»Wir brauchen einen langen Atem«

Juni 2016 | Wirtschaftswoche | Zukunft Energie

»Wir brauchen einen langen Atem«

Von dem neuen EEG, dem Erneuerbare Energien- Gesetz, zeigt sich Claudia Kemfert wenig begeistert. Die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW wagt einen Blick in die Zukunft der deutschen Energiewende.

Illustration: Julia Körtge
Interview: Klaus Lüber / Redaktion

 Wie wird sich die Energieversorgung bis 2050 entwickeln? Welche Herausforderungen sind noch zu meistern? Wie sollte die Politik agieren? Und: Wie teuer wird der Umbau der Energieversorgung? 

 

Frau Kemfert, lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft wagen. Wie sieht die Energieversorgung im Jahr 2050 aus?

 

Die Energieversorgung ist hoffentlich sehr klimafreundlich und nachhaltig. Genau vorherzusagen, was passieren wird, hängt von vielen Faktoren ab, es gibt viele Unwägbarkeiten. Die größten Unsicherheiten gehen derzeit vor allem von der Politik aus.

 

Sie meinen die aktuelle Novelle des EEG, des Erneuerbare Energien-Gesetzes?

 

Auch. Politik ist auf kurze Zeiträume ausgerichtet, Energie- und Klimapolitik braucht allerdings einen langen Atem und Rahmenbedingungen, die nicht alle paar Jahre komplett geändert werden.

 

Bevor wir darauf noch zu sprechen kommen: Auch wenn Prognosen schwierig sind, gibt es ja dennoch konkrete Zielvorgaben.

 

Die offiziellen Zielvorgaben der Bundesregierung beziehen sich auf das Jahr 2050. Bis dahin will man 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugen. Bisher war man hier auf gutem Weg, aktuell sind wir bei über 30 Prozent. Bis 2030 müsste man den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung nun auf 50 Prozent steigern.

 

Das klingt gut.

 

... solange man nur den Stromsektor betrachtet! Auch in Wärmeerzeugung im Verkehrssektor soll der Anteil erneuerbarer Energien steigen. Es sollen aber auch die Treibhausgasemissionen um 80 Prozent gesenkt werden. Für eine solche Dekarbonisierung der Volkswirtschaft muss das gesamte Energiesystem transformiert werden. Dies erfordert deutliche Steigerungen der Energieeffizienz vor allem im Gebäude- und Industrie-Bereich genauso wie eine Umstellung auf nachhaltige und klimaschonende Mobilität. Hier ist allerdings bisher kaum etwas passiert. 

 

Wie weit kann die Dekarbonisierung bis 2030 fortgeschritten sein? Oder anders gefragt: welche Rolle werden die fossilen Energien wie Kohle oder Gas noch spielen?

 

Langfristig spielt Kohle keine Rolle mehr; bis zum Jahre 2050 sollte der heutige Anteil von 45 Prozent an der Energieerzeugung sukzessive auf nahezu Null zurückgefahren werden. Der Anteil von Kohlestrom muss somit bis zum Jahre 2030 in gleichem Umfang sinken wie der Anteil von erneuerbaren Energien steigt und dürfte dann deutlich unter 30 Prozent liegen. Gas wird aber durchaus noch eine Rolle spielen.

 

Aber man sagt immer, man braucht die Kohlekraftwerke, um die Stromversorgung zu sichern?

 

In der Kombination mit volatilen erneuerbaren Energien sind Kohlekraftwerke ungeeignet: Sie sind zu unflexibel. Außerdem produzieren sie zu große Mengen Treibhausgase. Kraftwerke müssen innerhalb kürzester Zeit in der Lage sein, hoch- und runtergefahren zu werden. Das können Gaskraftwerke viel besser.

 

Erdgas wird ja auch zur Speicherung von Ökostrom eingesetzt.

 

Genau. Erdgas hat viele wichtige Brückentechnologiefunktionen: Neben der Strom- und Wärmeproduktion kann Erdgas auch für die Mobilität als Kraftstoff genutzt werden. In Zukunft wird man auch Gas aus überschüssigen Mengen erneuerbarer Energien – sogenanntes Power to Gas – produzieren und die Gas-Infrastruktur als Speicher und Puffer nutzen.

 

Mit den festen Vergütungssätzen für erneuerbare Energien im EEG hat man den Ausbau erneuerbarer Energien massiv gesteigert. Jetzt wurde genau dieser Mechanismus abgeschafft. Was bedeutet das?

 

Es bedeutet, dass es nicht leichter wird, die angestrebten Ziele zu erreichen. Und es droht sehr viel teurer zu werden. Die bisher festen Vergütungssätze haben dazu geführt, dass die Kosten erneuerbarer Energien massiv gesunken sind. Geradezu lehrbuchhaft! Man steuerte die Preise und konnte die Kosten genau kontrollieren. Jetzt stellt man auf Mengensteuerung um und läuft Gefahr, weder die angestrebten Ausbaumengen zu erreichen noch die Kosteneffizienz garantieren zu können. 

 

Warum ist es denn so schlecht, dass man den Zubau erneuerbarer Energien über Ausschreibungen regelt und auf feste Vergütungssätze verzichtet? Dies führt doch zu mehr Transparenz und Kosteneffizienz.

 

Es gibt ausreichend negative Erfahrung aus anderen Ländern: Ausschreibungen führen häufig zu sehr viel höheren Kosten als feste Vergütungssysteme. Zudem wird die Akteursvielfalt vermindert. Außerdem weiß man, dass nicht alle, die den Zuschlag erhalten, tatsächlich Anlagen zubauen. Das Wirtschaftsministerium hat bereits zugegeben, dass man davon ausgeht, dass mindestens 10 Prozent der ausgeschriebenen Anlagen gar nicht gebaut werden. Erfahrungsgemäß liegt der Anteil viel höher. Um dies zu vermeiden, werden Strafzahlungen verordnet. Anbieter preisen die Strafzahlungen wie alle finanziellen Risiken in ihre Angebote ein. Je höher die Strafen, desto mehr steigen die Kosten.  

 

Ist das neue System denn wenigstens wirksam, was die engere Kopplung des Zubaus an Kapazitäten der Verteilnetze angeht? Wir dürfen, so wird schon seit Jahren gewarnt, beispielsweise die Windkraft nicht weiter ausbauen, wenn wir gar keine Infrastruktur zur Verfügung haben, um den Strom zu den Verbrauchern zu transportieren.

 

Die jetzt gewählten Ausschreibungen werden leider nicht an den Ausbau und Optimierung der Verteilnetze gekoppelt. Schade, denn gerade die dezentralen Verteilnetze sind beim Umbau des Energiesystems wichtig – hin zu mehr intelligenter Flexibilität und Dynamik. Dass wir mehr Übertragungsnetze brauchen, um die Windenergie ausbauen zu können, ist ein Mythos. Es gibt ausreichend Stromnetze, um mit wenig Aufwand alle erneuerbaren Energien ins System zu integrieren. Die Stromnetze müsste man allerdings ausbauen, wenn man weiterhin den hohen Anteil Kohlestrom im System belässt. Das wäre überdimensioniert, teuer und rückwärtsgewandt. Unsere Modellrechnungen zeigen, dass mindestens zwei der drei geplanten großen, teuren Stromübertragungsnetze in Ost und West überflüssig sind, wenn man auf Kohlestrom verzichten und auf mehr Dezentralität setzen würde.

 

»Die globale Energiewende bietet enorme wirtschaftliche Chancen.« 

Claudia Kemfert, DIW

 

Aber es ist doch ein Problem, wenn Offshore-Windstrom abgeregelt werden muss und nicht zum Verbraucher gelangen kann.

 

Dieses Problem besteht bei einem Netzbetreiber in Nordwestdeutschland und hat uns teure Offshore-Haftungsumlagen beschert, welche den Strompreis weiter erhöhen. Wenn es wirklich wie behauptet um reine Kosteneffizienz geht: Warum baut man ausgerechnet die teuerste erneuerbare Energie-Form, die Offshore-Windenergie, deutlich aus und dämmt die preiswerteste, die Onshore-Windenergie so stark ein? Sowohl die Netz-, als auch die Kostendebatte sind Gespensterdebatten, die nur dazu dienen, die Energiewende abzuwürgen und die Nutzung der Kohleenergie zu rechtfertigen. So werden unnötige Ausgaben für überdimensionierte Leitungen, Haftungsumlagen oder Kohle-Kapazitäts-Subventionen verschleiert.

 

Im globalen Maßstab wirken die deutschen Bemühungen bisweilen hilflos. In China werden, auch mit deutscher Unterstützung, Kohlekraftwerke gebaut. England, Finnland und Russland investieren in Atomkraft. Kürzlich wurde bekannt, dass sogar die EU-Kommission über eine Renaissance der Atomkraft nachdenkt.

 

Eine Renaissance der Atomenergie ist ein weiterer Mythos: In Finnland wird der gebaute Reaktor fast dreimal so teuer wie geplant, in England muss man 35 Jahre Subventionen nur für den Bau eines Reaktors über eine Strompreisumlage garantieren, die höher ist als die EEG-Umlage in Deutschland. Und in Frankreich sind die Atomkraftwerksbetreiber finanziell in einer desolaten Lage. In einer privaten Marktwirtschaft rechnet sich kein Atomkraftwerk. Den Vorschlag, Mini-AKWs zu unterstützen, sollte man nicht allzu ernst nehmen; es handelt sich wohl um einen Diskussionsbeitrag der EU-Forschungskommission. Die Energiewende aus Deutschland ist dagegen ein ernsthaftes Vorbild für viele Länder. Umso skandalöser ist es, dass Deutschland für den weltweiten Bau von Kohlekraftwerken finanziell bürgt.

 

Welchen Einfluss kann Deutschland als einzelnes Land überhaupt auf die globale Situation nehmen?

 

Deutschland hat viel für eine globale Energiewende geleistet: Die Kosten erneuerbarer Energien sind massiv gesunken. Global fließen mittlerweile mehr Investitionen in erneuerbare als in fossile Energien. Wir beobachten einen weltweiten Trend hin zu mehr erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und einer klimaschonenden Energiewelt. Das größte Solarkraftwerk steht derzeit in Texas, es folgen viele andere. Auch in Entwicklungsländern werden zum ersten Mal erneuerbare Energien erschwinglich, etwa in Regionen, die bisher gar keinen Zugang zum Stromnetz hatten.

 

Welche Rolle werden deutsche Unternehmen spielen?

 

 

Eine bedeutsame Rolle! Deutsche Maschinen- oder Kraftwerksbauer, Hersteller von Energieeffizienzmaterialen oder auch Anbieter von Umweltschutz- oder Recyclingprodukten sind schon heute weltweit führend. Über zwei Millionen Menschen sind in Deutschland in diesen Branchen beschäftigt. Die globale Energiewende bietet enorme wirtschaftliche Chancen!