Zimmer und Zonen

März 2015 | Die Welt | Wohnen der Zukunft

Zimmer und Zonen

In der Wohnung der Zukunft werden Grundrisse flexibler gehandhabt. Das hat auch Einfluss auf die Gestaltung des Innenraumes. Besonders augenfällig ist der Wandel in unseren Bädern.

Mark Falter / Redaktion

Die Art, wie wir wohnen, sagt man, ist ein Spiegel unserer kulturellen Identität. Große gesellschaftliche Trends bilden sich in den Grundrissen und Einrichtungen unserer Häuser ab. Wenn wir heute bauen, dann nicht mehr nur, um Schutz zu suchen oder Privatheit zu leben. Sondern uns in unserem Drang zu unterstützen, mobil zu sein, flexibel reagieren zu können auf ein Leben, das immer mehr Überraschungen für uns bereit hält.

 

Im Wohnungsbau der Zukunft werden aus Räumen „Wohnzonen“, die sich nicht nur vom Konzept eines statischen Grundrisses, sondern auch von der klassischen Aufteilung in „Wohnfunktionen“ entfernen. „Ineinander fließende Räume erweitern die Blickbeziehungen und Kommunikationsmöglichkeiten. Zudem entsteht durch die nicht vorhandenen Trennwände eine größere Nutzungsfläche“, so der Architekt Achim Hack, Professor an der Fakultät für Gestaltung der Universität Wismar. 

 

Aus Schlafzimmern werden Erholungsräume zum Entspannen, Lesen und Fernsehen. Die Küche dient nicht mehr vordergründig der Versorgung, sondern wird immer mehr zum kommunikativen Zentrum der Wohnung. Die Funktionen Essen und Wohnen bilden eine Einheit. Der Tisch in dieser Wohnküche wird größer und multifunktionell. Während die Mutter am einen Ende einen kleinen Nachmittagsimbiss zu sich nimmt, beginnen die Kinder am anderen Ende schon mit den Hausaufgaben.

 

Vielleicht am augenfälligsten ist dieser Wandel am Beispiel des Bades zu beobachten. Man erinnert sich: diese waren bislang vor allem ein Ort der nüchternen Funktionalität. Zukünftig aber, so jedenfalls prophezeien es Trendexperten, werden sich Bäder durch eine neue Raumaufteilung auszeichnen. Aus der ehemaligen Nasszelle wird ein Raum der neuen Wohnlichkeit mit einer vollkommen neuen Raumaufteilung, in der zum Beispiel durch kleinere Vormauerungen, Trennwände oder auch freistehende Waschtische, Duschen oder Wannen verschiedene Nutzungszonen definiert werden.

 

Vorbei sind auch die Zeiten der so genannten Schimmbad-Optik, wie Innenarchitekten rundum geflieste Badwände mittlerweile etwas kritisch betiteln. „Es reicht völlig, nur die Dusche komplett zu fliesen“, so Innenarchitektin Birgit Hansen aus Köln, die sich auf Badsanierungen spezialisiert hat. „Im Spritzwasserbereich, etwa hinter Waschbecken und Toilette sowie direkt an der Badewanne ist ein Fliesenspiegel in Höhe von einem Meter zwanzig optimal, die restlichen Wände im Bad bleiben nur verputzt. Das ist auch besser fürs Raumklima.“

 

Auch die Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz werden in der Badplanung immer wichtiger. Neue Armaturen senken den Wasserverbrauch und somit, bei Warmwasser, auch den Energiebedarf im Haushalt. Mit Thermostatarmaturen, die man an Waschbecken oder Duschen anbringen kann, wird das Wasser schon vor dem Aufdrehen des Wasserhahns auf eine ideale Temperatur vorgemischt. So erreicht man beim Duschen schnell die richtige Wärme, ohne unnötig heißes oder kaltes Wasser beim Vorregeln zu verschwenden. Sogenannte Perlatoren oder Strahlregler sorgen zudem dafür, auch während des Duschens oder Händewaschens nicht unnötig viel Wasser zu verbrauchen. Das fließende Wasser wird hierzu zerstäubt und mit kleinen Luftbläschen angereichert: die Wasserverteilung bleibt gleich, der Verbrauch reduziert sich dennoch.

 

Ein weiterer Trend sind generationengerechte Konzepte. Es kann durchaus sinnvoll sein, Bäder auf im Hinblick auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Nutzer zu planen. Kleine Kinder bewegen sich anders zwischen Waschbecken, Dusche und Badewanne als der 40-jährige Familienvater oder dessen 70-jähriger Vater, der zu Besuch ist. „Easy Bathroom“ nennt die Vereinigung Deutsche Sanitärwirtschaft (VDS) ein solches Zukunftskonzept, das zum Beispiel einen rutschfesten Bodenbelag, ausreichend Platz für Rollstühle und Rollatoren, unterfahrbare Waschtische, Sitzgelegenheiten in der bodenebenen Dusche oder Haltegriffe an Badewanne und Toilette umfasst.

 

So vielfältig die Gestaltungsmöglichkeiten in der Zukunft allerdings auch sein mögen, so ernüchternd sieht die Situation in der Gegenwart aus. Bäder in deutschen Privathaushalten sind im Durchschnitt keine acht Quadratmeter groß, 28 Prozent kommen nicht einmal auf sechs Quadratmeter, so das Ergebnis einer Studie des Branchenverbands VDS. Die Architektin Birgit Hansen ist deshalb auch etwas skeptisch: „In vielen Bauten aus den Siebzigern und Achtzigern ist zum Beispiel der Bodenaufbau sehr niedrig. Da ist kaum Platz, um Leitungen in den Boden zu versenken.“ Eine ebenerdige Dusche könne man unter solchen Bedingungen zum Beispiel nicht realisieren.

 

Auch beim allgemeinen Trend zu flexibleren Wohnzonen, der ja nicht nur für Bäder, sondern für den gesamten Wohnbereich gilt, ist nach der Meinung von Experten durchaus Sorgfalt in der Planung angebracht. Vor allem für Familien mit kleinen Kindern haben offene Grundrisse zunächst viele Vorteile. Doch die Kinder werden älter und plötzlich werden Räume wieder interessant, die Rückzugsmöglichkeiten bieten, sowohl für den laut Musik hörenden Nachwuchs als auch für die Entspannung suchenden Eltern.  

 

Eine Lösung könnten flexible Raumabgrenzungen sein – ein Markt mit Wachstumspotenzial, wie die Studie „Zukunft des Wohnens“ der Zukunftsinstitut GmbH prophezeit: „Die Raumstruktur gibt dabei das grobe Muster vor, während die Einrichtung präzise auf die Bedürfnisse der Lebensstile und Lebensphasen der Bewohner reagiert.“ So könnten tragende Wände nur noch für den Randbereich eingeplant werden und einzelne Wohnzonen durch fest installierte oder verschiebbare Trennwände definiert werden. 

 

Eine weiteres interessantes und auch überraschendes Ergebnis der Studie: Der klassische Altbau – man könnte denken, kaum ein Vorbild, wenn es darum geht, das Wohnen der Zukunft zu planen – erweist sich im Gegenteil als besonders zukunftsfähig. Mit seinen oft mehreren gleich großen Zimmern ohne feste Funktionszuschreibung sei er bestens geeignet, in Raumzonen zu denken. Man rechne mit einer steigenden Nachfrage.