»Technik sollte nicht zum Leitmotiv in der Gebäudeplanung werden.«

September 2017 | Die Welt | Das intelligente Haus
Wohnen der Zukunft
Die Redaktion befragt Akteure zu den Trend-Themen Smart Home und Energieeffizienz.
September 2017 | Die Welt | Das intelligente Haus

»Technik sollte nicht zum Leitmotiv in der Gebäudeplanung werden.«

Dr. Christine Lemaitre / Geschäftsführender Vorstand; Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V.

Bei der Diskussion über das „intelligente Haus“ und den damit verbundenen technischen Möglichkeiten sollte nicht vergessen werden, warum wir überhaupt bauen. Oder besser noch: für wen. Wir bauen für uns, für die Menschen, die einen großen Teil ihres Lebens in Gebäuden verbringen. Daher sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass der Mensch mit seinem Bedürfnis nach Gesundheit und Wohlbefinden im Mittelpunkt der planerischen und baulichen Entscheidungen steht.

Diesen Grundsatz verfolgt die DGNB als Bestandteil ihres Nachhaltigkeitsverständnisses seit ihrer Gründung vor zehn Jahren. Auch in ihrem Zertifizierungssystem für nachhaltige Gebäude und Quartiere hat es die DGNB von Anfang an verankert. Die neue Version 2017 des Systems führt dieses grundlegende Verständnis weiter und fördert es verstärkt. Hierzu zählt auch die kritische Auseinandersetzung mit der eingesetzten Technik in einem Gebäude und der damit einhergehenden, möglichen Entmündigung der Nutzer. Schließlich ist die Selbstbestimmung und Verantwortung der Nutzer ein notwendiger und essentieller Baustein, um einen sinnvollen und angemessenen Gebäudebetrieb sicherzustellen.

Richtig eingesetzt, kann Gebäudetechnik zweifelsfrei einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass wir uns zuhause und bei der Arbeit behaglich fühlen. Dabei geht es zum Beispiel um angenehme Raumluftfeuchten oder um komfortable Temperaturen. Auch mit Blick auf das Energiesparpotenzial oder unser Sicherheitsempfinden kann Technik Positives leisten. Doch der Einsatz von Technik nur um der Technik und nicht um des Menschen willen, sollte nicht zum Leitmotiv in der Gebäudeplanung werden. Schließlich hat Komfort immer auch mit persönlichem Empfinden zu tun. Daher gibt es im DGNB-System ein eigenes Kriterium, das belohnt, wenn die Menschen nach ihren individuellen Präferenzen geeignete Raumkonditionen herstellen können.
 

www.dgnb.de

September 2017 | Die Welt | Das intelligente Haus

»Gesucht sind industrieübergreifende Kooperationen und neue Wertschöpfungsketten.«

Martin Pietzonka, Jakob Schofer / Leiter der Geschäftsstelle; Projekt- und Innovationsmanager Connected Living

Intelligente Wohnumgebungen, sog. Smart Homes, haben das Ziel, durch vernetzte Sensoren und Aktoren das Leben der Menschen zu erleichtern, Wohnkomfort und Lebensqualität zu erhöhen sowie die Sicherheit und die Energieeffizienz zu verbessern. Die Technologien tragen weiterhin dazu bei, dass Menschen länger selbstständig in den eigenen vier Wänden leben können. Altersgerechte Assistenzsysteme erkennen beispielsweise Stürze des Bewohners und alarmieren den Notruf, der ohne Zeitverzug die Haustür automatisch öffnen kann.

Intelligente Möbel stellen sich auf die Bedürfnisse der Bewohner ein: Per App oder Sprachbefehl kann die Höhe von Arbeits-, Koch- und Spülmodulen an ergonomische Anforderungen angepasst werden. Smart Homes können aber auch beim Erreichen von Gesundheitszielen unterstützen: Ernährungs- und Fitnessassistenten informieren stets über den aktuellen Stand und passen Training und Rezeptauswahl an. Vor dem Schlafengehen ermitteln Sensoren die Luftqualität, die für einen gesunden Schlaf wichtig ist.

Um Lösungen mit klarem Kundenmehrwert zu entwickeln, bedarf es industrieübergreifender Kooperationen und neuer Wertschöpfungsketten. Das Innovationszentrum Connected Living unterstützt seit mehr als acht Jahren die Etablierung dieser Partnerschaften. In Deutschlands größter Open-Innovation-Plattform arbeiten mehr als 60 Partner aller Branchen gemeinsam an der Entwicklung kundenzentrierter Services und intuitiv nutzbarer Technologien für das Smart Home und digital vernetzte Leben. Mit interaktiven Events wie der Connected Living ConnFerence, Innovationsworkshops, vorwettbewerblichen Gesprächen sowie mit seinem „Smart Life Lab“ und F&E-Projekten fördert Connected Living interdisziplinäre Kooperationen und Geschäftsmodelle sowie den fachlichen Austausch.
 

www.connected-living.org

September 2017 | Die Welt | Das intelligente Haus

»Die Sprache für Energie verbreitet sich weiter und macht Häuser wirklich intelligent.«

Joseph Baumeister / Geschäftsführer der EEBUS Initiative e.V.

Ein Haus wird nicht allein dadurch intelligent, dass sich Geräte per App übers Heimnetzwerk fernsteuern lassen. Es sollte mithilfe seiner vernetzten Ausrüstung auch Aufgaben der Haustechnik selbstständig erledigen. Dieser Anspruch für die viel beschworene Smart-Home-Technik ist in kaum einem Feld so wichtig wie beim effizienten Umgang mit Energie. Die Energiewende ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die bis in jeden einzelnen Haushalt wirkt – etwa durch dezentrale Photovoltaikanlagen, die zu bestimmten Zeiten besonders günstigen Strom erzeugen, oder durch immer mehr elektrische Autos, die mehrheitlich zuhause geladen werden.

Daher werden sich Geräte verschiedener Anwendungsbereiche im Haus immer weiter vernetzen. Das ist die Mission der EEBUS-Initiative mit ihrem Motto: „Speak Energy“. Mithilfe der Kommunikationsregeln im EEBUS-Standard kommunizieren Heizungen, Wärmepumpen, Haushaltsgeräte, E-Auto-Ladetechnik, Photovoltaikanlagen wie auch Energiemanager und Smart-Home-Systeme über Hersteller- und Branchengrenzen hinweg und sorgen für den effizienten Einsatz von Energie. Ein Smart-Home-System kann mithilfe von Informationen zur An- oder Abwesenheit der Bewohner damit beispielsweise die Betriebsart der Heizungstherme beeinflussen. Oder eine E-Mobil-Ladestation klärt mit dem Energiemanager der Photovoltaikanlage auf dem Hausdach ab, wann überschüssiger Strom aus Eigenproduktion das Elektroauto möglichst günstig lädt.

Über den EEBUS-Standard kommunizieren bereits heute marktreife Geräte im Haus, weitere kommen kontinuierlich hinzu. Die Kommunikationsregeln zwischen den Geräten werden von den fast 70 Mitgliedsfirmen der EEBUS Initiative gemeinsam entwickelt. Nach der Standardisierung stehen diese frei zur Verfügung – auch für Nichtmitglieder. So verbreitet sich die Sprache für Energie weiter und macht Häuser wirklich intelligent.
 

www.eebus.org