Luxuriöser, aber sparsamer

Juni 2016 | Wirtschaftswoche | Zukunft Energie

Luxuriöser, aber sparsamer

Welche Möglichkeiten gibt es für den einzelnen, Haus oder Gewerbegebäude energetisch zu optimieren? Als Vorbild eignen sich als nachhaltig zertifizierte Immobilien. Die kommerziellen Bauträger wissen längst: Energiesparend baut, wer langfristig denkt.

Illustration: Julia Körtge
Mirko Heinemann / Redaktion

Ob Eigenheim im Grünen, das Bürohaus oder der Gewerbepark für Handel oder Produktion - wer für die Zukunft bauen will, kommt nicht umhin, über das Thema Energie nachzudenken. Nicht nur, weil die Energieeinsparverordnung EnEV seit Anfang 2016 allen Bauherren noch ehrgeizigere Einsparziele vorschreibt, sondern auch im Hinblick etwa auf den nach langer Baisse allmählich wieder steigenden Ölpreis. Steigende Preise mahnen, nachhaltig und möglichst energieeffizient zu bauen. 

 

Private Häuslebauer können sich dabei von gewerblichen Bauherren einiges abschauen. So zum Beispiel beim Hamburger Bürohaus LTD1, dem ersten Gebäude der Hansestadt, das ein Gütesiegel für nachhaltiges Bauen in Gold erhielt. Das eigenwillige Gebäude zeigt eine Geometrie, die den Büroneubau deutlich von seiner Umgebung absetzt. Zwei dreigeschossige, im Grundriss bumerangförmige Bauteile mit viel Glas umfassen einen Innenhof. Große, drehbare Glastore schützen den Hof vor Wind und Straßenlärm. 

 

Minimaler Energiebedarf

 

Die luxuriöse Anmutung geht einher mit einer radikalen Beschränkung bei der Nutzung von Ressourcen. Die Berliner Architekten Pysall Ruge haben einen effizienten Materialeinsatz genauso im Blick gehabt wie die effiziente Nutzung von natürlicher Beleuchtung: Minimaler Material- und Energiebedarf korrespondiert mit einer maximalen Ausnutzung von Tageslicht. Die Außenhülle ist so stark wärmegedämmt, dass sie den von der Energieeinsparverordnung EnEV geforderten Dämmstandard um 40 Prozent überschreitet. Die natürliche Lüftung über die Doppelfassade wird durch einen Sonnen- und Wärmeschutz ergänzt. Raumhohe Verglasungen mit einer davor liegenden Scheibe als Wetter- und Schallschutz sorgen für eine gute Belichtung. Jalousien, windgeschützt hinter der Außenscheibe montiert, schirmen direkte Sonneneinstrahlung ab und lenken Tageslicht in die Tiefe der Räume. Sie werden zentral gesteuert, lassen sich aber auch von den Nutzern individuell regeln. 

 

Die Doppelfassade ermöglicht außerdem eine natürliche Lüftung der Räume trotz einer hohen Lärmbelastung im Umfeld. Bei zu hoher Schallbelastung, Konferenzraumnutzung oder tiefen Außentemperaturen ist ergänzend eine mechanische Lüftung vorgesehen. Der durch die hohe Tageslichtausbeute minimierte Stromeinsatz für die Beleuchtung wird über Leuchten mit hohem Wirkungsgrad und verschiedene Sensoren, etwa Bewegungsmelder, weiter gesenkt. Die helle Gestaltung der Innenräume und der Möblierung reflektieren das Licht gut. Insgesamt verbraucht die Beleuchtung weniger als 7 W/m² Strom pro Jahr.

 

Vorbild Gewerbe

 

Damit ist das Gebäude ein Vorbild für Häuslebauer wie für kommerzielle Bauherrn im Gewerbebereich. Längst bieten alle namhaften Fertighausanbieter Passivhäuser oder sogar Plus-Energiehäuser an. Passivhäuser mit stark wärmegedämmten Fassaden benötigen nur sehr wenig Heizenergie, Plusenergiehäuser liefern sogar mehr Energie, als sie selbst verbrauchen. Die Energie wird meist mit einem intelligenten Mix von Energieerzeugern hergestellt: Photovoltaik-Zellen auf dem Dach liefern Strom, Sonnenkollektoren liefern warmes Wasser. Oberflächennahe Geothermie speist die Fußbodenheizung, dabei wird die Wärme mit einer Sole-
Wasser-Wärmepumpe und mit Erdwärmesonden erzeugt, die Wärmeverteilung erfolgt mittels eines Niedertemperatur-Flächenheizsystems. Solch ein „energieautarkes Wohnen“ schließt natürlich nicht aus, dass dennoch ein Anschluss an das öffentliche Stromnetz besteht – für Notfälle oder, um überschüssigen Strom gewinnbringend dort einzuspeisen. Alternativ kann sie auch zum Betrieb eines Elektroautos oder von elektrischen Gartengeräten genutzt werden. 

 

Heizen & Kühlen

 

Auf die Energieerzeugung haben die Hamburger verzichtet. Die Architekten stellten bei einem Vergleich der ökologischen und ökonomischen Aspekte fest, dass sich für die Wärmeversorgung der Anschluss an das Hamburger Fernwärmenetz am besten eignet. Dafür wurde eine nachhaltige Kühlung installiert: Nach heißen Sommertagen speisen auf dem Dach aufgestellte Rückkühler ohne Einsatz von Kompressionstechnik die Kälte in den Nachtstunden direkt in die Bauteilaktivierung der Betondecken ein. Auch über die Doppelfassade wird dann kühle Luft ins Gebäude geführt.

 

Etwas anders hat dies ein Unternehmen im Wissenschaftspark Berlin-Adlershof geplant: Lufttechnik Schmeißer hat sich auf eine Technik spezialisiert, die Lüftung, Heizung und Kühlung nur über die Luft ermöglicht. Über 100 Jahre alt ist das Familienunternehmen, seit 14 Jahren residiert es am Standort Berlin-Adlershof. In der Produktionsstätte, die sich die Firma mit einem anderen Unternehmen teilt, werden Be- und Entlüftungssysteme und Wärmepumpen für Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser, Schulen, Sporthallen und andere Gebäude gefertigt. 

 

Ein Referenzprojekt ist das firmeneigene Gebäude, das vor zwei Jahren bezogen wurde. „Es handelt sich um ein Gebäude im Passivhauscharakter mit Erdwärmeheizung“, erläutert Miteigentümer Thomas Schmeißer. Mehrere Bohrungen in hundert Meter Tiefe liefern stabil Sole mit einer Wärme von zehn Grad Celsius. Im Winter komprimiert eine Wärmepumpe die Energie aus der Erde und wandelt sie in Heizwärme um. Mit dieser Energie wird die Frischluft geheizt und über Belüftungszugänge in jeden Raum eingespeist, so Thomas Schmeißer: „Heizkörper oder Fußbodenheizung sind nicht nötig.“ Zusätzlich wird der Abluft über eine Wärmerückgewinnungsanlage die Wärme entzogen. Sie wird ebenfalls für die Heizung der Frischluft verwendet. Im Sommer wird die Wärmepumpe einfach ausgeschaltet. Aus der Erde wird zehn Grad kalte Sole geliefert – es wird also passiv gekühlt. Der gesamte Heizenergievebrauch im Gebäude beträgt damit nur 10 bis 15 Watt pro Quadratmeter. Vergleichbare Gebäude mit konventioneller Energieversorgung verbrauchen 40 bis 100 Watt oder mehr.