Räume der Zukunft

September 2017 | Die Welt | Das intelligente Haus

Räume der Zukunft

Langsam aber sicher halten vernetzte Geräte Einzug in unsere Häuser. Gleichzeitig sehnen wir uns zurück nach Altbauten und Jugendstilhäusern. Wie passt das zusammen? Ein Gespräch mit dem Designer und Architekten Hadi Teherani.

Illustration: Constanze Behr
Klaus Lüber / Redaktion

Herr Teherani, was glauben Sie, wie Räume im Jahr 2030 aussehen werden?
Wir sind Menschen, wir bleiben Menschen. Wir werden nicht plötzlich größer oder kleiner. Wir werden dementsprechend in 20 bis 30 Jahren kein anderes Proportionsempfinden als heute haben. Das einzige, was 2030 anders sein wird, ist der Stellenwert, den die Gesellschaft den technischen und ökologischen Parametern gibt. Das sind Parameter, die auch den Raum beeinflussen.
 

Welche Rolle wird die Technik spielen?
Die Technik wird sich in unser Wohnen integrieren. Wir werden unsere Smartphones auf Möbel legen, und sie werden sich dort autonom vernetzen und aufladen. Maßgeblich ist in diesem Bereich das Bedürfnis, schnell zu interagieren. Das ist das Prinzip des Internets der Dinge, ein selbstverständlicher, aber unsichtbarer Bestandteil des Raumes und des Mobiliars.
 

Gleichzeitig erleben wir einen Trend zurück zu alten Raumkonzepten. In Großstädten scheint es eine regelrechte Sehnsucht zu geben nach Altbauten und Jugendstilhäusern.
Die Vergangenheit war von großen Räumen geprägt. Wenn man überlegt, was für großartige Raumproportionen sich Menschen vor rund 150 Jahren gegönnt haben, wie dort mit Raumhöhe gearbeitet wurde, mit Stuck, mit der Möglichkeit, Räume zu verbinden und zu etwas Größerem zu koppeln. Da ist vieles vorweg genommen worden, was heute wieder en vogue ist. Man kann in diesen alten Räumen das Leben, Atmen, die Werte spüren. Noch vor 40 Jahren hat man diese wunderbar hohen Decken der Altbauwohnungen abgehängt, weil sich unsere Gesellschaft stillschweigend darauf geeinigt hatte, dass man sich beschränkt, dass man sich bescheiden gibt, in dem man weniger zeigt. Was sehr schade ist, weil die Grundrisse von damals wesentlich intelligenter waren als die heutigen.
 

Dies scheint sich auch in der aktuellen Konzeption von Arbeitsräumen widerzuspiegeln.
Richtig, und zwar meist da, wo Kreative arbeiten. Das sind Menschen, die sich im Loft oder in der umgebauten Industriehalle wohler fühlen. Dort finden sie beispielsweise keinen einengenden Flur, sondern großzügige, freie Flächen, Räume, die wiederum genau die Flexibilität erlauben, die sich ein kreativer Mensch wünscht. Die er braucht. Interessant ist, dass sich diese Entwicklung in der Arbeitswelt auf alle anderen Bereiche ausbreitet. Konzerne adaptieren diese neue Offenheit und Flexibilität für ihre Bürowelten. Da werden Flur und Kantine plötzlich zum Arbeitsraum. Und selbst im Alltag fernab des Büros ist diese Entwicklung spürbar.
 

Wir leben nicht mehr nur zu Hause, wir leben in Restaurants, auf Straßen und Plätzen, in Parks.
Ja, da sind unsere Räume. Das sieht man überdeutlich an der Entwicklung der Außengastronomie in den Großstädten. In bestimmten Vierteln hatten sie früher noch Probleme, Stühle und Tische auf die Straße zu stellen. Wenn ich mir heute die Lange Reihe oder das Schanzenviertel in Hamburg anschaue, dann ist das ein einziges Restaurant, in dem man kommuniziert, genießt, arbeitet. In dem man gemeinsam lebt. Das ist das, was Menschen heute wollen, das prägt unseren urbanen Raum.
 

Wie passt denn die aktuelle Diskussion um absolute Energieeffizienz zum Bedürfnis nach großen und flexiblen Räumen?
In einigen Bereichen ist das tatsächlich ein Reibungspunkt. Hier handelt es sich um ein kulturelles Phänomen. Wir streben in Deutschland nach Perfektion. Es gibt kein Land, dass das Bauen so stark reglementiert, weil hier alles perfekt sein muss. Das betrifft natürlich insbesondere die Frage nach der Energieeffizienz von Häusern. Die Industrie produziert Lösungen, die bei Einsparungen helfen sollen. Verbände stellen dementsprechende Regeln auf, die manchmal durchaus Sinn machen. Und manchmal eben nicht. Aber es sind Vorschriften, die einzuhalten sind.


Wie zum Beispiel beim Passivhaus...
...das meiner Meinung nach überhaupt keinen Sinn macht. Möchte ich wirklich in einem Haus leben, in dem sich die Fenster nicht öffnen lassen? Dennoch fordert man den Passivhausstandard, neuerdings sogar für Bürobauten. Ein Unding. Bis zur Einsicht, dass hier teilweise völlig sinnlose Entwicklungen vorangetrieben werden, werden noch viele Fehler gemacht werden müssen. Wir werden als Architekten durch diese Reglementierung immer weiter in unserer räumlichen Kreativität eingeschränkt.
 

Wobei die Energieeffizienz ein wichtiges Thema ist.
Ich will nicht behaupten, dass die Entwicklung grundsätzlich schlecht ist. Es hängt eben ganz davon ab, worum es geht. Leider erleben wir gerade, dass die schlechten Seiten des energetischen Fortschritts dominieren. Es gibt eine grundlegende Sache, die bei bauphysikalischen Diskussionen vergessen wird: Gebäude sind immer Prototypen! Sie sind individuell. Und dennoch versucht man mit Standards und Regulierung alles über einen Kamm zu scheren. Das kann nicht funktionieren. Wir brauchen individuelle Lösungen.
 

Geben die neuen Arbeitswelten heute mehr Raum zum Experimentieren, als die Wohnwelten der großen Bauinvestoren?
Ja, das sieht man beispielsweise sehr gut an der Möbelindustrie, die viel mehr neue Dinge in der Arbeitswelt ausprobiert. Beispielsweise die typischen modernen Bürolandschaften mit ihren Kommunikationsinseln. Das ist eine spannende Entwicklung. Wichtig ist jedoch, dass die Architektur solche Entwicklungen zulässt und die Plattform für diese Strömungen liefert. Den Platz für eine kommunikative Möblierung in der Büroetage, die Lounge oder die Kommunikationsinsel, muss man einplanen. Interessant ist, dass dieser Platz mittlerweile fast selbstverständlich ist. Die meisten Büros, die heute entworfen und gebaut werden, sind von vornherein auf diesen Raumbedarf ausgerichtet.
 

Wie bewerten Sie denn die Entwicklung im Bereich der Vernetzung. Smart Home ist ja bereits mehr als nur ein Trend. Wird das 2030 ein Standard sein?
Mit Sicherheit. Und in Teilen ist das auch eine begrüßenswerte Entwicklung. Weil die ganzen Verkabelungen, die wir bisher in Gebäuden einplanen mussten, über kurz oder lang verschwinden können. Weil alles über das Smartphone und die drahtlose Verbindung gesteuert wird. Das ist das Gute an der Vernetzung. Ich glaube allerdings auch, dass ganz klassische Dinge wie das Verriegeln einer Außentür bestehen bleiben. Es vermittelt doch ein geradezu archaisches Gefühl von Sicherheit, wenn ich den Haustürschlüssel mit der Hand betätige und das Schloss nicht nur höre, sondern spüre.