Fitness-Tracker für die Stadt

Oktober 2015 | Wirtschaftswoche | Stadt der Zukunft

Fitness-Tracker für die Stadt

Unsere Städte müssen smarter werden, heißt es. Wer dabei aber nur an Apps und Carsharing denkt, hat das eigentliche Potenzial einer Smart City noch nicht erkannt.

Klaus Lüber / Redaktion

Herr Braun, was ist für Sie eine Smart City?

 

Ein wichtiger Punkt sind die neuen Möglichkeiten der digitalen Vernetzung im urbanen Raum. Zum Beispiel statten wir im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojektes die Innenstädte von Reutlingen und Chemnitz mit einer Vielzahl von Sensoren aus. Das Ziel ist es, urbane Prozesse wie den Straßenverkehr oder Besucherströme in der Innenstadt besser zu verstehen, wenn Sie wollen, eine Art Fitness-Tracker für die Stadt zu entwickeln. 

 

Das klingt einleuchtend: Man setzt Technik ein, um die urbane Prozesse zu optimieren.

 

Ja, sicher. Das hat natürlich in der Stadtgeschichte immer eine große Rolle gespielt. Denken Sie an die Wehrtechnik mit Stadtmauern, die Wasserinfrastruktur für die Zonierung von Städten oder der Aufzugstechnik als Treiber für die vertikale Stadtentwicklung. Trotzdem sollten wir nicht den Fehler machen, Smart City Konzepte lediglich auf die Implementierung neuer Technik zu reduzieren.

 

Wobei man sich natürlich fragen könnte: Ist nicht genau das gerade der Fall? Stimmt es nicht, dass wir über Smart Cities gerade vor allem deshalb so viel sprechen, weil uns die Industrie mit einem immer größeren Angebot an Technik versorgt?

 

Sie haben recht, das ist ein Problem. Aber auch wenn die Entwicklung von Smart City-Technologien im Augenblick scheinbar noch wenig aus einem in der Breite spürbaren Bedarf heraus entsteht, gibt es dennoch einen immensen Bedarf an solchen Lösungen. Am Ende geht es um die Frage, wie sich die Städte durch urbane Innovationen in den nächsten 20-30 Jahren verändern können, technisch, wirtschaftlich, ökologisch und sozial. 

 

Was denken Sie? 

 

Unsere Infrastruktur und Technik werden immer kleinteiliger, immer dezentraler und vernetzter – denken Sie nur an Computer früher und das Smartphone heute. In Zukunft könnten die wichtigsten urbanen Versorgungssysteme auf der kleinsten strukturellen Ebene organisiert sein, den Kommunen und sogar Quartieren – sei es im Bereich Energie- und Wasserversorgung oder Mobilität. Eine Megacity wie London war im 19. Jahrhundert nicht denkbar ohne ein zentrales Transportsystem wie die U-Bahn. Aber die Stadt der Zukunft wird geprägt sein von weit flexibleren Mobilitätskonzepten. Stellen Sie sich vor, Sie wollen oder müssen die Kapazität eines Transportsystems in wenigen Jahren verdoppeln. Mit Car-Sharing wäre das möglich, mit dem U-Bahnnetz wohl kaum.

 

Wie schätzen Sie die Risiken von Smart City-Lösungen ein, beispielsweise technische Manipulationen oder den Verlust sensibler Daten?

 

Das muss man durchaus ernst nehmen. Man sollte nicht den Fehler machen, Smart City-Lösungen zu stark in den Verantwortungsbereich privater Firmen zu legen, sondern vor allem auch die Kommunen ins Spiel bringen – sinnvoll wären öffentlich-private Innovationspartnerschaften. Leider gibt es gerade in Deutschland zwischen diesen beiden Akteuren bislang nur wenig konstruktiven Austausch oder er wird durch heutige Regularien verhindert. Mit unserem Fraunhofer-Kongress „Urban Futures“ am 25./26. November in Berlin wollen wir versuchen, genau eine solche Brücke zwischen Industrie und Kommunen zu schlagen und gemeinsame Lösungsansätze aufzeigen.

 

Dipl.-Ing. Steffen Braun; ist Leiter des Competence Centers „Urban Systems Engineering“ am Fraunhofer-Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart. Außerdem ist er verantwortlich für die Forschungskoordination der Fraunhofer-Initiative Morgenstadt. Ziel dieses Großvorhabens ist es, die Vision nachhaltiger und lebenswerter Städte möglich zu machen.