Industrie 4.0 erfordert neues Denken

Oktober 2015 | Handelsblatt | Zukunft Deutschland

Industrie 4.0 erfordert neues Denken

Der Begriff Industrie 4.0 ist in aller Munde, doch eine einheitliche Definition gibt es nicht. Vielleicht ein Grund, warum Unternehmen bisher zu zaghaft agieren.

A.T. Kearney GmbH / Unternehmensbeitrag

Veränderungen in Produktionsabläufen oder Geschäftsmodellen sind nicht neu. Seit jeher wird versucht, Prozesse zu optimieren und Wettbewerbsvorteile zu erarbeiten. Jedoch waren diese Veränderungen bisher inkrementeller Natur. Schrittweise wurde optimiert, bis die Effizienz im Vergleich zum Wettbewerb gesteigert werden konnte – allerdings eben nur minimal. Die meisten Unternehmen in Deutschland halten an diesem Vorgehen fest und lassen damit viele Chancen der Industrie 4.0 ungenutzt.


Industrie 4.0 steht in erster Linie für eine intelligente Vernetzung von Maschinen und Produktionsschritten entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Sie ermöglicht die Synchronisierung der gesamten Prozesslandschaft und vermag die Vision einer bestandlosen Supply Chain bei gleichzeitig hohem Servicegrad Wirklichkeit werden zulassen. Unternehmen, die das volle Potenzial von Industrie 4.0 ausnutzen wollen, müssen also weiter denken als es für bisherige Optimierungsschritte notwendig war. Wir raten sogar, sich zunächst gedanklich von allem Bestehenden zu lösen und sich die essentielle Frage zu stellen, wie die Fabrik oder das Geschäftsmodell aussehen würde, könnte man alles von Null aufbauen. Was genau liefert mir heute Wettbewerbsvorteile? Neu in den Markt drängende Startups werden aufgrund dieser Frage gegründet und können über Nacht Geschäftsmodelle obsolet machen. Jedoch verfügen sie bisher über keine bzw. wenig Erfahrung im jeweiligen Markt. Die zweite Frage muss also lauten, welche vorhandenen Fähigkeiten innerhalb des Unternehmens bestmöglich eingesetzt werden können und an welcher Stelle man einen komplementären Partner benötigt.


Das Ergebnis eines solchen Strategieprozesses kann ganz unterschiedlich sein. Es kann lauten, dass ein Unternehmen nicht nur erstklassige Hardware produziert, sondern auch Spitzenreiter einer standardisierten Steuerungssoftware ist und produkt-unabhängige flexible Maschinenparks betreiben kann. Damit wird es nebensächlich, ob heute Felgen und morgen Auspuffrohre produziert werden. Denn die neue Kernkompetenz und Expertise des Unternehmens hat sich dank Industrie 4.0 möglicherweise komplett in Richtung einer agilen und flexiblen Produktion verschoben.


Diese Gedanken verdeutlichen, dass Industrie 4.0 nicht nur neues Denken und neue Herangehensweisen an strategische Entscheidungen erfordert. Es braucht v.a. Mut – Mut, sich auch einmal außerhalb ausgetretener Wege zu bewegen. Wir sehen in Deutschland in allen Branchen noch großes Entwicklungspotenzial. Es gibt nach wie vor Defizite bei der elektronischen Vernetzung. In der Automobilindustrie  sind z.B. noch viele Anlagen nicht integriert. Zum Teil wird mit 50 und mehr Systemen und Anlagen gearbeitet, die untereinander nicht kommunizieren. Zusätzlich gibt es zu viele manuelle Schnittstellen und zu wenig Automatisierung. Kurz: Die Industrie 4.0 ist zwar schon in Deutschland angekommen, der Handlungsbedarf in vielen Unternehmen muss allerdings erst noch im vollen Ausmaß erkannt werden.



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