Zukunft der Herzmedizin

März 2018 | Die Zeit | Zukunft Medizin

Zukunft der Herzmedizin

Die Kardiologie hat wichtige Erfolge zu vermelden, vor allem im Bereich der minimalivasiven Verfahren. Darüber hinaus liegt die Zukunft in einer noch verstärkten Nutzung digitaler Technologien.

Illustration: Juliana Toro Suarez
Dr. Ulrike Schupp / Redaktion

Nach dem dritten Dezember 1967 war plötzlich alles anders. Christiaan Barnard, ein junger unbekannter Chirurg aus Kapstadt, hatte es gewagt, ein menschliches Herz zu verpflanzen – zum ersten Mal in der Medizingeschichte. Nur „eine Tasse Tee“ soll er nach der etwa fünfstündigen Risikooperation verlangt haben. Das Herz schlug im fremden Körper weiter und die Welt feierte am nächsten Tag den Quantensprung in der Herzmedizin.

Weltbewegend sind die Fortschritte nicht immer. Aber es hat sich vor allem in den letzten 30 Jahren viel getan in der Kardiologie. Die Medikamente, mit denen Herzpatienten heute behandelt werden, wirken viel besser als ihre Vorgänger. Durch moderne Diagnose- und Therapieverfahren können Ärzte Herzkrankheiten schneller erkennen und ihren Patienten oft ein vergleichsweise gutes Leben auch mit der Erkrankung ermöglichen.

Ein wichtiges Instrument in der modernen Medizin ist die Herzkatheter-Untersuchung. Durch sie werden Stenosen, die gefährlichen Verengungen der Gefäßwände, die oft über Jahre hinweg  durch Ablagerungen von Plaques aus Fett und Kalkpartikeln in den Blutgefäßen des Herzens entstanden sind, auf einem Monitor sichtbar. Der Katheter selbst ist ein dünner Kunststoffschlauch, der unter Röntgenkontrolle vorsichtig über ein Blutgefäß der Leiste, des Ellenbogens oder der Handbeuge bis zum Herzen geführt wird. Obwohl sich das gefährlich anhört, ist die Untersuchung minimalinvasiv und nicht schmerzhaft für den Patienten. Bei Bedarf können schon während der Untersuchung vom Verschluss bedrohte Gefäße durch einen Ballon am Ende des Katheters zunächst gedehnt und dann gleich auch mit winzigen meist medikamentenbeschichteten Gefäßstützen aus Metall versehen werden. Die sogenannten Stents sorgen dafür, dass die Durchblutung wieder funktioniert. Herzkatheter-Untersuchungen können über den Bildschirm auch weitere Erkrankungen des Herzens, des Herzmuskels oder der Herzklappen anzeigen.

Sogar gefürchtete kardiovaskuläre Ereignisse wie der Herzinfarkt, bei dem Blutgefäße im Herzen meist durch das Einreißen und die Ablösung von Plaques plötzlich vollständig verschlossen sind, können mithilfe des Katheters behandelt werden. Der Einsatz von Stents erspart den Patienten oder der Patientin damit häufig die Bypass-Operation durch den Chirurgen. Diese galt lange als einzig mögliche Therapie nach einem Infarkt. Voraussetzung ist allerdings, dass der Patient schnellstmöglich in ein Krankenhaus kommt. Durch den Gefäßverschluss stirbt das Muskelgewebe ab, weil es nicht mehr durchblutet wird. Eine Situation, die lebensbedrohlich werden kann, weil das Herz nicht mehr in der Lage ist, Blut durch den Körper zu pumpen. Dank der modernen Diagnose- und Behandlungsverfahren ist die Sterblichkeit bei einem Infarkt jedoch stark gesunken. Zu den großen technischen Fortschritten in der Herzmedizin zählen außerdem Meilensteine wie die Entwicklung und Weiterentwicklung der Herzschrittmacher, der Stents oder der Tavis, der ebenfalls katheterbasierten Implantation von Aortenklapppen.

Bei allen Vorteilen, die die minimalinvasive Kardiologie bietet, ist allerdings die Zusammenarbeit mit der Herzchirurgie, auch mit Blick auf die Zukunft des Patienten, mehr als empfehlenswert, um die bestabgestimmte Therapie für den Einzelnen zu finden. Die traditionelle Trennung von Herzchirurgie und Kardiologie wird deshalb zunehmend hinterfragt und in der medizinischen Entwicklung kommt den Herzzentren eine zentrale Bedeutung zu. „Nur in fachübergreifenden und überregionalen Herzzentren können hochspezialisierte Teams eingesetzt werden, die dank hoher Fallzahlen auch über eine entsprechende Routine und damit Behandlungssicherheit verfügen“, sagt Prof. Dr. Volkmar Falk, Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin und der Klinik für Kardiovaskuläre Chirurgie der Charité. Vor kurzem erst haben sich die Charité – Universitätsmedizin Berlin und das Deutsche Herzzentrum Berlin zum Universitären Herzzentrum Berlin zusammengeschlossen, um „Herzmedizin auf internationalem Niveau“ zu gewährleisten.

Darüber hinaus liegt die Zukunft in einer noch verstärkten Nutzung digitaler Technologien. Schon heute spielen bildgebende Verfahren, bei denen Untersuchungsergebnisse oder OP-Verläufe über Computermonitore angezeigt werden, wie eben auch bei den Katheter-Untersuchungen, eine wichtige Rolle. Geht es um Prävention, setzen sich medizintechnische Geräte für zuhause weiter durch. Über Wearables wie Fitness-Tracker oder über Gesundheits-Apps können Daten gesammelt werden für eine individuellere Behandlung des Patienten, der dadurch aber vor allem in der Beibehaltung eines gesünderen Lebensstils unterstützt wird.

Beim Telemonitoring geht es um das regelmäßige Erfassen von Daten, die der Patient beispielsweise über ein mobiles EKG-Gerät oder einen Blutdruckmesser selbst misst und an eine Telemonitoring-Zentrale weiterleitet. Diese kann gegebenenfalls einen Notruf auslösen, den Rettungswagen alarmieren, den Notarzt mit Informationen versorgen oder den Patienten kontaktieren und beraten. Therapien können schnell angepasst und Notfälle oft verhindert werden. Kontrolluntersuchungen sind seltener nötig, die Patienten gewinnen an Selbstverantwortung und wissen mehr über die eigene Erkrankung. Den behandelnden Ärzten liegen sämtliche  Daten vor, die sie benötigen und Doppeluntersuchungen werden damit häufiger überflüssig.

Etwa 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer Herzschwäche, die mit zu den häufigsten Todesursachen zählt. Gerade auch für sie bringen digitale Technologien mehr Sicherheit und Lebensqualität. Implantierte Defibrillatoren, die durch Stromimpulse schwerwiegende Herzrhythmusstörungen beenden sollen oder spezielle Geräte zur kardialen Resynchronisation sind heute fähig, über kleine Sensoren Daten zur Veränderung des Herzrhythmus oder bestimmter Werte an die Kardiologie zu senden und dadurch eventuell Leben zu retten. Und obwohl das sicher ein Meilenstein in der Medizin ist, sollte nicht vergessen werden, dass der Schutz der gesammelten Daten ebenso wie die Verwaltung und Strukturierung der Datenmengen nach wie vor zu den Herausforderungen zählen, denen sich Medizin und IT gemeinsam stellen müssen.