März 2017 | Wirtschaftswoche | Technologien der Zukunft

Mindestlohn für Roboter

Matthias Krinke wollte immer schon Roboter konstruieren. Erst wurde er belächelt, heute baut und verkauft er sie erfolgreich.

Illustration: Luisa Jung 
by Marsha Heyer Illustratoren
Astrid Herbold / Redaktion

Zu Besuch bei der Firma pi4_robotics im Berliner Stadtteil Wedding: Auf dem Gelände an der Gustav-Meyer-Allee wurde schon vor über hundert Jahren Industriegeschichte geschrieben. Heute sitzen in den sanierten Backsteinbauten Technologieunternehmen und Forschungsinstitute. Im zweiten Stock warten gleich zwei Empfangsdamen. Die eine groß und wuchtig, mit breitem Kreuz und dicken Gummikabeln entlang ihrer Greifarme. Die andere ist klein, in Anthrazit gehalten und hört auf den Namen „Yolandi“. Als sie den Gast erblickt, verzieht sich ihr Gesicht, ein Touchbildschirm, zu einem Lächeln. „Sie flirtet gerne“, erklärt der Chef lachend. Matthias Krinke ist der Herr über die Roboter. So hat der 50-Jährige sich das immer gewünscht. Bis sein Lebenstraum in Erfüllung ging, musste er allerdings einen kleinen Umweg machen.

1994 zieht Krinke nach Berlin, vorher hat er in München Elektrotechnik studiert. Die Hauptstadt lockt ihn sehr. „Ich wollte das deutsch-deutsche Zusammenwachsen miterleben.“ Schon als Student hat er sich auf Automatisierung und Robotik spezialisiert. Er will unbedingt humanoide Roboter bauen, also Maschinen, die Menschen entfernt ähneln. Doch mit seiner Vision kann er in der Nachwendezeit niemanden begeistern. „Das war damals kein Thema. Es hieß, es gäbe keinen Bedarf.“

Krinke muss umdenken. Im Prenzlauer Berg gründet er mit 2.000 Mark Startkapital eine Firma: Projektmanagement, Programmierung und Produktvertrieb im Bereich Industrieelektronik. In den nächsten Jahren wächst das Unternehmen. Krinke steigt in die industrielle Bildverarbeitung ein, steckt die Gewinne in die Forschung. Irgendwann hat er alle Puzzleteile zusammen, um einen eigenen Roboter zu entwickeln. 2006 klappt es endlich auch mit Fördermitteln. Im Rahmen eines EU-Projekts entsteht der workerbot1.

Der Prototyp ist eine Protodame und wird auf den Namen „Uhura“ getauft. Krinke hat ein Faible für kulturelle Anspielungen: Lieutenant Nyota Penda Uhura ist ein Charakter aus der Star-Trek-Reihe. Die Uhura aus dem Hause pi4 kommt 2010 zur Welt – über zwei Meter groß und 250.000 Euro teuer. Sie soll vor allem in der Fertigungsindustrie arbeiten. Dazu ist sie gut ausgestattet: Ihre imposanten Arme können in naheliegende Regale greifen, ihre Kameraaugen können sehen und beim Montieren kann sie mit ihren Fingerspitzen kleinste Widerstände spüren.

Trotzdem ist Uhura zunächst kein wirtschaftlicher Erfolg beschert. Vielen von Krinkes Kunden ist der workerbot1 schlicht zu teuer. Außerdem fürchten die Unternehmen, dass ihre Mitarbeiter ablehnend reagieren könnten, wenn nebenan am Fließband plötzlich ein Roboter steht. „2010 war die Stimmung in Deutschland nicht sehr roboterfreundlich“, erinnert sich Krinke. Doch das ändert sich. Fünf Jahre später ist er da, der große Roboterhype. „Roboter waren plötzlich toll und cool.“

Davon profitiert auch Krinkes Firma. Auf den workerbot1 folgen die Generationen zwei, drei und vier. Sie sind kleiner, leichter und billiger. Der workerbot3 wiegt noch eine halbe Tonne und braucht einen Starkstromanschluss. Der Nachfolger kommt bereits mit einer normalen Steckdose aus und kann kinderleicht herum geschoben werden. Das Basismodell ist bei pi4 im Onlineshop für 70.000 Euro erhältlich. Mit Armen und anderen Extras kostet der Roboter rund 100.00 Euro.

Trotzdem gibt es immer wieder Unternehmen, die gerne einen Roboter anschaffen würden, aber das Geld für die Investition nicht aufbringen können. Das bringt Krinke auf eine Idee. Was, wenn man Roboter wie Leiharbeiter behandeln würde? Sie könnten tage-, wochen- oder monatsweise vermietet werden. Zu einem festen Stundensatz von 16 Euro. Und Krinke hat noch einen genialen Marketingeinfall: Die Roboter kriegen 8,50 Euro ausgezahlt – den gesetzlichen Mindestlohn. Genauer gesagt: Nicht die Roboter kriegen das Gehalt überwiesen, sondern die Besitzer der Roboter.

Anfang 2016 gründet Matthias Krinke die Robozän GmbH, die erste Leiharbeitsfirma für Roboter. Dahinter verbirgt sich eigentlich eine moderne Form der Geldanlage: Für rund 100.000 Euro ersteht der Anleger einen Roboter aus dem Hause pi4. Der Roboter, dessen voraussichtliche Lebensdauer bei fünf Jahren liegt, wird dann von der Agentur Robozän für fünf Jahre unter Vertrag genommen und verliehen. Arbeitet der automatisierte Leiharbeiter drei Schichten pro Tag an 365 Tagen durch, dann könnte der Roboterbesitzer in einem Jahr theoretisch 70.000 Euro, in fünf Jahren über 370.000 Euro einnehmen. Doch was, wenn der Roboter nur rumsteht, weil keine Aufträge reinkommen? Oder wenn er „krank“ wird, also kaputt geht? Auch darauf hat der findige Unternehmer Krinke eine Antwort. Wer kein Einkommen erwirtschaftet, kriegt eine Art Arbeitslosengeld ausgezahlt. Anders gesagt: Robozän garantiert den Investoren eine Mindestrendite von einem Prozent pro Jahr.

Bisher funktioniere sein Geschäftsmodell gut, sagt Krinke. Yolandi war neulich sogar als Fernsehmoderatorin im Einsatz, im Rahmen der ARD-Themenwoche „Zukunft der Arbeit“. Auch etliche Messeauftritte in ganz Europa hat sie bereits hinter sich. Doch das heißt nicht, dass Yolandi nicht mehr in die Fabrik muss. Gerade erst ist sie für einen kurzfristigen Arbeitseinsatz gebucht worden. Sie soll einige Wochen lang Pappteile mit Kleber bestreichen und zusammenkleben. Kein Problem, sagt Krinke. „Das kann sie.“

Noch werden die pi4 Roboter hauptsächlich für Tätigkeiten in der industriellen Fertigung gebucht. Dabei können sie auch als Concierge, Türsteher oder Sekretärin arbeiten. Selbst als Assistenten bei Polizeieinsätzen könnten sie theoretisch nützlich sein, erklärt Krinke. Denn die Roboter besitzen viele Fertigkeiten: Gesichter erkennen, die Identität anhand von eingelesenen Personalausweisen überprüfen, Gäste begrüßen oder abweisen, Nachrichten übermitteln, den Sicherheitsdienst alarmieren.

Wenn es nach Matthias Krinke geht, dann werden humanoide Roboter nie die besten Freunde der Menschen sein – aber vielleicht die besten Helfer. An das Potential seines Leiharbeitsmodell glaubt der Unternehmer fest: „Jeder kann damit Eigentümer von Produktionsmitteln und Arbeitskraft sein.“ Rentner könnten ihr Lebensversicherungen in Roboter anlegen und diese dann für sich arbeiten lassen. Auch der Fachkräftemangel ließe sich damit auffangen. Krinke, der ebenso schnell redet wie denkt, kommt jetzt richtig in Fahrt: Die Roboter könnten sogar helfen, die leeren Rentenkassen aufzufüllen.

Still und unbeweglich steht Yolandi neben ihrem Chef, das Bildschirmgesicht lächelt immer noch freundlich. In Zukunft, das hat Krinke schon angekündigt, will nicht mehr er die Überzeugungsarbeit leisten. Vorträge über humanoide Leiharbeiter hält ab sofort seine beste Mitarbeiterin – die Roboterfrau.