkenden Flügen sowie Lkw- und Güterstaus in Häfen. Insbesondere in Metropolen und Ballungsräumen führen Staus und Unfälle im Straßenverkehr zu chaotischen Zuständen. Brandbekämpfung, Notrettung und Krankentransporte, Einsätze zur Sicherstellung der Notstromversorgung würden erheblich behindert. Da alle Tankstellen ausgefallen sind, wird der Treibstoff für die Einsatzfahrzeuge knapp. Darüber hinaus drohen erhebliche Engpässe bei der Versorgung der Bevölkerung, beispielsweise mit Lebensmitteln oder medizinischen Bedarfsgütern. Die weiterverarbeitende Lebensmittelindustrie fällt zumeist sofort aus, sodass die Belieferung der Lager des Handels unterbrochen wird.


Auch bei der Wasserversorgung wird elektrische Energie in der Wasserförderung, -aufbereitung und -verteilung benötigt. Besonders kritisch für die Gewährleistung der jeweiligen Funktion sind elektrisch betriebene Pumpen. Fallen diese aus, ist die Grundwasserförderung nicht mehr möglich. Folge: Saubere Kleidung gibt es bald nicht mehr, und die hygienischen Zustände werden prekär. Toiletten sind verstopft. Es wächst die Gefahr der Ausbreitung von Krankheiten. Eine weitere, mittelbare Folge des Stromausfalls ist ein wachsendes Risiko von Bränden.


Nur das Finanzdienstleistungssystem  zeigt sich als relativ robust, selbst bei einem großflächigen und langandauernden Stromausfall. Nach Einschätzungen von Experten sind der Daten- und Zahlungsverkehr zwischen den Banken, den Clearingorganisationen und den Börsen, die Datenhaltung sowie weitere kritische Geschäftsprozesse über eine lange Zeit durch Notstromversorgung gewährleistet. Als Achillesferse erweisen sich die fehlenden elektronischen Bezahlmöglichkeiten sowie die versiegende Bargeldversorgung der Bevölkerung.  

 

Stromausfall gilt nicht als Bedrohung


 
Jeder Bürger verbraucht Strom – jeden Tag, jede Nacht. Über Produktion und Bereitstellung, physikalische und technische Aspekte dessen, was „aus der Steckdose kommt“, sei in der Regel wenig bekannt, so das TAB. Wie viele Geräte und Prozesse davon abhängen und die dadurch bedingte Abhängigkeit des Alltagshandelns, werde selten reflektiert. Stromausfälle werden nicht als bedeutende Bedrohung angesehen. Deshalb finden auch keine Vorbereitungen für einen Stromausfall statt. Nach einer Umfrage des Deutschen Roten Kreuzes glaubt die Mehrheit der Deutschen, dass sie in der Lage wäre, sich auch bei einem zweiwöchigen Stromausfall selbst zu versorgen.

Die Wirklichkeit aber ist eine andere: Die sozialen Folgen eines Stromausfalls kämen einem „Kulturausfall“ gleich, so das TAB: Traditionell eingeübte Erlebens- und Verhaltensmuster würden infrage gestellt. „Bisherige Ordnungsprinzipien strukturieren und orientieren nicht mehr.“ Im Unterschied zu anderen Katastrophen habe der Stromausfall zudem eine einzigartige Zeitstruktur: Er tritt plötzlich, ohne jede Vorwarnung ein, und seine Dauer ist vollständig ungewiss.