Die große Dämm-Debatte

März 2016 | Die Welt | Wohnen der Zukunft

Die große Dämm-Debatte

Dämmen oder nicht? Das ist eine komplexe Frage. Wann lohnt es sich das eigene Haus neu einzukleiden? Und welche Dämmung soll man wählen?

Illustration: Daniel Balzer by Marsha Heyer
Anette Stein / Redaktion

Das Thema Wärmedämmung interessiert viele Hauseigentümer, die ihr Haus modernisieren wollen. Und es bewegt die Gemüter. Experten kommen zu sehr gegensätzlichen Einschätzungen. Umstritten ist insbesondere die Frage, ob und nach wie vielen Jahren sich die Dämmung der Außenwände für Hauseigentümer auszahlt. 

 

Gesetzliche Vorgaben zum Energieverbrauch in Gebäuden enthält die Energieeinsparverordnung (EnEV). Unter anderem durch diese Regelungen zu Dämmstandards und Heizungs- und Klimatechnik will der Staat erreichen, den CO2-Ausstoß in der Bundesrepublik zu senken und damit festgeschriebenen Klimazielen zu entsprechen. Dennoch hält sich die Dämmfreude der Deutschen bisher in Grenzen. So stagniere die jährliche Sanierungsrate des Wohngebäudebestandes bei rund einem Prozent, stellte im vergangenen Jahr das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fest.

 

DÄMMUNG BEI NEUBAUTEN

 

Bei Neubauten ist eine Dämmschicht der Außenwände aufgrund der gesetzlichen Vorgaben heutzutage üblich. Seit Januar dieses Jahres gelten gemäß der EnEV 2014 für Neubauten sogar noch einmal um 25 Prozent höhere energetische Anforderungen als bisher. Gleichzeitig ist der Dämmstandard um durchschnittlich 20 Prozent angestiegen. Die nächste Novelle des EnEV ist jedoch schon abzusehen. Sie wird voraussichtlich 2017 in Kraft treten und den Standard Niedrigstenergiehäuser einführen, der bis 2021 europaweit als Neubaustandard gelten soll. 

 

Solche Häuser zeichnen sich durch eine sehr gute Gesamtenergieeffizienz aus. Bauherren, die einen Neubau planen, sollten überlegen, inwieweit sie sich mit den derzeitigen Vorgaben der EnEV zufrieden geben und in eine Immobilie investieren, die schon bald bautechnisch wieder überholt ist. Wer hingegen jetzt die zukünftigen Standards umsetzt, könnte es, falls er die Immobilie wieder veräußern muss oder möchte, später leichter haben. Zudem fallen die Heizkosten geringer aus. Insofern kann es sich auszahlen, die Mehrkosten für einen solchen Bau zu kalkulieren. Und: Wer die EnEV-Anforderungen übertrifft, hat die Möglichkeit, nicht nur zinsgünstige Darlehen, sondern auch üppige Zuschüsse über das Programm „Energieeffizient Bauen“ von der KfW zu kassieren. Dies gilt beispielsweise für Passivhäuser, welche durch eine gute Wärmedämmung, eine weitgehend dichte Gebäudehülle und eine kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung aus der Abluft, nur etwa die Hälfte der Energie verbrauchen, wie die nach der EnEV definierten Neubauten. Auch Bauherren, welche ein Haus nach einem KfW-Effizienzhaus-Standard errichten, können die Fördermittel erhalten.

 

DÄMMUNG BEI BESTANDSBAUTEN

 

Für alle bestehenden Mehrfamilienhäuser bestimmt die EnEV Austausch- und Nachrüstverpflichtungen bezüglich der Dämmung. So müssen Eigentümer vorgegebene Maßnahmen – die Isolierung der obersten Geschossdecke sowie von Heizungs- und Warmwasserleitungen in unbeheizten Räumen – durchführen lassen. Eigentümer eines bestehenden Ein- und Zweifamilienhauses sind davon ausgenommen, wenn sie in ihrem Haus bereits vor 2002 gewohnt haben. Bei einem Verkauf nach dem Stichtag 1. Februar 2002 musste beziehungsweise muss jedoch der neue Eigentümer des Hauses die Pflichten innerhalb von zwei Jahren nach dem Eigentümerwechsel erfüllen. Allerdings gilt der Amortisierungsvorbehalt: Kann der Eigentümer nachweisen, dass er die Kosten für die Nachrüstung nicht innerhalb einer bestimmten Frist erwirtschaften kann, entfällt die Pflicht. Gerichtsurteile zu energetischen Sanierungen halten meist einen Zeitraum von zehn Jahren für angemessen. 

 

Ob sich ein aufwendiges Sanierungsvorhaben wie eine Fassadendämmung für Immobilieneigentümer tatsächlich lohnt, ist umstritten. Denn zunächst entstehen erhebliche Kosten. Zwischen 80 bis 150 Euro pro Quadratmeter kostet eine Dämmung der Wände mit Polystyrol. Nach welcher Zeit sich eine solche Investition auszahlt, darüber gibt es unterschiedliche Berechnungen. Dem Eigentümerverband Haus & Grund zufolge amortisiert sich die Volldämmung für ein sanierungsbedürftiges Einfamilienhaus erst nach bis zu 51 Jahren. 

»Wer jetzt die Standards der Zukunft umsetzt, könnte es bei einem Wiederverkauf der Immobilie leichter haben.«

Die Deutsche Energieagentur dena hingegen kommt zu dem Ergebnis, dass sich bei einer Fassadendämmung eines Einfamilienhauses aus den 70er-Jahren nach bereits 14 Jahren positive Zahlen schreiben lassen. Andere Experten halten solche Musterrechnungen für wenig sinnvoll. Vielmehr hänge dies vom Einzelfall ab. Der Energieagentur Nordrhein-Westfalen zufolge lohnt sich eine Fassadendämmung häufig bei Häusern, die gebaut wurden, bevor 1977 die erste Wärmeschutzverordnung in Kraft trat. Voraussetzung: An dem Haus sind ohnehin Sanierungsmaßnahmen wie Malerarbeiten oder Putzausbesserungen geplant. Als günstigere und einfachere Maßnahme bei vergleichsweise hohen Einsparungen gilt allgemein die Dämmung der obersten Geschossdecke, auch isolierte Heizrohre sowie eine neue und sparsame Heizungspumpe werden als sinnvoll angesehen. Auch für energetische Sanierungen an bestehenden Gebäuden vergibt die KfW Fördermittel in ihrem Programm „Energieeffizient Sanieren“.

 

WELCHE DÄMMSTOFFE GIBT ES?

 

Der meistgenutzte Dämmstoff in Deutschland ist Polystyrol, also Styropor, er gilt als günstig und leicht zu handhaben. Ein Nachteil: Der Putzschicht der Dämmplatten werden Biozide zugesetzt, die das Entstehen von Algen verhindern sollen. Dieser Algenschutz wird jedoch durch Regen nach und nach ausgewaschen, wodurch es auch zu einer Grundwasserbelastung kommt. Umweltfreundliche Polystyrol-Platten gibt es zwar, sie gehen aber mit höheren Kosten einher. Zudem gilt Polystyrol als brandanfällig, weshalb dem Material Flammschutzmittel zugesetzt wird. Alternativen zu Polystyrol sind Dämmstoffe wie Mineral- und Holzfaserplatten. Ebenso gibt es gedämmte Steine, beispielsweise aus Poren- und Leichtbeton, in deren Löchern eine Wärmedämmung integriert sein kann – für diese Produkte muss der Bauherr jedoch vergleichsweise tief in die Tasche greifen. Für die Dämmung des Dachs sind auch ökologische Baustoffe gut geeignet wie Flachs, Hanf, Jute, Zellulose, Holzfaser oder sogar Schafwolle. Allerdings können auch Dämmstoffe wie Wolle mit Flammschutzmitteln versehen sein. Wer auf Nummer sicher gehen will, achtet deshalb auf Qualitätssiegel wie den „Blauen Engel“ oder „natureplus“.