Freiräume und Kooperationen

Oktober 2015 | Handelsblatt | Zukunft Deutschland

Freiräume und Kooperationen

Ein wesentlicher Faktor für die Stärke des deutschen Mittelstands ist seine Innovationskraft. Woher kommt sie?

Illustration: Adrian Bauer
Anette Stein / Redaktion

Es ist kein Zufall, wenn bei der Verleihung von Innovationspreisen in Deutschland meist die mittelständischen Unternehmer in der ersten Reihe sitzen. Insgesamt leisten, Angaben der staatlichen KfW-Bank zufolge, Unternehmen mit weniger als 500 Beschäftigten rund ein Viertel der Innovationsaufwendungen in Deutschland. Entsprechende Investitionen sind auch notwendig, denn in Zeiten der Globalisierung müssen sich KMU den Herausforderungen dynamischen Wettbewerbs, kürzerer Produktlebenszyklen und steigender Kundenerwartungen stellen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Und auch eine weitere große Herausforderung meistern innovative Unternehmen: Gute Fachkräfte zu finden und an das Unternehmen zu binden, gelingt ihnen eher, weil die Mitarbeiterzufriedenheit höher ist.


Zwischen dem Eintritt in internationale Märkte und der Innovationsfähigkeit von Unternehmen besteht offenbar ein Zusammenhang. Vor allem große und zumeist exportorientierte Mittelständler schätzen sich einer Studie der Unternehmensberatung GE Capital und des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn (IfM) zufolge als (sehr) innovativ (78 Prozent) ein. Bei den kleinen Mittelständlern sind es 63 Prozent, bei den binnenmarktorientierten 65 Prozent. Die Befragung zeigte zudem auf, dass Mittelständler zumeist aus dem eigenen Unternehmen heraus Neuerungs- und Verbesserungsprozesse vorantreiben – drei von vier Unternehmen gaben an, in den Jahren 2012 und 2013 neue Produkte als Ergebnis ihrer Innovationsanstrengungen auf den Markt gebracht zu haben, eine ähnliche Anzahl verbesserte ihre Produkte deutlich.


Kultur der Innovation

Doch welche Bedingungen müssen überhaupt gegeben sein, damit sich Innovationskraft in einem Unternehmen auf wiederholte und kontinuierliche Weise entwickeln kann? Die inneren Voraussetzungen, die dazu erforderlich sind, sind vielschichtig. „Es braucht eine Kultur der Innovation“, sagt Florian Rustler, Gründer und Geschäftsführer der creaffective GmbH, eines Beratungs- und Trainingsunternehmen spezialisiert auf Innovation. „Das bedeutet zuallererst, dass die Unternehmensführung durch ihr Verhalten Innovation wirklich unterstützen muss und dies nicht nur moralisch tut à la: Macht ihr mal, aber verbraucht bitte keine Ressourcen.“


Zeitliche, mentale und finanzielle Freiräume müssen gegeben sein, um das Potenzial der Mitarbeiter zu nutzen, und es diesen so einfach wie möglich zu machen, Ideen zu testen und voranzutreiben. „Denn der Hauptmotivator für Menschen besteht darin, dass diese in einem Thema, an welchem sie Interesse haben, Fortschritte machen können“, so Rustler. „Und Letztere sollten so wenig wie möglich durch Regularien, Prozesse und Machtspielchen erschwert werden.“


Für die Umsetzung von innovativen Prozessen bestehen in mittelständischen Unternehmen beste Voraussetzungen, denn kleinere Firmen agieren schneller und beweglicher als große Konzerne. Aufgrund der Betriebsgröße sind flache Hierarchien üblich und die Mitarbeiter sowohl am Produkt als auch an den Wünschen der Kunden stark ausgerichtet. Damit der Innovationsprozess funktioniert, braucht es jedoch zudem eine langfristige Strategie, in welche Richtung das Unternehmen Innovation erschaffen möchte und welche Art von Innovation – eher inkrementell oder eher radikal – erschaffen werden soll. Der Erfolg hängt in entscheidendem Maße von einer kontinuierlichen Forschungs- und Entwicklungsaktivität des Unternehmens ab. Im Rahmen des operativen Innovationsmanagement erfolgt die Zuordnung und Verteilung der Aufgaben, die Kontrolle der einzelnen Prozessschritte und das Beseitigen auftretender Störungen.


Für Mittelständler, die eher über begrenzte Ressourcen in Form von Fachkräften und Kapital verfügen, können darüber hinaus äußere Faktoren entscheidend sein. Diese leiten sich ab von den Möglichkeiten im Bedarfsfall, Kooperationen mit Forschungseinrichtungen und Hochschulen einzugehen, sowie an Kapital und Fördermittel für bestimmte Vorhaben zu kommen. Außerdem spielen andere Unternehmen, die einen Teil der Wertschöpfungskette darstellen können, eine Rolle.


Innovationsleistung ist auch gefragt, wenn Unternehmen den Herausforderungen durch die fortschreitende Digitalisierung auf den internationalen Märkten standhalten wollen. Die zunehmende Vernetzung und Automatisierung von Produktionsprozessen im Rahmen von Industrie 4.0 wird in vielen Branchen Veränderungen mit sich bringen und den globalen Wettbewerb verstärken. Für den teilweise hoch spezialisierten Mittelstand in Deutschland bedeutet dies aber auch große Chancen – sowohl für Automatisierer, Maschinen- und Anlagenbauer, welche Produktionsstraßen verkaufen und Fabriken einrichten, als auch für produzierende Betriebe, die entsprechende Umstellungen vornehmen.


„Ich denke, für Unternehmen ist es wichtig, diesen Wandel möglichst proaktiv zu gestalten. Der Mittelstand kann versuchen, sich im positiven Sinne selbst anzugreifen anstatt das Stammgeschäft mit allen Mitteln gegen Veränderungen zu schützen und zu verteidigen“, sagt Florian Rustler. Experten gehen von 30 Prozent Effizienzsteigerungen bei Unternehmen aus, die Industrie-4.0-Programme umsetzen. In den Branchen Anlagenbau, Elektrotechnik, Automobilbau, chemische Industrie, Landwirtschaft und Informations- und Kommunikationstechnologie sollen mehr als 1,7 Prozent zusätzliches Wachstum durch Industrie 4.0 möglich sein. Erste Annäherungen an Industrie 4.0 können für Mittelständler darin bestehen, zunächst zu überlegen, wie ein Einstieg in den Themenkomplex gelingen kann, ohne das gesamte Unternehmen umbauen zu müssen, und welches Pilotprojekt mit überschaubaren Investitionen sich verwirklichen lässt.