Zukunft der Herzmedizin

März 2019 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Zukunft der Herzmedizin

Welche neuen Entwicklungen gibt es in der kardiovaskulären Medizintechnik?

Illustration: Dirk Oberländer
Dr. Ulrike Schupp / Redaktion

Mit dem Herzschrittmacher ins MRT? Lange Zeit war das unmöglich, zu groß das Risiko, dass es zu schweren Störungen und Fehlfunktionen des Geräts kommt. Doch inzwischen ist das anders. Zu den jüngsten Errungenschaften der kardiovaskulären Medizintechnik gehören Schrittmacher, die selbständig erkennen, wenn sich ein Patient bei einer Magnetresonanztomografie (MRT) der Untersuchungs-Umgebung auch nur nähert. Das Implantat wechselt dann sofort in einen geschützten Modus und schaltet danach automatisch wieder in die Ausgangsprogrammierung mit dem vollen Funktionsumfang zurück. So wird das Risiko einer Fehlfunktion während der Untersuchung minimiert. Fast alle neueren Schrittmacher verfügen außerdem über Funktionen zur Fernnachsorge nach einem kardialen Ereignis.


Digitale Verfahren und moderne Medizintechnik prägen die Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen jedoch nicht erst seit gestern und führen hier auch bei schweren Leiden häufig zu weitaus günstigeren Prognosen als ältere Therapien. Ein Herzinfarkt ist zwar nach wie vor ein ernstes, lebensbedrohliches Ereignis. Doch zum Glück sind die Überlebenschancen inzwischen deutlich gestiegen – vorausgesetzt, der Patient kommt schnell genug ins Krankenhaus.


Bei einem Infarkt verschließt sich ein Blutgefäß im Herzen, sodass Durchblutung und Sauerstoffzufuhr nicht mehr gewährleistet sind. Ursache ist meist die Entstehung eines Blutgerinnsels. Und nur dann, wenn ein Herzchirurg oder eine Herzchirurgin die verschlossene Stelle schnell erkennt und wieder öffnet, sodass das Blut ungehindert hindurchfließt, lässt sich verhindern, dass das Herzmuskelgewebe abstirbt und es zu schweren Einschränkungen der Funktion des Herzens kommt.


Großen Anteil an der besseren Prognose für Infarktpatienten haben Behandlungsverfahren mit Medizinprodukten wie beispielsweise Stents, winzigen, meist medikamentenbeschichteten Gefäßstützen aus Metall, die das verengte Gefäß nach dem minimalinvasiven Öffnen frei halten. Bei der Implementierung spielen digitale, bildgebende Verfahren eine zentrale Rolle. Ein wichtiges Instrument der Kardiologie ist die Herzkatheder-Untersuchung, die am Monitor unmittelbar mitverfolgt werden kann. Durch sie werden Stenosen, gefährliche Verengungen der Gefäßwände, die oft über Jahre hinweg durch Ablagerungen von Plaques aus Fett und Kalkpartikeln in den Blutgefäßen des Herzens entstanden sind, sichtbar. Der Katheter selbst ist ein dünner Kunststoffschlauch, der unter Röntgenkontrolle vorsichtig über ein Blutgefäß der Leiste, des Ellenbogens oder der Handbeuge bis zum Herzen geführt wird.


Bei Bedarf können schon während der Untersuchung vom Verschluss bedrohte Gefäße durch einen Ballon am Ende des Katheters zunächst gedehnt und dann gleich auch mit einem Stent versehen werden. Herzkatheter-Untersuchungen können über den Bildschirm auch weitere Erkrankungen des Herzens, des Herzmuskels oder der Herzklappen anzeigen.


Schon heute bestimmen bildgebende Verfahren, bei denen Untersuchungsergebnisse oder OP-Verläufe über Computermonitore angezeigt und dabei Daten gesammelt werden, den Behandlungsalltag. Geht es um Prävention, setzen sich jedoch auch medizintechnische Geräte für zuhause weiter durch. Über Wearables wie Fitness Tracker oder Gesundheits-Apps können Daten gesammelt werden für eine individuellere Behandlung der Patienten, die dadurch vor allem bei der Etablierung eines gesünderen Lebensstils unterstützt werden.

Beim Telemonitoring geht es darüber hinaus um das regelmäßige Erfassen von medizinisch relevanten Informationen, die der Patient beispielsweise über ein mobiles EKG-Gerät oder einen Blutdruckmesser selber misst und die dann an eine Telemonitoring-Zentrale weitergeleitet werden. Diese Zentrale kann gegebenenfalls einen Notruf auslösen, den Rettungswagen alarmieren, die Notärztin mit Informationen versorgen oder den Patienten kontaktieren und beraten. Therapien können auf diese Weise schnell angepasst und Notfälle oft verhindert werden. Außerdem muss der Patient seltener zur Kontrolle und gewinnt an Selbstverantwortung und Wissen über die eigene Erkrankung. Den behandelnden Ärzten und Ärztinnen liegen alle Daten vor, die sie benötigen und es kommt nicht mehr so häufig zu Doppeluntersuchungen.


In Deutschland leiden etwa 1,7 Millionen Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die gleichzeitig mit zu den häufigsten Todesursachen in der westlichen Welt zählen. Gerade auch für sie bringen digitale Technologien mehr Sicherheit und Lebensqualität. Komponenten oder auch Implantate zur Behandlung von Herzinsuffizienz werden immer kleiner und erfüllen dabei gleichzeitig immer umfassendere und vielfältigere Funktionen. Implantierte Defibrillatoren, die durch Stromimpulse schwerwiegende Herzrhythmusstörungen beenden sollen oder spezielle Geräte zur kardialen Resynchronisation, die den Herzmuskel beim Zusammenziehen unterstützen, sind heute fähig, über kleine Sensoren Daten zur Veränderung des Herzrhythmus oder bestimmter Werte an die Kardiologie zu senden und dadurch eventuell Leben zu retten.


Einer Studie zufolge konnte das Sterberisiko von Menschen mit einem solchen implantierbaren Kardioverter-Defibrillator nach einem Jahr um 38 Prozent gesenkt werden, wenn der Gesundheitszustand der Patienten außerdem per Home Monitoring überwacht wurde. Gleichzeitig sank auch das Risiko, dass ein Patient wegen einer sich verschlechternden Herzinsuffizienz ins Krankenhaus eingewiesen werden musste, um 36 Prozent. Das Monitoring erfasst und analysiert Daten, die wichtig sind, um implantats- oder gesundheitsbezogene Ereignisse früh zu erkennen.


Allerdings verändern sich durch intelligente Implantate in Miniaturform, bildgebende Verfahren, Tele- und Home Monitoring nicht nur Prozessketten und Abläufe in der medizinischen Arbeit und Behandlung. Es entsteht eine immer stärkere digitale Vernetzung, durch die Herausforderungen bei der Gestaltung von Schnittstellen sowie der Verwaltung und dem Schutz der gesammelten Daten immer weiter an Brisanz gewinnen.