Oktober 2017 | Handelsblatt | Zukunft Deutschland

Energiewende unter Druck

Die USA hadert mit dem Klimaschutz, China hingegen will zur neuen Green-Tech-Weltmacht aufsteigen. Gerät die deutsche Wirtschaft ins Abseits?

Illustration: Sören Kunz
Klaus Lüber / Redaktion

Als US-Präsident Donald Trump im Sommer mit markigen Worten angekündigte, aus dem Klimaabkommen von Paris auszusteigen, war das Entsetzen groß. Wird das Vorhaben, den weltweiten Klimawandel durch den Ausbau Erneuerbarer Energien zu stoppen, zur Farce, wenn sich die größte Industrienation der Welt nicht daran halten will? Und, vor allem: Was bedeutet der angekündigte Austritt der Wirtschaftsmacht für die Energiewende in Deutschland und die EU?

Heute zeichnet sich ab: Auch der konservative US-Präsident kann das Rad offenbar nicht zurückdrehen. Jedenfalls hieß es Ende September aus Regierungskreisen, man wolle sich die Tür für eine Rückkehr in das Abkommen weiterhin offen halten. Auch US-Außenminister Rex Tillerson machte einen Rückzieher: „Wir möchten produktiv sein, wir möchten hilfreich sein“, sagte er in einem Interview mit dem US-Sender CBS.

Alles heiße Luft?

Offenbar steht die Energiewende nach deutschem Vorbild auf einem festerem Fundament, als viele zuvor glaubten. Denn was Trumps vollmundige Ankündigung in heiße Luft verwandeln könnte, ist eine technische und ökonomische Revolution auf dem Sektor der Erneuerbaren Energien. Eine Revolution, die schon vor Jahrzehnten schleichend begann, inzwischen aber eine globale Trendwende nach sich gezogen hat.

Jahrzehntelang schien es so, als ob nachhaltige Energieversorgung auf verlorenem Posten stünde. Windkraft, Sonnenenergie, Biomasse klang gut – aber wer sollte sich die teure Technologie leisten? Was sollte mit den Hundertausenden Arbeitsplätzen aus der Förderung fossiler Energieträger geschehen? Und könnte Ökostrom wirklich eine realistische Alternative für aufstrebende Wirtschaftsnationen wie Indien und China sein, die ihren enormen Energiebedarf doch so viel leichter mit Kohle kompensieren zu können schienen. Die Erneuerbaren Energien, so das Narrativ, seien mit dem kapitalistischen Mantra des Wirtschaftswachstums nicht vereinbar und deshalb, leider, zum Scheitern verurteilt.

Diese Einstellung hat sich grundlegend geändert. Inzwischen erwarten immer mehr Volkswirtschaften ausgerechnet von alternativer Energieerzeugung langfristig höhere Wachstumsraten. Das gilt selbst für die lange von der Kohle- und Öl-Lobby dominierten US-Energiewirtschaft. Statt sich über Trumps Absage an den Klimaschutz zu freuen, äußern viele Unternehmen Kritik am Kurs des US-Präsidenten. Schon heute sind viele US-Stromerzeuger massiv am Ausbau von Wind- und Solarenergie beteiligt. Laut Zahlen des REN21 Renewables Global Status Report liegt die USA im Bereich Neuinvestitionen in Erneuerbare Energien 2017 weltweit auf Platz 2 – vor Großbritannien, Japan und Deutschland.

China, das vor noch nicht allzu langer Zeit auf dem Recht beharrte, sein Wirtschaftswachstum mit Kohlekraft antreiben zu dürfen, um den Vorsprung der westlichen Länder aufzuholen, konzentriert sich immer stärker auf den Ausbau grüner Energie. Laut einer Studie des US-Think-Tanks IEEFA haben chinesische Konzerne 2016 weltweit mindestens 32,1 Milliarden Dollar in Unternehmen und Projekte aus dem Erneuerbare-Energien-Sektor investiert. Das Land, so heißt es, wolle zur weltweiten Führungsmacht für erneuerbare Energien aufsteigen. Dabei spielt Deutschland eine Schlüsselrolle. Das Land, das die Energiewende wie bislang kein anderes vorangetrieben hat, wird inzwischen als Experte für technische Lösungen und Innovationen im Bereich der Erneuerbaren Energien weltweit geschätzt. China investiert große Summen, um sich Green-Tech „Made in Germany“ einzukaufen – und sei es durch die Übernahme ganzer Firmen. 2016 schluckte die Holding Beijing Enterprises für rund 1,4 Milliarden Euro das niedersächsische Unternehmen EEW, das Müll in Prozesswärme für industrielle Produktion umwandelt. Mit dem so eingekauften Know-how sollen Müllverbrennungsanlagen in der Volksrepublik gebaut werden. Eine ähnliche Strategie verfolgte der chinesische Konzern Three Gorges bei der Übernahme der Bremerhavener WindMW GmbH im Juni 2017. Hier wurde für 1,6 Milliarden Dollar der Zugriff auf deutsche Windkrafttechnologie eingekauft. Die WindMW GmbH betreibt Meerwind, einen der größten deutschen Offshore-Windparks.

Die deutsche Regierung sieht solche Deals nicht nur positiv. Man sollte, so Noch-Umweltministerin Barbara Hendricks im Vorfeld der UN-Klimakonferenz im November dieses Jahres in Bonn, die internationale Führungsrolle im Bereich alternative Energien nicht völlig an China abtreten. Hier seien Deutschland und die EU gefragt, gerade angesichts des unklaren Kurses der USA. Besonders wichtig, so Bundeskanzlerin Angela Merkel auch im Hinblick der Eigeninteressen der chinesischen Wirtschaft, sei die im Pariser Abkommen festgehaltene Verpflichtung in Hinblick auf Finanzierungsfragen, mit denen man ärmeren Ländern helfen wolle. Auch die im Rahmen des kürzlich abgehaltenen G20-Gipfels in Hamburg vorgestellten Regierungsinitiativen zur Verbesserung der Wirtschaftsbeziehungen mit Afrika zielen in diese Richtung.

Mehr Ehrgeiz gefragt

Gerade unter diesen Voraussetzungen muss sich Deutschland allerdings auch der Kritik stellen, bislang hinter den eigenen Erwartungen zurückgeblieben zu sein. Zwar befindet sich der Ausbau alternativer Energien nach wie vor auf hohem Niveau, im Jahr 2016 stieg der Anteil der erneuerbaren Energien am deutschen Bruttostromverbrauch auf 31,7 Prozent. Doch bei einem der Hauptziele des Klimaschutzes, der Reduktion des CO2-Ausstoßes, sind kaum Fortschritte zu verzeichnen. 2013 nahm sich die Bundesregierung vor, den jährlichen CO2-Ausstoß bis 2020 um 200 Millionen Tonnen zu reduzieren. Bis heute, nach etwas über der Hälfte der Strecke, sind erst 40 Millionen Tonnen geschafft.

Warum ist das so? Deutschland, der weltweite Vorreiter in saubersten Energie-Technologien, kann sich selbst – im Augenblick jedenfalls – noch nicht von der dreckigsten Form der Energieerzeugung lossagen: der Kohle. Während jedes Jahr Tausende Windräder und Solaranlagen errichtet werden, laufen viele Kohlekraftwerke dennoch weiter und exportieren zudem Milliarden Kilowattstunden Strom ins Ausland. Die Energiewende bleibt selbst für das Vorbild Deutschland weiterhin eine Herausforderung.